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Amerika

WM 2014: Brasilien rüstet auf

Die Fußball-WM stellt Brasilien vor hohe sicherheitstechnische Herausforderungen. Auf sie bereitet sich das Land seit mehreren Jahren vor. Doch nicht alle halten das Konzept für überzeugend.

Die Fußballweltmeisterschaft wird für Brasilien auch ein logistisches Rekordereignis. Rund 600.000 ausländische Gäste erwartet das Land während der Fußball-Wochen im Juni - Menschen aus aller Welt, von denen die meisten mit der Lebensweise der Brasilianer kaum vertraut sein dürften. Auch mit der Alltagkriminalität dürften sie wenig Erfahrung haben. Darum sollen gut 170.000 Polizisten, Soldaten und Angestellte privater Sicherheitsfirmen den Aufenthalt der Gäste während der Fußballwochen so sicher wie möglich machen. Fast zwei Milliarden Reais (650 Million Euro) wird sich Brasilien diese Maßnahmen kosten lassen.

Seit vier Jahren bereitet sich Brasilien sicherheitstechnisch auf die Weltmeisterschaft vor. So reisten Angehörige des brasilianischen Militärs 2010 zur WM nach Südafrika und 2012 zu den Olympischen Spielen nach London, um die dort angewandten Sicherheitsmaßnahmen während internationaler Großveranstaltungen zu studieren. Erfahrungen sammelten Militär und Polizei auch während entsprechender Großveranstaltungen im eigenen Land - so etwa während der Panamerikanischen Spiele 2007 in Rio de Janeiro, der Konferenz Rio +20 im Jahr 2012, während des Konföderationen-Cup sowie des Weltjugendtreffens im vergangenen Jahr.

Anti-Terrormaßnahmen

Anti-WM-Demonstranten in São Paulo, 15.05.2014 (Foto: AP)

Gegen Stadien, für Infrastruktur: Demonstranten in São Paulo

Doch Brasilien beugt nicht nur der Kleinkriminalität vor. Auch gegen die Gefahr terroristischer Anschläge wappnet sich das Land. So hat es 30 ferngesteuerte Roboter angeschafft, mit denen sich Sprengsätze entschärfen lassen. Auch ein Raketenwerfer und mehrere Drohnen stehen für mögliche Einsätze bereit. Digitale Kameras, die bis zu 400 Gesichter in der Sekunde erkennen und in einer Datenbank speichern können, sollen helfen, mögliche Straftäter zu identifizieren.

Außerdem bereiten sich Polizei und Militär auf Demonstrationen vor. Die Polizei geht davon aus,

dass zahlreiche Brasilianer auch während der Weltmeisterschaft mit ihrem Protest auf die Straße gehen werden

. Sie dürften die weltweite Aufmerksamkeit nutzen, um noch einmal gegen die hohen Investitionen für den Bau der WM-Stadien zu protestieren. Aus ihrer Sicht hätte das Geld besser für Infrastrukturmaßnahmen, etwa den Bau von Schulen und Krankenhäuser, verwendet werden sollen.

Harte Gangart nicht ausgeschlossen

Im Umfeld der Demonstrationen könnte es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen, erwartet Antônio Flávio Testa, Sicherheitsexperte an der Universität von Brasília. "Teile der Demonstranten sind organisiert. Ihnen geht es vor allem darum, Chaos zu schaffen. Und nachdem sie die Polizisten teils sehr aggressiv angegriffen haben, nehme ich nicht an, dass diese sonderlich zimperlich gegen sie vorgehen werden."

Um für mögliche Gewalt im Umfeld dieser Proteste gerüstet zu sein, stehen Sondereinsatzkommandos mit insgesamt 21.000 Mitgliedern bereit. Die Militärpolizei von Rio de Janeiro hat zudem 200 Spezialanzüge gekauft, die die Beamten gegen Feuerwerkskörper und heranfliegende Steine schützen.

streikende Polizisten in Rio de Janeiro, 07.05.2014 (Foto: EFE)

Zeitweise im Ausstand: streikende Polizisten in Rio de Janeiro

Insgesamt, sagt Antônio Flávio Testa, sei Brasilien gerüstet, um eine möglichst gewaltfreie Atmosphäre rund um die Stadien und die Unterkünfte der teilnehmenden Mannschaften zu sorgen. "Das heißt aber nicht, dass es in den Favelas und Stadtzentren nicht zu größeren Demonstrationen kommen könnte. Allerdings werden die Sicherheitskräfte stark genug sein, um möglichen Vandalismus zu unterbinden."

Kritik an "Belagerungszustand"

Doch nicht alle Experten halten die Sicherheitsmaßnahmen für angemessen. Felipe Machado, Jurist und Spezialist für Öffentliche Sicherheit am Wirtschaftsinstitut IBMEC in Minas Gerais, bezeichnet sie als "Kriegsszenarien". Er hält das Konzept zwar für geeignet, einen militärischen Angriff abzuwehren - nicht aber, um die Sicherheit einer internationalen Großveranstaltung zu garantieren. Außerdem würden die anreisenden Gäste nicht das alltägliche Brasilien erleben, sondern eines, das eigens für Touristen hergerichtet worden sei.

"Das wirkliche Brasilien befindet sich heute in einem Belagerungszustand, in dem das Militär die Öffentliche Ordnung garantiert - eine Aufgabe, die eigentlich in den Kompetenzbereich der Militärpolizei fällt. Die WM wird für die ausländischen Gäste,

nicht für die Brasilianer

veranstaltet."

Auf diese und andere Kritik antwortet die Bundesregierung das die Investitionen in Sicherheitsausrüstung und Trainingsmaßnahmen auch späteren Veranstaltungen zugute kämen, wie etwa den Olympischen Spielen 2016. Profitieren würde auch die allgemeine nationale Verteidigungsfähigkeit.

Verpasste Gelegenheit

Sicherheitsexperten wiederum monieren, das Land investiere zu sehr in den Erwerb von Waffen und Ausrüstung und zu wenig in Aufklärung und kriminalistisches Fachwissen. Brasilien habe eine große Gelegenheit verpasst, in Problembezirke zu investieren. Und davon gebe es in einem Land

mit jährlich 53.000 Fällen von Mord und Totschlag

reichlich."Von einigen Ausnahmen abgesehen werden die meisten der Neuanschaffungen in den Lagerhäusern der brasilianischen Polizei verschwinden", sagt Machado. "Weder wird es Einsatzgelegenheiten geben noch Spezialisten, die die Geräte bedienen können."

Einheitlicher Codex

Dilma Rousseff posiert für ein Handy-Foto im Stadion Itaquerão in São Paulo (Foto: Maria Estarque / DW)

Alles für die WM: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff im Stadion Itaquerão in São Paulo

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff erklärte derweil, sie setze sich dafür ein, das Vorgehen der Polizei einem einheitlichen Muster zu unterwerfen. Auf diese Weise soll das Demonstrationsrecht garantiert und Gewalt zugleich unterbunden werden. "Es geht uns darum, einen einheitlichen Codex zu schaffen", an dem sich alle Polizisten orientieren können, und der vor allem die Verhältnismäßigkeit der Einsätze sichern soll."

FIFA-Chef Sepp Blatter gibt sich derweil optimistisch. Die FIFA könne die Sicherheit während der WM zwar nicht garantieren, hatte er bereits im April erklärt. Er gehe aber davon aus, dass Brasilien die Sicherheit garantieren werde. "Aber seien wir optimistisch", so Blatter. "Der gesamte Fußball ist optimistisch."

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