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Wo die Avantgarde baden ging

Nacktbaden mit Hund, Nacktbaden ohne Hund – die Strandabschnitte auf Sylt waren in den 30er Jahren genau eingeteilt. Die Insel war damals Treffpunkt für Künstler und Literaten, die hier ihre Sommerfrische genossen.

Menschen auf dem Weg zum Strand, ausgerüstet mit Aktentasche und Fotoapparaten (schwarz-weiß Foto: Sylter Archiv in Westerland)

Kreatives Inselleben?

Auch der Verleger Peter Suhrkamp war ein großer Fan der Insel. Er hatte ein Haus hier, das er selbst nutzte und in das er auch immer wieder Autoren einlud. Heute liegt Peter Suhrkamp auf dem Inselfriedhof begraben, er starb am 31. März 1959.

Inselidylle mit Blick aufs Watt

Das Friesenhaus hatte Suhrkamps Frau Annemarie Seidel mit in die Ehe gebracht. Es liegt auf einer Anhöhe über dem Watt, umgeben von einem mit Gräsern bewachsenen Steinwall und einer Hecke, die den Blick von außen verwehrt. Hierhin zog der Peter Suhrkamp sich zurück, wenn er Ruhe brauchte. Wie oft der Verleger nach Sylt reiste, ist nicht bekannt. Aber er tauchte grundsätzlich nicht auf, wenn die eingeladenen Autoren – meist für mehrere Wochen – in Kampen verweilten. Eine Haushälterin sorgte dafür, dass die schreibenden Gäste versorgt waren.

Einer der ersten Schriftsteller, die Suhrkamp in sein Sylter Domizil einlud, um sich in der einsamen Natur aus Wind, Wellen und Dünen eine Auszeit zu gönnen, war Ernst Penzoldt. Seine Tochter Ulla Penzoldt, Jahrgang 1926, erinnert sich noch gut an die Schilderungen ihres Vaters. Man habe zusammen mit der Haushälterin Margarete Lützner ein "richtiges Familienleben" geführt, erzählt sie. Diese habe gekocht und auch die Manuskripte getippt und abends habe man dann in gemütlicher Runde zusammengesessen, diskutiert oder sich aus literarischen Neuproduktionen vorgelesen.

Refugium während der NS-Zeit

Porträt des Verlegers Peter Suhrkamp, aufgenommen 1955 (Foto: picture-alliance)

Der Verleger Peter Suhrkamp (1955)

Im Sommer 1940 wird Sylt zum Exerzierplatz für den deutschen Angriff auf Großbritannien. Zugleich gibt es ständig Fliegeralarm. Der Gästebetrieb ist weithin eingestellt. Doch für Peter Suhrkamp wird die Insel ein unentbehrlicher Gegenpol zu Berlin. Auf einsamen Wegen genießt er die Aussichten auf die Brandung, im Hintergrund die Sylter Dünen. "Die Farben gehen vom blendenden Weiß nach Gelb und Ocker, Braun und Lila, Licht und Schatten liegen in hart umrissenen Tafeln darauf", schreibt Peter Suhrkamp 1943 in einem Sylt-Essay.

Im Jahr darauf wird er wegen Landes- und Hochverrats verhaftet. Er war in eine Falle der Gestapo geraten, die ihm einen Spitzel in den Verlag geschickt hatte. Suhrkamp hatte den Mann nicht ernst genommen und ihn nicht angezeigt. Er wurde in verschiedene Gefängnisse geschleust und schließlich ins KZ Sachsenhausen gebracht. 1945 entlässt man ihn - todkrank. Schon ein Jahr später treibt es Peter Suhrkamp wieder nach Sylt. Er will in seinem Haus nach dem Rechten schauen. Doch "Matratzen, Betten, Wäsche, Geschirr etc. ist vollständig ausgeraubt", schreibt Peter Suhrkamp 1946 an seinen Freund, den Schriftsteller Hermann Hesse.

Adresse unbekannt

Historisches Bild des Ortes Kampen auf Sylt (Foto: Sylter Archiv in Westerland)

In Kampen traf man sich: Künstler, Feuilletonisten, Flaneure und Lebenskünstler

Nach dem Krieg, als das Leben auf Sylt allmählich wieder pulsiert, ist Max Frisch mit seiner Familie zu Gast im Suhrkamphaus. Er weilt mehrere Wochen dort und notiert in sein Tagebuch: "Endlich ein Arbeitszimmer, wie man es sich wünscht: groß und licht und zwei Fenster hinaus auf das Wattenmeer." Der Verleger traf er in der Zeit nicht. Überhaupt gab es keine Partys oder Diskussionsabende im Suhrkamphaus. Das einfache Leben war es, das alle anzog, sagt Peter Frisch, der Sohn des Schweizer Dichters. Er war damals noch ein Kind.

1953 verkauft Peter Suhrkamp das Friesenhaus an Axel Springer und erwirbt mit dem Erlös die Rechte für die Gesamtausgabe von Marcel Proust. Wer heute vor dem einstigen Suhrkamphaus steht, ahnt nichts von der Geschichte. Und wer wohnt inzwischen darin? Kein Name. Keine Klingel. Im Capri des Nordens gibt man sich distinguiert.

Autorin: Kristine von Soden
Redaktion: Petra Lambeck