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Politik & Gesellschaft

Wo Barrierefreiheit nicht am Hoteleingang endet

Alles, was von Menschen gestaltet wird, könnte auf Barrierefreiheit ausgerichtet sein, ist es aber nicht. Das stellen Menschen mit Behinderung tagtäglich fest. Im Hotel FIT in Much finden sie eine Oase ohne Hürden.

Rollstuhl auf Pflastersteinen; Kennzeichen für Parkplatz, der Rollstuhlfahrern bzw. Autofahrern mit Behinderung vorbehalten ist (Foto: DW)

Vorrecht für Menschen mit Handicap

Geschafft. Die Merschbrocks sind am Ziel angekommen. Oben auf dem Berg in Much im Bergischen Land wollen sie ein Wochenende verbringen, im Hotel FIT. FIT steht für Freizeit, Integration, Tagung. Es könnte auch die Abkürzung sein für Freiraum, Ideenreichtum, Toleranz. Indira Gupta leitet den Betrieb.

Indira Gupta, Geschäftsführerin des Hotels FIT in Much(Foto: DW)

Leitet das Integrationshotel - Indira Gupta

Es sei eine Herausforderung, sagt die Sozialpädagogin, den Bedürfnissen von behinderten und nichtbehinderten Menschen gerecht zu werden. Das beginnt bereits bei den Angestellten, von denen einige ebenfalls ein Handicap haben. Gerade bei Menschen mit geistiger Einschränkung komme es auf eine sensible Ansprache und eine auf sie ausgerichtete Form der Kommunikation an, weiß Indira Gupta. Und Menschen mit einer Sehbehinderung bräuchten zur Orientierung optische oder sensorische Signale. Günstig beurteilt die Hotelleiterin die Lage ihres Hauses, abseits auf dem Berg. In ruhiger Umgebung könnten die Gäste ihre Sinne schärfen.

Barrierefreier Eingang am Hotel FIT in Much (Foto: DW)

Barrierefreier Hotel-Eingang

Clemens Merschbrock hat sich im Laufe der Zeit auf Engpässe eingestellt. Vor dem FIT findet er beim Einparken ausreichend freie Fläche, um den Rollstuhl, in dem Chantal sitzt, ohne Probleme aus dem Van zu heben.

Dann rollen Clemens Merschbrock und seine Frau Barbara die Tochter ins Hotel. Ohne eine einzige Barriere, ohne Treppe, ohne Hürde. Die Merschbrocks gehen trotzdem nie davon aus, dass eine Reise ohne Unwägbarkeiten vonstatten geht.

Behindertengerechtes Bad im Hotel FIT in Much (Foto: DW)

Ausreichend Platz: Behindertengerechtes Bad

"Im Urlaub sind die Zimmer kleiner, enger als Zuhause. Man muss bei der Buchung darauf achten, dass das Zimmer ebenerdig liegt oder ein Fahrstuhl im Haus ist, wenn man im zweiten Stock untergebracht ist, also man hat schon einige Dinge zu beachten", gibt Clemens Merschbrock seine Erfahrungen wieder.

Im Hotel FIT geht alles glatt. Die breiten Türen öffnen sich auf Knopfdrück, über den geräumigen Flur erreichen Drei ihr Zimmer. "Das Bad ist super", entfährt es Barbara Merschbrock. Auch Chantal ist glücklich. Sie kann sich mit dem Rollstuhl bequem bewegen.

Mobil und motiviert - trotz Handicap

Chantal Merschbrock, 16 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, da sie bei ihrer Geburt einen Schlaganfall erlitt (Foto: DW)

Im Rollstuhl auf Reisen - Chantal Merschbrock

Die 16jährige hat bei der Geburt mindestens einen Schlaganfall erlitten. Seither ist ihre rechte Körperhälfte gelähmt. Auch das Sprechen fällt ihr schwer. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat das Wochenende organisiert. Hier in Much sollen die Kinder trainiert und animiert werden. Fachkräfte wie Logopäden und Psychologen zeigen, wie man den Einsatz der behinderten Körperteile verbessern kann. Aber auch Ablenkung vom Alltag steht auf dem Programm durch Malkurse oder Schreiben am PC. Die Eltern können sich untereinander austauschen oder einfach nur mal entspannen.

Chantal trägt inzwischen ein großes grünes Hemd ihres Vaters, in dem sie in einem Schulungsraum mit Farben experimentiert und ein Bild malt. Barbara und Clemens Merschbrock wollen Nordic Walking machen, einen Tanzkurs belegen und genießen es auch, einfach mal in der Hotellobby am Kamin zu sitzen und in die lodernden Flammen zu blicken.

