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Fokus Südosteuropa

Wissenschaft im Dienste der Ideologie

Auch 20 Jahre nach der Wende halten sich in den albanischsprachigen Geisteswissenschaften alte ideologische Klischees hartnäckig. Historiker und Philologen verteidigen den Mythos der illyrischen Abstammung der Albaner.

Der archäologische Parl Apollonia in Südalbanien (Foto: DW)

Die Antike hält her für nationalistische Mythenbildung

Viele historische Abhandlungen und geisteswissenschaftliche Studien, die in Albanien veröffentlicht werden sind gekennzeichnet durch eine intellektuelle Starre und Diskursfeindlichkeit. So lautet die Bilanz einer Konferenz über die "Gratwanderung zwischen Wissenschaft, Politik und Ideologie: Die albanischen Geisteswissenschaften und die moderne deutsche Forschung zu Albanien," die Ende November in Tirana mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung stattfand.

Anachronistische offizielle Deutungen der Geschichte und floskelhafte Sprachregelungen in albanischen Publikationen klingen vielfach noch wie aus der Mottenkiste der totalitären Regime des zwanzigsten Jahrhunderts, beklagten Wissenschaftler und Teilnehmer der Tagung. Diese kamen sowohl aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, aber auch viele junge Forscher aus Albanien waren beteiligt.

Ein Bunker aus der Zeit des Kommunismus (Foto: Aida Cama)

Bunkermentalität in der Wissenschaft - Ureinwohnerschaft begründet Wehrhaftigkeit im Kommunismus

Albanische Wissenschaft isoliert sich

Diese beklagten, dass die etablierten albanischen Geisteswissenschaftler, mit wenigen Ausnahmen, die internationale Forschung kaum oder gar nicht zur Kenntnis nähmen und sich weitgehend von ihr abschotten würden.

Vor diesem Hintergrund versuchten die Organisatoren der Konferenz eine Plattform für den Meinungsaustausch zwischen jungen albanischen Wissenschaftler und Forschern im Ausland zu bieten. Der Schwerpunkt lag somit auf der jüngeren Geschichte des Landes, der albanischen historischen Sprachwissenschaft und der Rolle nationaler Herkunftsmythen und ihrer Instrumentalisierung durch Wissenschaft und Politik.

Daniel Usprung, Historiker Uni. Zürich; Dr. Pandeli Pani, DW Albanisch, Dr. Artan Puto, Historiker Tirana; Dr. Enis Sulstarova, Historiker, Uni. Tirana auf der Konferenz Gratwanderung zwischen Wissenschaft, Politik und Ideologie, die am 22.11. 2010 in Tirana Albanien, stattfand. (Foto: DW)

Teilnehmer der Konferenz klagen über mangelnde Aufarbeitung

Ein Beispiel dafür sei der Führerkult des kommunistischen Diktators Enver Hoxha, der dem des sowjetischen Diktators Josef Stalin glich. Der Züricher Historiker Daniel Ursprung und sein albanischer Kollege Artan Puto fanden heraus, dass auf Gewaltherrschaft basierende Systeme wie der Kommunismus nur überleben können, wenn sie sich Legitimation in der Bevölkerung verschaffen.

Da aber die Kommunisten einen bewussten Bruch mit der bestehenden Gesellschaft anstrebten und eine neue Ordnung etablieren wollten, mussten sie ihre Herrschaft charismatisch begründen und beweisen, dass die kommunistischen Führer außerordentliche Fähigkeiten aufwiesen.

Aufarbeitung der Kommunismus bleibt aus

Ursprung beklagte die "Nicht-Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit." So gebe es noch immer keine seriöse Hoxha-Biographie und nicht einmal nennenswertes Schrifttum über den Diktator. Das sei Paradox, weil er "wie kein Zweiter sein Land vierzig Jahre lang im Griff hatte."

Der Sturz der Enver Hoxha Statue in Tirana 1991 (Foto: Armando Babani)

Die Statuen stützen - das ideologische Erbe bleibt in den Köpfen

Die albanischstämmige Berliner Wissenschaftlerin Arolda Elbasani und ihr polnischer Kollege Artur Lipinski erklärten diesen Mangel an kritischer Geschichtsschriebung mit dem Fehlen zivilgesellschaftlicher Traditionen. Die nach der Wende an die Macht gekommenen Eliten seien durch ihre Zusammenarbeit mit dem kommunistischen System "Sklaven der Vergangenheit." Deshalb gebe es kaum Interesse an einer Aufklärung.

Forscher im Dienste der Ideologie

Die These, dass die Albaner Nachfahren der antiken IIllyrer seien, werde unkritisch in Sprach- und Geschichtswissenschaft übernommen, obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar sei, so der Bonner Wissenschaftler Stefan Georg. Auch in Kosovo und unter den Albanern in Mazedonien nehme sie eine "zentrale Position" in populären und wissenschaftlichen Veröffentlichungen ein.

Dieser Mythos, der von nationalistischen und kommunistischen Ideologen im 20. Jahrhundert aufgebaut wurde, diene dazu, ein Selbstbild der Albaner als wehrhaftes und in der Region fest verwurzeltes, angestammtes Volk zu festigen.

In Wahrheit, sei der Mythos aber ebenso falsch, wie die These, die heutigen Deutschen stammten in gerader Linie von Arminuis, auch bekannt als Hermann dem Cherusker, ab, so Georg. In der Tat stamme zum Beispiel die mittelhochdeutsche Epik nach Form und Stoff beinahe vollständig von französischen Vorbildern ab.

Georg bezeichnete es als "schlimm," dass sich die albanische Wissenschaft auch zwanzig Jahre nach Ende des Kommunismus noch weigere, "liebgewordene Vorstellungen" über Bord zu werfen und diese auch weiterhin nutzt, um Nationalisten "Munition für den ideologischen Kampf gegen andere" zu liefern.

Autor: Pandeli Pani
Redaktion: Fabian Schmidt