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Wirtschaft

WM-Euphorie lässt die Konjunktur kalt

In Deutschland sind auch Ökonomen und Unternehmer im Fußball-Fieber. Doch nicht jeder Bezug zwischen Sport und Wirtschaft ist sinnvoll.

Es ist nicht überraschend, dass der Sportartikel-Hersteller Adidas nach dem WM-Sieg der Nationalmannschaft viele Trikots verkauft. Und vielleicht finden sich auch für Duschgel, Papiertaschentücher oder Magerquark mehr Abnehmer, wenn die Produkte mit der Fußball-WM beworben werden. Doch die Aktie von Adidas hat seit Jahresbeginn 20 Prozent verloren, und auch der Deutsche Aktienindex zeigte nach dem Erfolg von Rio keine großen Ausschläge.

Einige deutsche Medien bemühen sich trotzdem, einen Bezug zwischen dem WM-Erfolg und der Lage der gesamten Nation oder zumindest der Wirtschaft zu konstruieren. "Vorbild Deutschland" lautet der Titel der Wirtschaftszeitung Handelsblatt, "Wir sind wieder... wer?" fragt sich das Magazin Der Spiegel.

Träumen vom "Ruck"

Unternehmer wie Volkswagen-Chef Martin Winterkorn analysieren den Teamgeist als Erfolgsfaktor: "Gemeinsam sind wir stärker als im Alleingang - diese Botschaft kann sich auch jedes Unternehmen ins Stammbuch schreiben." Und ein Handelsblatt-Journalist behauptet: "Es geht ein Ruck durchs Land, und das ganz ohne Rede eines Bundespräsidenten."

Wie dieser "Ruck" genau aussieht, und vor allem, wie er sich wirtschaftlich auswirkt, ist jedoch kaum zu belegen. "Wenn alle Leute glauben, dass es aufwärts geht, kann das die ökonomische Stimmung positiv beeinflussen. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt", sagt Armin Falk, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn.

2006, während der als "Sommermärchen" bezeichneten Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland, hat er mehr als 3000 Bundesbürger zu ihrer wirtschaftlichen Situation und ihren Erwartungen befragt. Mit dem Erfolg der deutschen Mannschaft, die am Ende den dritten Platz belegte, verbesserten sich auch die Werte der Umfrage. Allerdings lasse sich der Effekt nicht beziffern, so Falk.

Madrid Generaltstreik

2012 demonstrieren Tausende gegen den Sparkurs der spanischen Regierung. Im selben Jahr werden die spanische Fußballer Europameister.

Negativbeispiel Spanien

Spanien, dessen Fußball-Nationalmannschaft 2008 und 2012 Europameister wurde und 2010 Weltmeister, konnte von den Erfolgen wirtschaftlich nicht profitieren. Im Gegenteil: Die Wirtschaftsleistung ist seitdem eingebrochen, die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhen gestiegen.

Daraus jedoch zu folgern, dass die Fußball-Erfolge der spanischen Wirtschaft geschadet haben, ist ebenso falsch, wie vom deutschen Sieg eine Belebung der Konjunktur zu erwarten. "Bei solchen Zusammenhängen handelt es sich um Scheinkorrelationen", sagt Holger Bahr, Volkswirt der Dekabank, im DW-Gespräch. "Das ist ein schönes Wort aus der Statistik. Es bedeutet, dass Dinge zwar zeitgleich passieren, aber nicht kausal miteinander zusammenhängen."

Wer jetzt glaubt, dem Mann fehle einfach die Leidenschaft für Fußball, der täuscht sich. Bahr ist Fußball-Fan und erstellt mit seinem Team vor großen Ereignissen sogar aufwändige Modelle, um den Gewinner eines Turniers vorauszusagen. Trotzdem glaubt er, dass es keinen direkten Bezug gibt zwischen dem Abschneiden einer Fußball-Mannschaft und der Wirtschaft eines Landes.

Überschätzte Euphorie

"Für alle, die nicht Ausrichter einer Weltmeisterschaft sind, sind die realwirtschaftlichen Faktoren sehr begrenzt - wenn man von Eis- oder Bierkonsum oder dem Absatz von Trikots mal absieht", so Bahr. Auch vom Glauben, der WM-Sieg lassen einen "Ruck" durch das Land gehen, hält er nicht viel.

So schön ein Sieg im Fußball auch sein mag - die Einkommenserwartungen privater Haushalte und die Investitionspläne von Unternehmen werden dadurch nicht beeinflusst. "Wenn wir Anfang August auf den Gehaltszettel schauen, dann steht da ziemlich änliches wie im Juli. Auch die Unternehmer, die investieren und zukünftige Nachfrage suchen, werden dann feststellen, dass sich die Welt nicht wesentlich verändert hat", so Bahr.

Deutschland Wirtschaft Gert G. Wagner DIW Berlin

Gert Wagner warnt, "Euphorieeffekte zu überschätzen".

Ähnlich sieht das Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Für die Gesamtwirtschaft gab es bislang keinen empirischen Nachweis ökonomischer Wohlfahrtsgewinne. Den Euphorieeffekt sollte man nicht überschätzen."

Falsche Prognosen

Auch die deutsche Bundesregierung bleibt nach dem Erfolg der deutschen Mannschaft zurückhaltend, zumindest was den Konjunkturausblick angeht. "Derzeit bleibt es bei unseren Prognosen", sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stuft den Einfluss der Fußball-Euphorie auf die Kauflaune der Deutschen als gering ein.

Für Dekabank-Volkswirt Bahr ist das nicht überraschend, aber auch nicht wichtig, schließlich gehe es Deutschland auch ohne Fußball wirtschaftlich gut. "Wir haben eine sehr niedrige Arbeitslosenquote und einen beneidenswert starken Arbeitsmarkt. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht notwendig, uns aus einem Tal der Tränen herauszuziehen."

Fußball taugt also normalerweise nicht, um eine ganze Volkswirtschaft zu beleben. Und die mathematischen Modelle, die Holger Bahr, Gerd Wagner und andere Ökonomen vor der WM entwickelt haben, um den Sieger vorauszusagen, sind auch nicht unfehlbar. Bahrs Team bei der Dekabank errechnete Brasilien als Weltmeister. Wagner berechnete mit Kollegen den Marktwert der Spieler einer Mannschaft. Sein Tipp: Spanien.

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