Rollitauglicher Hochseilgarten am FIT-Hotel in Much, für Menschen mit Behinderung ( Archivfoto: Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung, Beschäftigungs- und Dienstleistungs GmbH, Rösrath)

Mutprobe im Hochseilgarten

"Die Betreuer sagen immer wieder: Denken sie nicht an ihr Kind. Das ist hier gut versorgt", wiederholt Clemens Merschbrock die Devise und fügt hinzu: "Ich bin schon sagenhaft überrascht".

Dabei haben die Merschbrocks noch nicht einmal den Hochseilgarten besucht. Gleich hinterm Haus können sich mutige Rollifahrer auf 8,50 Meter Höhe hieven lassen und sich dann mit ihrem Gefährt auf zwei dünnen Holzschienen über dem Abgrund bewegen. Trotz Befestigung an Sicherheitsgurten bedarf es einer großen Portion Selbstüberwinung und Vertrauen den Betreuern gegenüber.

Nicht unbeschwert, aber barrierefrei reisen

Die Merschbrocks sind oft unterwegs und meistens auf der Autobahn. Sie müssen regelmäßig zur Therapie nach München. Das bedeutet 600 Kilometer fahren von Rietberg, bei Gütersloh, bis nach Bayern. Chantal war auch schon auf Zypern, in der Türkei und zwei Mal auf einer Finca auf Mallorca. "So schön es in den jeweiligen Urlaubsorten auch gewesen ist, die Reisen waren jedes Mal eine Tortur", erinnert sich Vater Merschbrock. Im Rollstuhl sei Chantal mit einem Speziallift ins Flugzeug gehievt worden, vor allen anderen Passagieren. Am Ziel musste die Familie dann immer warten bis alle anderen Mitreisenden ausgestiegen, der Rolli aus dem Frachtraum geholt und wieder ein Lift an der Maschine befestigt worden war. Und vor Ort sei es auch nicht selbstverständlich, ein passendes Mietfahrzeug zu bekommen.

Auf Sand rollt es sich nicht

"Wenn wir in Deutschland bleiben, fahren wir mit unserem eigenen Auto. Da können wir unser Gepäck auch wesentlich einfacher transportieren", erzählt Barbara Merschbrock.

Clemens (li.) und Barbara Merschbrock sitzen im Kofferraum ihres geräumigen Vans (Foto: DW)

Merschbrocks brauchen Platz

Denn Chantal hat zwei Rollstühle: Einen elektrischen, den sie ohne Hilfe, mit ihrer intakten linken Hand steuern kann und einen, den die Eltern schieben. Einmal mussten alle kapitulieren. Nachdem Chantal einige Operationen über sich ergehen lassen musste, wollten die Eltern ihr Mädchen überraschen. Wir sind nach Holland gefahren und standen dann an der Nordsee. "Wir sind damals mit dem Rolli auf den Platten geblieben. Wir konnten mit dem Rolli nicht in den Sand fahren", erinnert sich Chantal, die Mühe hat, die Worte herauszubringen.

Sie strahlt über das ganze Gesicht, ihre Augen leuchten. Obwohl sie viele Entbehrungen über sich ergehen lassen muss. "Das Kind kommt in die Pubertät. Da müssen sie mit dem Essen aufpassen, damit Chantal nicht zu schwer wird", hätten die Ärzte damals geraten. Und Barbara Merschbrock fügt hinzu, dass sie Chantal mit der Tatsache konfrontiert hätten. Sie habe dann die Diät akzeptiert. 50 Kilo wiegt die 16jährige, die die zierliche Mutter bewegen muss im Rolli. Auf ebenem Gelände sei das meist kein Problem, aber jede Stufe, jeder Bordstein sei mit einer körperlicher Anstrengung verbunden, schildert Barbara Merschbrock ihre Erfahrungen.

Mehr Betreuer braucht das Land

Breite Türen und Behinderten gerechtes WC im Hotel FIT in Much, demonstriert eine Hotel-Mitarbeiterin (Foto: DW)

Breite Türen im Hotel FIT

Bedauerlich findet Clemens Merschbrock nur, dass eine von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe" organisierte Freizeitbetreuung, wie sie seine Tochter Chantal an diesem Wochenende vorgefunden hat, eine Ausnahme bedeutet: "Man kann für sich besser abschalten, man kann mal alleine spazierengehen oder joggen, denn ein Kind im Rolli kann man nicht immer mitnehmen. Und wenn so eine Betreuung öfters angeboten würde, wäre das mit Sicherheit nicht schlecht."

Auch Indira Gupta kennt das Problem, weiß aber auch, dass die Menschen mit Handicap und deren Angehörige zu Betreuern erst einmal ein Vertrauensverhältnis aufbauen müssten, daher sei es von Vorteil, wenn die Gäste ihre Vertrauenspersonen mitbrächten. Im übrigen sei man bestrebt, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen zu bringen. Und das ist noch keine Selbstverständlichkeit in Deutschland.

Autorin: Karin Jäger
Redaktion: Hartmut Lüning

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