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Europa

Witold Lutoslawski: Der große Zufallskomponist

Witold Lutoslawski gehörte zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Werke des Musikers, der 1994 verstarb, erlangten eine Rezeption weit über Avantgardekreisen hinaus.

portrait de Witold Lutoslawski (1913-1994).Compositeur Polonais

Witold Lutoslawski, polnischer Komponist

Von Beethoven wird anekdotisch überliefert, dass das berühmte Hauptmotiv der 5. Symphonie auf das Klopfen eines Briefträgers an der Tür zurückgeht. Auch im künstlerischen Leben Witold Lutoslawskis (1913-1994) spielte Zufall eine wichtige Rolle.

1960 hörte Lutoslawski das Klavierkonzert von John Cage in einer Rundfunkübertragung. Der exzentrische US-Amerikaner gilt als Pionier der Aleatorik. Diese Methode der Komposition schreibt dem Interpreten vor, vorgefertigte musikalische Fragmente nach dem Zufallsprinzip - "alea" heißt auf Latein "Würfel" - während der Aufführung zu einem ganzen Stück zusammenzufügen. Genauso wie im Jazz gleicht keine Aufführung eines Stücks der anderen.

Nach der Uraufführung von Krzysztof Meyers Komposition Chanson d9un reveur solitaire . Krzysztof Meyer unten bei Publikum. Oben auf der Bühne der Generalmusikdirektor der Düsseldorfer Symphoniker Andrey Boreyko mit der Sopranistin Claudia Barainsky In der Tonhalle in Düsseldorf wurde der 100. Geburtstag vom polnischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten Witold Lutoslawski gefeiert und das Lutoslawski-Jahr 2013 in Deutschland eröffnet. Bild: 11.01.2013 in Düsseldorf, Barbara Cöllen

In der Tonhalle in Düsseldorf wurde der 100. Geburtstag von Witold Lutoslawski gefeiert

Lutoslawski war begeistert von Cages Idee, setzte sie aber auf eigene Art und Weise um. So wurde die "kontrollierte Aleatorik" Lutoslawskis Markenzeichen in der Musikwelt. Seine Werke enthalten einerseits Passagen, die akribisch genau durchkomponiert sind, andererseits welche, die in gewissem Rahmen dem Zufall überlassen bleiben. Dies führt zu eigenartigen, oft ausdrucksstarken Klangeffekten.

Origineller Musikstil

"Er hat eine eigene, sofort erkennbare Musiksprache geschaffen. Das ist etwas, was nur ganz wenigen Komponisten im 20. Jahrhundert gelungen ist", meint der polnische Komponist Krzysztof Meyer, der sich sehr genau an die Begegnungen mit Lutoslawski erinnert.

Krzysztof Meyer mit Andrey Boreyko In der Tonhalle in Düsseldorf wurde der 100. Geburtstag vom polnischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten Witold Lutoslawski gefeiert und das Lutoslawski-Jahr 2013 in Deutschland eröffnet. Bild: 11.01.2013 in Düsseldorf, Barbara Cöllen

Krzysztof Meyer (l.) mit Andrey Boreyko in der Tonhalle in Düsseldorf

Als junger Musikstudent durfte Meyer seine Kompositionen dem Meister vorlegen. Diese Stunden vor fast 50 Jahren in Warschau sind für ihn bis heute unvergessen, vor allem deshalb, weil für Lutoslawski die Musik weit mehr als nur ein Klangereignis war. "Das, was mich überraschte, war, dass er begann, über die Politik zu sprechen. Er gab mir zu bedenken, dass wir in keinem freien Land leben. Ich glaube, er wollte damit ein patriotisches Zeichen setzen und den jungen Mann auch von dieser Seite her erziehen", erinnert sich Meyer.

Dramatische Geschichte

Das Leben Lutoslawskis spiegelte tatsächlich die dramatische Geschichte seiner Heimat wider. Geboren zu der Zeit, als Polen als Staat nicht existierte, gehörte er zu der ersten Generation Heranwachsender, die die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg miterlebte und gleich im Zweiten Weltkrieg wieder verteidigen musste.

Nach dem Krieg wurde Polen zum sowjetischen Satellitenstaat. Lutoslawski, der aus einer adeligen Familie stammte, hat sich niemals mit dem Status Quo im kommunistischen Land abgefunden. Musik wurde zu seinem Zufluchtsort und gleichzeitig zu einem Pass in die freie Welt. Seine internationale Karriere verschaffte ihm die Autorität, die er auch zur Unterstützung der Gewerkschaft "Solidarnosc" in den 1980er Jahren einzusetzen wusste. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er wieder in einem freien und demokratischen Polen, das der Traum seiner Generation war.

Der polnische Komponist Witold Lutoslawski am 22. April 1975 während Proben mit dem Philharmonischen Chor Berlin. Am 25. April wird Lutoslawski im fünften Konzert der Reihe Musik des 20. Jahrhunderts mit einem Programm eigener Werke erstmals das Berliner Philharmonische Orchester leiten.

Witold Lutoslawski am 22. April 1975 während der Proben mit dem Philharmonischen Chor Berlin

Künstler und Weltbürger

Lutoslawski schrieb für die größten Interpreten des 20. Jahrhunderts: den russischen Cellisten Mstislav Rostopowitsch, den deutschen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, den polnischen Pianisten Krystian Zimerman und die deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter, um nur einige zu nennen. Als Dirigent seiner eigener Werke trat er mit den wichtigsten Symphonieorchestern der Welt auf.

Werke Lutoslawskis wie das Konzert für Orchester, vier Symphonien, "Jeux venitiens", "Livre pour orchestre" oder seine Cello- und Klavierkonzerte haben längst den Eingang in den Kanon der Werke des 20. Jahrhunderts gefunden. Krzysztof Meyer ist sich sicher, dass diese Werke die Zeit überdauern werden: "Lutoslawski pflegte zu sagen, dass so wie das höchste Ziel der Wissenschaft die Wahrheit, das höchste Ziel der Kunst die Schönheit ist", sagt Meyer, der fest davon überzeugt ist, dass die Werke seines Meisters dieses Ziel erreicht haben.

Der vielleicht größte polnische Komponist nach Chopin verkörperte die "polnische Schule" nach 1945, eine Zeit erstaunlicher Kreativität. Die Werke Lutoslawskis, der 1994 verstarb, erlangten eine Rezeption weit über Avantgardekreisen hinaus.