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Wissen & Umwelt

"Wissenschaftlich ein Befreiungsschlag!"

Der Mediziner Eberhard Lampeter ist erfolgreicher Unternehmer in Leipzig. 1997 gründete er Vita 34, die erste Nabelschnurblutbank Europas. "Eigentlich wollte er nie wieder zurück in den Osten", sagt er und lacht darüber.

Eberhard Lampeter, Ärztlicher Direktor und Gründer von Vita 34 (Foto: DW)

Dass er aus Leipzig stammt, dort geboren wurde und dort über drei Jahrzehnte lebte, hört man Eberhard Lampeter nicht an. Nur wenn man genau hinhört, klingt manchmal eine Prise Thüringisch durch. "Teschnisch", sagt er zum Beispiel. Doch sonst verrät ihn seine sonore, ruhige Stimme kaum. Einige Jahre war ihm das auch ganz recht. Denn 1988, kurz vor der Wende, flüchtete er.

Dass die Mauer kurze Zeit später fallen würde, hätte er damals "im Leben nicht für möglich gehalten", sagt er ein wenig wehmütig: "Ich hatte das Gefühl, jetzt passiert endlich mal was wichtiges in Leipzig und ich bin nicht da." Aber zurückkommen wollte er nach dem Mauerfall eigentlich nicht mehr. "Ich hatte mir geschworen, ich gehe nicht mehr in den Osten, das will ich nicht mehr." Doch wie das Leben manchmal so spielt – es kommt anders. 1997 gründet der Mediziner in Leipzig die erste Nabelschnurblutbank Europas. Mittlerweile beschäftigt er über 100 Mitarbeiter. "Jetzt bereue ich das nicht mehr, ich lebe wirklich sehr gerne in dieser Stadt."

Eberhard Lampeter, Ärztlicher Direktor und Gründer von Vita 34 (Foto: DW)

Eberhard Lampeter in seinem Büro. Sein Unternehmen Vita 34 gehört zur Bio City Leipzig - dem größten Biotech-Park Deutschlands. Auf 20.000 Quardratmetern arbeiten Wissenschaftler, Forscher und Unternehmer eng zusammen

Unpolitisches Medizinstudium in Leipzig

In den 70er Jahren studiert Eberhard Lampeter als junger Mann Medizin. Sechs Jahre lang. Danach arbeitet und forscht er am Universitätsklinikum Leipzig. "Mediziner und Ärzte hatten ein gutes Ansehen in der Gesellschaft", sagt Lampeter. Und er schiebt hinterher, dass sich wohl so viele angehende Studenten in die Naturwissenschaften gestürzt hätten, weil diese Fächer unpolitisch gewesen seien: "Also bei der Medizin war das ganz bestimmt so."

Doch gerade in den Naturwissenschaften ist der Austausch mit der internationalen Forscher-Szene immens wichtig. Aber ging das damals? Lampeter lacht. "Irgendwie schon. Zumindest lasen wir Publikationen. Alle in Englisch, was mir sehr schwer fiel. Aber ich hab mich da durchgemüht."

Bibliothek der Universität Leipzig (Foto: Sergey Gushcha)

Bibliothek der Universität Leipzig

Doch um sich durchzumühen, musste Eberhard Lampeter erst mal rankommen an Publikationen in Fachmagazinen wie 'Science' oder 'Nature'.

"Also bin ich jede Woche in Leipzig in die deutsche Bücherei gegangen. Dort gibt es einen wöchentlichen Index über wissenschaftliche Literatur. Ich habe die Adressen der Autoren herausbekommen und Postkarten an die Leute geschickt. Ich habe immer schöne, bunte Briefmarken draufgeklebt und gedacht, vielleicht freuen die sich darüber." Ein paar Wochen später seien die Artikel dann meistens angekommen. Denn im Westen waren die Schwierigkeiten der Ostwissenschaftler bekannt. "So haben wir uns die Literatur beschafft und dann gelesen.“

Sein Chef ermöglicht Kontakte in den Westen

War so etwas erlaubt? Tja, eigentlich nicht. Lampeter schüttelt den Kopf. Eigentlich hätte er das jedes Mal offiziell beantragen müssen. Doch bei 30 Postkarten in der Woche … Sein Chef habe das gedeckt. "Der hatte ein paar Spielräume, weil er die lokalen Parteigrößen als Patienten hatte." Sein Chef habe ihn damals außerordentlich gefördert, sagt Lampeter.

