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Bildung

Wissenschaftler als Lehrerersatz?

Sie gehören zur Elite deutscher Hochschulabsolventen und könnten eine glänzende Karriere starten. Aber sie unterrichten lieber Problemschüler. Das Programm "Teach First" wird hoch gelobt, aber auch kritisiert.

Teach First Deutschland: Christina Lagemann (Foto: TFD)

Molekularmedizinerin Christina Lagemann im Biologieunterricht

Im Biologieunterricht an der Berliner Hufeland-Oberschule sitzen die Hauptschüler noch müde an ihren Tischen. Sie tragen weiße Laborkittel, vor ihnen stehen kleine Schälchen mit Karotten-, Apfel- und Brotstücken. Die Schüler sollen sie auf ihren Vitamingehalt testen. Christina Lagemann eilt zwischen den Tischen hin und her, hilft, erklärt. Dabei könnte sie jetzt selbst im Laborkittel an einer amerikanischen Eliteuniversität sitzen und forschen.

Doch die 26-jährige Molekularmedizinerin mit Einserabschluss hat auf die karrierefördernde Promotion in den USA verzichtet. Statt dessen arbeitet sie als "Fellow" - zu deutsch "Gefährte" - der Organisation "Teach First". In dem aus den USA stammenden Programm haben sich 66 Topabsolventen aller Fachrichtungen verpflichtet, für zwei Jahre Schüler und Lehrer an Brennpunktschulen in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen zu unterstützen.

Experimentierfeld für eine Elite?

700 Topabsolventen hatten sich für das neue Programm beworben, das im Herbst 2009 in Deutschland gestartet wurde. "Das große Interesse erklären wir uns damit, dass es offenbar wenige Möglichkeiten gibt, sich ganz konkret zu engagieren", erzählt Gründerin Kaija Landsberg. Genau das würden viele junge Menschen, die selbst Privilegien in der Schule genossen hätten, gerne tun. Mit ihrem Engagement könnten sie zum Vorbild für sozial benachteiligte Schüler werden. Und seien dabei "eingebettet in ein Programm, das sie persönlich weiterbringt."

Teach First Deutschland: Schüler (Foto: TFD)

Ein Versprechen, das bei Schulen und Gewerkschaften auch auf Kritik stößt. "Das Programm konstruiert eine win-win-Situation, die es so nicht gibt", sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer. Die Topakademiker seien meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Hauptschüler entfernt, weshalb diese sich auch nicht gut mit den erfolgreichen Absolventen identifizieren könnten. "Ein Vorbild für die Hauptschüler sind eher Menschen, die sich selbst hocharbeiten mussten."

Nach ein paar Monaten Vertrauenslehrerin

Die Schüler an der Hufeland-Oberschule in Berlin sehen das offenbar anders. Sie mögen Christina Lagemann, weil sie jung, engagiert, sportlich und verständnisvoll ist und "nie rumschreit". Schon nach ein paar Monaten an der Schule wurde die Molekularmedizinerin zur Vertrauenslehrerin gewählt. Trotz all des Lobes stößt sie aber auch an ihre Grenzen. Etwa, wenn Schüler sich verweigern, den Unterricht schwänzen, frech werden. "Im Moment arbeite ich ganz viel mit positiver Verstärkung", erzählt sie. "Denn jede Art von Bestrafung ist absolut kontraproduktiv oder versickert im Sand."

Drei Monate wurde die Molekularmedizinerin auf ihren Einsatz in der Brennpunktschule vorbereitet. Ansonsten heißt es "Learning by doing". Ein weiterer Punkt, der den Schulen und Gewerkschaften Sorge bereitet. "Zwar ist es vertraglich geregelt, dass die Fellows mit dieser minimalen pädagogischen Ausbildung nicht unterrichten dürfen, die Praxis aber sieht anders aus", beobachtet Marianne Demmer. Allzu oft würden die jungen Akademiker als Hilfslehrer eingesetzt – vor allem dann, wenn Lehrer krank seien.

Bildungsreformen statt pädagogische Zeitarbeit

Teach First Deutschland: Schüler und Fellow (Foto: TFD)

Akademiker als Bildungsbotschafter

"Wir brauchen an den deutschen Schulen qualifizierte Vertretungslehrer, doch genau dafür wollen die Politiker kein Geld ausgeben", kritisiert Demmer. Dabei kostet der Einsatz der Fellows die Schulen monatlich 1700 Euro – Geld, das auch für neue Lehrerstellen hätte verwendet werden können, meint die Schulexpertin. Sie befürchtet, dass Programme wie Teach First einem neuen Trend an deutschen Schulen Vorschub leisten: Akademiker mit einer geringen pädagogischen Ausbildung als Zeitarbeiter einzusetzen. "Wir brauchen aber eine richtige Bildungsreform mit vielen qualifizierten Lehrern", betont Demmer.

Ein Ziel, das "Teach First" übrigens durchaus unterstützt. "Die langfristige Vision unseres Programms ist es, ein großes Netzwerk an Bildungsbotschaftern zu schaffen, die größere Reformen in Gang setzen", sagt Kaija Landsberg. Anders ausgedrückt: Fellows wie Christina Lagemann, die später vielleicht an den Schaltstellen in Forschung, Politik und Wirtschaft sitzen, sollen für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland sorgen.

Autorinnen: Anna Corves, Sabine Damaschke

Redaktion: Gaby Reucher

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