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Alltagsdeutsch – Podcast

Witze

"Sehr witzig!" Ist dies der Kommentar des Gegenübers auf das, was man selbst soeben gesagt oder getan hat, weiß man: Lustig fand dieser gerade gar nichts, und den eigenen Witz sollte man wohl besser noch mal überdenken.

O-Töne:

"Kennen Sie den schon? Kennen Sie den?" / "Kennen Sie den schon?"

Sprecherin:

Kennen Sie den schon? Mit diesen Worten wird Ihnen nicht etwa auf einer Party eine Ihnen unbekannte Person vorgestellt. Mit Kennen Sie den schon? kündigt jemand an, einen Witz zu erzählen.

O-Ton:

"Freunde, kennt Ihr den denn schon? Also, da war ich doch mal im Schuhgeschäft, da saß 'ne Frau bei mir, die hatte bestimmt achtzig Paar Schuhe um sich herum stehen, und da sagt sie immer: 'Wissen Sie was, die gefallen mir auch nicht, die passen auch nicht, also nein, ich glaube, ich ... – Halt!', sagt sie, 'die ich jetzt anhabe, die passen.' 'Ja', sagt der Verkäufer, 'jetzt stehen sie im Karton.'

Sprecher:

Der Witz erscheint als eine leichte Form der Unterhaltung. Doch – und das ist der Witz an der Sache, also das Entscheidende – auch der Witz unterliegt bestimmten Strukturen, erklärt der Kabarettist Ingo Börchers.

Ingo Börchers:

"'En guten Witz macht sicherlich aus, dass er mit 'ner Erwartung spielt, die ich in der Regel nich' erfülle, sondern ich setze dem ein überraschendes Ende entgegen. Ein Witz ist dann gut, wenn er vielleicht sogar noch eine Ebene enthält, die mitschwingt, die sich mir erst, nachdem ich gelacht habe, erschließt. Das heißt, wenn er mich auf verschiedenen Ebenen anspricht und mehrere Lesarten hat, dann ist ein Witz von hoher Qualität, meiner Meinung nach."

Sprecherin:

Der französische Philosoph Henri Bergson sagte 1899: "Komisch wird etwas wegen seines Widerspruchs zu Normen und Erwartungen". So viel erst einmal zur Theorie, was aber sagt ein Praktiker? Klaus Becker vom Karnevalsverein "Eulenspiegel" im saarländischen Furpach hat sich Gedanken gemacht, was ein guter Witz braucht.

Klaus Becker:

"Er muss vielleicht ein bisschen was Aktuelles treffen, wie bei uns im Saarland mit den, mit den Pfälzern, das zieht immer. Wir haben bei uns 'n Pfälzer, der im Saarland auftritt als Pfälzer, das ist 'n absoluter, absoluter Knüller immer bei uns in der Kappensitzung, und der Witz darf net unter die Gürtellinie gehen, das ist eben bei uns ungeschriebenes Gesetz. Aktuell soll er sein, er soll net alt und, und, und abgedroschen sein und, und er soll auch net überall schon bekannt sein."

Sprecher:

Im Saarland Witze über Pfälzer zu erzählen, das zieht immer. Das Verb "ziehen" wird hier nur im übertragenen Sinn gebraucht. Natürlich wird keine körperliche Gewalt angewendet, aber ein solcher Witz zieht die Aufmerksamkeit der Hörer auf sich, er ist ein Knüller. Dieser Begriff entstand um 1920 und bezeichnete einen Zeitungsartikel, der für Aufsehen sorgte. Enthält eine Rede einen Knüller, so findet dieser die besondere Aufmerksamkeit des Publikums. Doch er sollte nicht unter die Gürtellinie gehen. Die Redewendung stammt aus der Boxersprache. Schlägt ein Boxer unter die Gürtellinie, so trifft er den besonders sensiblen Genitalbereich seines Gegners. Geht ein Witz unter die Gürtellinie, so ist er beleidigend und bezieht auch den sexuellen Bereich mit ein.

Sprecherin:

Folgende Pointe, die weder verletzend noch obszön ist, stammt aus der Sammlung des Karnevalisten Ernst Clos zur saarländischen Fassenacht.

Ernst Clos:

"Das Fensterputzen, das mache mei Frau und ich immer gemeinsam. Ich putze außen und meine Frau putzt innen. Mir legen dann das Bügelbrett über den Fensterrahmen, ich stelle mich drauße druff, mei Frau huckt sich inne druff, als Gegengewicht. Neulich beim Fensterputze klingelt's. Mei Frau uffgesprungen. Im Nu an die Haustür gelaaf, macht die Haustür uff. Ich leie vor der Haustür uff 'n Bodden. Saat se: 'Ausgerechnet musst du jetzt klingele, wo mir am Fensterputze sin.'"