Er habe ihm auch seinen allerwichtigsten Kontakt ermöglicht. Auf einem Kongress in Leipzig lernte er einen jungen, italienischen Wissenschaftler kennen. "Ich war abgeordnet und sollte quasi der lokale Betreuer für den sein." Das Leben des italienischen Forschers faszinierte ihn "kolossal!" Vor allem, dass der Italiener wöchentlich zwischen Rom und London pendelte. Unvorstellbar sei das damals für ihn gewesen, schmunzelt Lampeter. "Jedenfalls hat mir der enorm geholfen. Er machte es möglich, dass ich zu einem großen Diabetes-Kongress nach Rom fahren durfte. Das war das erste Mal, dass ich im Westen war."

Fluchtpläne

1988 verschafft ihm der Italiener ein einjähriges Stipendium in seiner Arbeitsgruppe in London. Und dieses Jahr verändert alles. Zwar können sich in der DDR alle sicher sein, dass der 34-jährige Mediziner nach Leipzig zurückkommt, denn seine Frau und seine erste Tochter, die in jenem Jahr geboren wurde, warten auf ihn. Doch er schmiedet Fluchpläne.

Da er und seine Frau zwei Wohnsitze haben, was damals unüblich ist, beantragen sie unabhängig voneinander Ausreisegenehmigungen für ein großes Familienfest in Erlangen, Westdeutschland. Eberhard Lampeter stellt seinen Antrag in Leipzig, seine Frau in Dessau. Das waren damals unterschiedliche Stasi-Bezirke, erklärt er: "Wir haben nicht so richtig dran geglaubt, das das funktioniert aber wir haben es probiert."

Eberhard Lampeter, Ärztlicher Direktor und Gründer von Vita 34 (Foto: DW)

Eberhard Lampeter ist überzeugt von seiner Idee: Stammzellen aus eingelagertem Nabelschnurblut können Krankheiten heilen, ja sogar Leben retten

"Wissenschaftlich ein Befreiungsschlag!"

Doch es funktioniert. Beide verlassen die DDR per Bahn. Eberhard Lampeter von Leipzig aus, seine Frau startet aus Dessau. "Das war schon ein komisches Gefühl als ich mit dem Auto zum Bahnhof gefahren bin und es auf dem Parkplatz abgestellt habe. Da war mir klar - ich hol das nie wieder ab." Irgendwann bereut? Nein! Niemals! Für ihn als Wissenschaftler sein das ein riesiger Befreiungsschlag gewesen, versichert er. "Ich konnte jetzt zu internationalen Kongressen fahren, ich konnte Projekte entwickeln, Gelder bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft anwerben. Ich habe schnell gelernt, wie man das macht und war auch bald recht erfolgreich."

Im Westen macht Eberhard Lampeter ruck-zuck Karriere. Zunächst arbeitet er in München am Krankenhaus in Schwabing, kurze Zeit später kommt ein lukratives Angebot vom renommierten Diabetesforschungszentrum in Düsseldorf. Hier entwickelt der Zellforscher schließlich seine Unternehmensidee.

Kontakte zu ehemaligen Kollegen aus der DDR hat Eberhard Lampeter bis heute. Auch seinen damaligen Chef hat er wieder getroffen, den, der ihn damals so sehr unterstützt hat. Doch er habe ihm die Flucht bis heute nicht verziehen, bedauert Lampeter und wirkt in diesem Moment sehr nachdenklich: "Ich habe mit ihm darüber gesprochen aber es ist noch immer ein wunder Punkt. Er hat es eben als ein Weggehen, als ein im Stich lassen und als ein wortbrüchig werden empfunden. Denn er hatte sich persönlich für mich eingesetzt und hat sein persönliches Wort für mich gegeben, das ich nicht eingehalten habe."

Autorin: Judith Hartl

Redaktion: Ulrike Wolpers

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