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Politik

Wo die arabische Revolte losging

Andere arabische Staaten bestimmen derzeit die Schlagzeilen - wie aber ist die Lage in Tunesien nach der Vertreibung des Diktators? DW-Reporter Martin Beutler hat sich in der Hauptstadt umgehört.

Tunesische Demonstranten am 21.02.2011 in Tunis (Foto: dapd)

Demonstranten in Tunis

Hier in Tunis brodelt es noch immer: Diskussionen, Debatten, Demonstrationen im Stadtzentrum - dort also, wo die so genannte Jasmin-Revolution den politischen Tsunami in der arabischen Welt in Gang gesetzt hat. Das Volk ist einerseits stolz auf seine gelungene Revolution, andererseits entsetzt, wie lange es sich von ihrem "Ben Ali Baba" wehr- und tatenlos hat ausplündern lassen.

Jetzt wurden mehrere Tresore in einem seiner Paläste, versteckt hinter Bücherwänden, aufgebrochen. Dicke Bündel mit druckfrischen 500-Euro-Banknoten kamen zum Vorschein sowie Schmuck und Luxus-Uhren. Der Wert des Fundes geht in die Millionen. Neben Dollar und Dinaren hatte der nach Saudi-Arabien geflüchtete Despot auch argentinische Pesos gesammelt. Das wundert die Leute und ist eines von vielen Rätseln, über die man in diesen Tagen mit Leidenschaft diskutiert.

Den Schatz übernimmt erst einmal die Zentralbank. Ein Demonstrant auf der Avenue Bourgiba in Tunis brüllt: "1000 Dinare für jede Familie - sofort!" Etwa 500 Euro wären das, eine kleine Anerkennung für die plötzliche Entschlossenheit der Menschen, ihren großen und die vielen kleinen Blutsauger aus dessen weit verzweigtem Clan vertrieben zu haben.

Wie viele Opfer gab es?

Nicht nur in Ägypten, sondern auch in Tunesien ist die Zahl der Opfer wohl höher als bislang vermutet wurde. Niemand kennt die genaue Zahl - sie wird sich wohl auch nie ermitteln lassen. Ein Hoteldirektor aus Hammamet wurde erschossen, wohl weil er zur falschen Zeit am falschen Platz war. Die Witwe ist verzweifelt, denn niemand hilft ihr bei der Suche nach den Tätern. Viele Polizisten und Geheimagenten des Regimes seien gelyncht worden, sagt ein Taxifahrer aus dem Touristenort unweit von Tunis düster, viele hätten sich aus Angst vor der Volksrache zu Angehörigen ins Landesinnere geflüchtet.

An den Polizeiposten steht jetzt das Militär. Anarchie herrscht nicht im Land. Die Tunesier gehen weiter ihren Geschäften nach. Sie gehen in die Büros und Fabriken, die Kinder gehen in die Schule. Nur der Redebedarf ist ungeheuer groß. "20 Jahre lang konnten wir uns in der Öffentlichkeit nur über Fußball unterhalten", meint ein Kellner. Jetzt sei der Druck weg und die Angst überwunden.

Die Folgen der Revolution

Ex-Präsident Ben Ali (Archivfoto: dpa)

Vertrieben: Ex-Präsident Ben Ali

Über die Grenze des Nachbarlandes Libyen kommen seit dem Wochenende viele Flüchtlinge, die Autobahn ist voll mit Fahrzeugen mit libyschen Kennzeichen. Das tunesische Fernsehen sendet im Wechsel Jubelszenen über die eigene gelungene Revolte und Horrorbilder aus den libyschen Städten.

Man ahnt mit tiefem Erschrecken, was alles hätte schiefgehen können in den Tagen vor dem 14. Januar 2011, als Staatspräsident Ben Ali das Land fluchtartig verließ. Dass er in Saudi-Arabien nach einem angeblichen Schlaganfall im Koma liegt oder vielleicht schon tot ist, glauben nur wenige in einem Café im Zentrum von Tunis. Einer der Gäste sagt: "Eher glaube ich, dass er sich dort sein Gesicht operieren lässt, um unerkannt zurückzukommen und den Rest seiner Beute zu holen!" Und die Umstehenden nicken zustimmend.

Autor: Martin Beutler
Redaktion: Kay-Alexander Scholz