Sprecher:

Der Sprecher ist im Saarland beheimatet. Folglich ist sein Vortrag im saarländischen Dialekt gefärbt, obwohl er sich hörbar bemüht, für unser Mikrofon das so genannte "Hochdeutsch" zu sprechen. Die Sprache im Saarland versucht zum Beispiel aus zwei Vokalen einen zu machen. Statt "gelaufen" heißt es gelaaf, statt "auf" oder "drauf" sagt man "uff" oder druff. Auch mit den Wortendungen macht man es sich eher bequem und verzichtet gern auf sie. Inne anstelle von "innen" oder mei statt "meine" sind Beispiele im vorangegangenen Witz. Das Wort leie steht im saarländischen für "liegen".

Sprecherin:

Für den Erfolg beim Witze-Erzählen entscheidend ist das Gespür für den richtigen Zeitpunkt, für die Situation und vor allem für die Hörer. Der Hörer entscheidet: War der Witz witzig oder empfand er die lustig gedachte Kurzgeschichte als im wahrsten Sinne des Wortes witzlos, das heißt sinnlos. Selbst erfahrenen Karnevalisten misslingt einmal eine Rede.

Klaus Becker:

"Das ist auch wirklich abhängig von der Situation im Saal, und das kommt schon vor, dass man mal 'ne Büttenrede in den Sand setzt, aber das hat nix mit der Moral zu tun. Dann ist am Samstag ... am nächsten Samstag in der zwoten Kappensitzung geht's dann wieder von vorne los und meistens ist es dann so, dass es einmalig war, oder es kommt alle paar Jahre mal vor, aber überwiegend kommen die Büttenreden schon an."

Ernst Clos:

"Wer das nicht gemacht hat, hat noch nie eine Büttenrede gemacht. Ich glaube, das war 'ne ganze Wüste. Da wurden schon Reden regelrecht in den Sand gesetzt. Ich wusste zum Schluss nimmer, was vorne und hinten war. Und trotzdem sagt man zu mir 'Gut, es war noch ganz gut', aber die Leute haben wahrscheinlich alle gelogen."

Sprecher:

Die Reden im Karneval werden in der Bütt gehalten, einem hölzernen, fassähnlichen Gefäß, das als Rednerpult dient. Büttenreden verbindet man mit lustiger Unterhaltung. Aber auch sie werden bisweilen in den Sand gesetzt. Diese Redewendung kommt aus der Schifffahrt. Ist ein Kapitän mit seinem Schiff auf dem Sand gestrandet, ist er handlungsunfähig. Die Umgangssprache entwickelte daraus etwas in den Sand setzen. Das bedeutet "etwas schlecht ausführen", nahezu ohne die Möglichkeit zu korrigieren.

Sprecherin:

Siegmund Freud schreibt dem Witz die "Auflösung von auferlegten Denkzwängen" zu. Karnevalisten sagen, unter der Narrenkappe ist man geschützt. Das bedeutet, dass man auf offene Art und Weise die Wahrheit sagen kann, ohne negative Folgen befürchten zu müssen, gerade gegenüber Personen des öffentlichen Lebens. Simon Oekenpöhler und Dietmar Gertz vom Stukenbrocker Karnevalsverein erklären es.

Simon Oekenpöhler:

"Wer sich der Öffentlichkeit aussetzt, muss auch gewarnt sein, dass die Öffentlichkeit auch sich seiner Person annimmt und ihn auch durchweg mal im Karneval als 'n Thema oder einen, ja, kleinen Anschlagpunkt nimmt sozusagen, dass man diese Person einfach als Zielscheibe auch mal nimmt, aber auch, wie gesagt, alles im grünen Bereich. Man muss immer mit der Mentalität der Person auch irgendwo abschätzen können: Was ist da verträglich und wo ist dann wirklich die Schmerzgrenze erreicht."

Dietmar Gertz:

"Wir werden nie ausfällig. Und wenn wir irgendwie was machen, warnen wir einen vor. Das ist das Schöne bei uns: Hier macht bei uns auch … machen auch die Leute mit, die durch den Kakao gezogen werden. Zum Beispiel unser Bürgermeister, wenn ich ins Politische gehe, ist das natürlich, dass der in so 'ner Rede fünf-, sechsmal vorkommt. Der ist da drauf gewappnet. Und der weiß, dass wir das, was wir heute bringen – wenn's auch mal so ganz kurz an der Gürtellinie ist –, das nicht so gemeint ist."

Sprecherin:

Der erste Redner versteht eine Karnevalsrede als eine verbale Attacke auf die lokale Prominenz. Folglich verwendet er Worte aus dem Begriffsfeld "Kampf", wenn er von Zielscheibe und Anschlagpunkt spricht. Er schwächt dies aber ab, indem er betont, alles bleibe im grünen Bereich, was umgangssprachlich bedeutet, dass die Kritik gerade noch akzeptabel ist. Die Schmerzgrenze wird nicht überschritten. Wer aber in der Öffentlichkeit steht, der wird des Öfteren durch den Kakao gezogen. Über ihn wird zumeist abwertend geredet. Doch er stellt sich vorsorglich auf diese Angriffe ein und ist gewappnet, also geschützt.

O-Ton:

"Politiker sind wie Tauben: Sind sie unten, fressen sie dir aus der Hand. Sind sie oben, bescheißen sie dich. – Kennst du den Unterschied zwischen Beamten und Fröschen? Da gibt's keinen Unterschied. Beide sitzen rum, blasen sich auf und warten auf die Mücken."

Sprecher:

Beide Witze arbeiten mit der sprachlichen Doppeldeutigkeit. Wenn Tauben aus der Hand fressen oder jemanden bescheißen, man also derb gesagt mit ihrem Kot beschmutzt wird, so ist dies wörtlich zu nehmen. Fressen aber Menschen aus der Hand, so sind sie sehr fügsam und unterwerfen sich einem anderen. Bescheißen sie ihn dann, so ist dies ein vulgärer Ausdruck dafür, dass sie ihn betrügen. Der Vergleich zwischen Beamten und Fröschen behauptet, dass sich beide aufblasen und auf die Mücken warten. Während Frösche mit aufgeblasenen Backen auf vorbeifliegende Mücken warten, bedeutet der Begriff der Mücken umgangssprachlich, ähnlich wie Kröten, so viel wie "Geld". Ein Mensch, der sich aufbläst, vergrößert im übertragenen Sinn sein Erscheinungsbild, um andere mit seiner Bedeutung zu beeindrucken. Dem eben erzählten Witz zufolge sitzen also Beamte herum, tun sich wichtig und warten auf ihr Gehalt.

Sprecherin:

Der Witz bringt sich weniger durch Mimik oder Gestik, sondern vor allem durch sprachliche Intelligenz zum Ausdruck. Sie verlangt vom Hörer, geistig flexibel zu sein. Der folgende Witz zeigt es. "Etwas unter die Erdbeeren" zu tun, das kann sich sowohl auf die Erdbeerpflanzen beziehen, als auch auf die Früchte in der Obstschale.

Ernst Clos:

"Ich bin einmal mit meinem Kurschatten über die Wiese spazieren gegangen. Liegen dort solche wunderbare Pferdeäpfel. Die haben noch gedampft! Marianne hob sie auf, tat sie in eine Plastiktüte hinein und sagte: 'Bei uns daheim gibt es keine Pferde mehr und daher nehme ich sie mit nach Hause. Die mache ich unter die Erdbeeren.' – 'Marianne!', sagte ich, 'schmeckt denn das? Bei uns im Saarland machen wir immer Zucker drunter.'"

Sprecher:

Vor diesem Witz haben wir etwas Verbotenes getan: Wir haben den Höhepunkt vorweg genommen. Ein Witz, dessen Pointe vorauszuahnen ist, überrascht den Zuhörer nicht. Sehr gern arbeiten Witze mit Klischees. Etwa: Blonde Frauen sind dumm und sexsüchtig, Schotten sind geizig, und Saarländern gelten ihre Nachbarn aus Rheinland-Pfalz als in ihrer Entwicklung zurückgeblieben.

O-Ton:

"Zwei Saarländer wollten Schweine in die Pfalz schmuggeln, um dort das Schweinefleisch zu verkaufen. Um keine Steuern für das Schweinefleisch bezahlen zu müssen, haben sie die beiden Schweine geholt, ihnen Kopftücher angezogen und hinten auf den Rücksitz ins Auto gesetzt. Als sie an die Grenze kamen, fragten die Pfälzer Zollbeamten: 'Haben Sie was zu verzollen?' 'Nein, wir haben nix zu verzollen.' Der Pfälzer Zollbeamte leuchtet ins Auto, sagt: 'Alles klar. Ihr könnt weiterfahren.' Als die Saarländer dann weitergefahren sind, sagt der eine Zollbeamte zum anderen. 'Ich kann sie ja net gut leiden, die Saarländer, aber schöne Frauen haben se.'"

Sprecher:

Sowohl Erzähler als auch Zuhörer sollten wissen, worüber gesprochen wird, wenn Klischees oder aber Fremdwörter verwendet werden. Der Kabarettist Ingo Börchers nennt es den gemeinsamen Erfahrungshorizont. Fehlt dieser, so ist der Erzähler gefordert.

Ingo Börchers:

"Wenn man auf der Bühne steht, heißt das für einen, professionell darüber hinweggehen und schnell die nächste Pointe ansteuern, in der Hoffnung, dass die dann zünden wird. Wenn ein Witz in irgendeiner Kneipe erzählt wird, merkt man ja, wie einschneidend das für den Witze-Erzähler sein kann und wie nackt man sich fühlen kann, wenn so 'ne Pointe verreckt."

Sprecherin:

Ursprünglich für "in Brand setzen" oder "anstecken" stand das Wort zünden. Im Zusammenhang mit einer Pointe wird der Begriff übertragend verwendet. Eine gelungene Pointe steckt das Publikum an; es reißt die Hörer vor Begeisterung mit. Misslingt eine Pointe, so verreckt sie. Das aus dem mittelhochdeutschen stammende raue Wort für "sterben" wird heute umgangssprachlich salopp für "nicht funktionieren" gebraucht. Und verreckt die Pointe, so fühlt sich der Erzähler nackt. Sein Versagen erfährt er unmittelbar. Er ist bloßgestellt, auch wenn er nicht unbekleidet auf der Bühne steht.

Sprecher:

Goethe schrieb in einem Brief: "Hierüber muss ich meinen Witz befragen". Zu seiner Zeit setzte man den Begriff Witz etwa mit "Verstand" oder "Wissen" gleich. Im 17. und 18. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung des Wortes. Der französische Begriff "Esprit" wurde zum Pendant für das deutsche Wort Witz. Neben dem Intellekt und der Sprachgewandtheit spielte auch die Ausstrahlung eine Rolle. Der Philosoph Friedrich Schlegel schrieb: "Man soll Witz haben, aber nicht haben wollen; sonst entsteht Witzelei." Fragt man heute, was es bedeutet, wenn jemand Witz hat, so erhält man unterschiedliche Antworten.

O-Töne:

"Ist eigentlich 'n lustiger Mensch, nicht. Die meisten Witze werden ja erzählt, wenn man irgendwie zusammensitzt beim Glas Bier, oder man ist gesellschaftlich zusammen. Das … ich würde sagen, Witz ist eigentlich das, um das Ganze so 'n bisschen aufzulockern." / "Wenn jemand Witz hat, versteh ich auch Esprit drunter. Er hat 'ne Ausstrahlung, er bringt 'n gewissen eigenen Witz mit, er ist ein bisschen verschmitzt irgendwo auch. Das versteh' ich zum Beispiel auch mit unter Witz an einer Person."

Sprecher:

Die Studentensprache des 19. Jahrhunderts gab dem Begriff des Witzes diejenige Bedeutung, die wir heute kennen: Ein Witz ist ein Spaß, ein mehr oder weniger lustiger Streich. Wurde früher die Intelligenz betont, so steht heute der Unfug im Vordergrund. Entsprechend wandelte sich das Wort witzlos in seiner Bedeutung von "unvernünftig" zu "geistlos". Doch nicht jedem Witz fehlt die Intelligenz, auch wenn die Erzähler sie oft mit den gleichen Worten ankündigen:

O-Ton:

"Freunde, kennt Ihr den denn schon?" / "Kennen Sie den schon?" / "Kennen Sie den schon? Kommt 'n Mann in 'n Bäckerladen – jetzt hab' ich den Witz vergessen ..."


Fragen zum Text:

Ein guter Witz ist ...

1. unter der Gürtellinie.
2. ein Knüller.
3. in den Sand gesetzt.

Welcher dieser Begriffe ist keine umgangssprachliche Bezeichnung für Geld?
1. Mücken
2. Kröten
3. Tauben

Was bedeutete der Begriff Witz ursprünglich?
1. Unfug, Streich
2. Verstand, Wissen
3. Sprachgewandtheit, Ausstrahlung


Arbeitsauftrag:
Suchen Sie sich einen deutschsprachigen Witz aus, den Sie bereits kennen, oder übersetzen Sie einen Witz aus Ihrer Muttersprache ins Deutsche und tragen Sie ihn laut – und natürlich auswendig – vor.

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