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Politik

Wissen schützt vor Antisemitismus nicht

Die OSZE diskutiert in Cordoba über den Kampf gegen Antisemitismus. Vor allem Medien und Schulen sollen diesen Kampf führen. Experte Wolfgang Benz warnt: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist effektiv.

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Antisemitismus in Frankreich: Hakenkreuze auf jüdischen Gräbern

Am Ende der OSZE-Konferenz gegen Antisemitismus, die im vergangenen Jahr in Berlin stattfand, stand eine Selbstverpflichtung. In der so genannten Berliner Erklärung verurteilten die 55 Teilnehmerstaaten "vorbehaltlos alle Erscheinungsformen des Antisemitismus" sowie alle Akte von "Intoleranz, Hetze, Übergriffen oder Gewalt". Die hochkarätig besetzte Zusammenkunft verpflichtete sich dazu, Informationen über antijüdische Straftaten zu sammeln und die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, oder?

Antisemitismuskonferenz in Berlin

Berliner Antisemitismuskonferenz 2004: keine Selbstverständlichkeit

"Wenn es selbstverständlich wäre, gäbe es keinen Antisemitismus", hält Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, solcher Kritik entgegen. Da die OSZE sehr viele Staaten umfasst, in denen anders als in Deutschland Judenfeindlichkeit nicht kriminalisiert oder verpönt ist, findet Benz es durchaus sinn- und verdienstvoll, sich "auf hoher Ebene darüber zu verständigen, was mit unserer Kulturauffassung nicht vereinbar ist".

Was geht uns das noch an?

Auf der nun vom 8. bis 9. Juni stattfindenden Nachfolgekonferenz im spanischen Cordoba wollen die Teilnehmer eine erste Bilanz im Jahr eins nach der Berliner Erklärung ziehen. Die OSZE will zeigen, dass der Berliner Aktionsplan nicht nur aus wohlfeilen Worten besteht. Fortschritte sollen etwa auf dem Gebiet der "Holocaust Education" verkündet werden. In der pädagogischen Vermittlung der Shoah sehen die OSZE-Staaten seit "Berlin" den Schlüssel im Kampf gegen antisemitische Vorurteile. So auch der Anfang des Jahres gewählte Antisemitismus-Beauftragte der OSZE, Gert Weisskirchen.

Auschwitz Holocaust Gedenktag

Konzentrationslager Auschwitz. Erinnerung schützt nicht vor Antisemitismus

Im Blick auf eine britische Untersuchung zum erschreckend geringen Wissen über den Holocaust sagte Weisskirchen der Deutschen Welle: "Wir müssen die Schulen wieder in den Stand versetzen, dass die Holocaust-Erziehung aufklärerisch eingesetzt wird, und dass insbesondere die jungen Menschen wieder wissen: So etwas darf nie wieder geschehen."

Doch das Wissen über den Holocaust immunisiert keineswegs automatisch gegen antijüdische Ressentiments, erklärt Wolfgang Benz. "Sicherlich spielt dieses Wissen eine Rolle und kann für die Demokratieerziehung genutzt werden", sagt er. Aber es zum ausschließlichen Dreh- und Angelpunkt pädagogischer Bemühungen zu machen, hält Benz für wenig sinnvoll: "Wir müssen jungen Leuten heute Toleranz auf andere Weise nahe bringen als nur mit dem Hinweis auf den Völkermord an den Juden." Denn auf Geschichte reagieren Schüler häufig allergisch, sagen: Das war vor 60 Jahren, was geht uns das heute noch an?

Zu früh für gesamteuropäische Diagnose

Für eine gesamtdeutsche Diagnose nach der Ost-Erweiterung ist es noch zu früh, sagt Benz. Den europäischen Antisemitismus kann man kaum auf einen Nenner bringen. Antijüdische Grabschändungen in Frankreich sind anders motiviert als die Ressentiments, mit denen der klerikal-fundamentalistische Sender "Radio Maryja" den polnischen Äther beschickt oder die NPD den sächsischen Landtag provoziert. "Antisemitismus äußert sich zunächst und vor allem als nationale Angelegenheit", sagt Benz. "Wie sich die Osterweiterung auf Mitteleuropa auswirken wird, bleibt noch abzuwarten."

Schon jetzt zeigt sich allerdings, dass antijüdische Einstellungen im Rahmen der Globalisierungskritik auf fruchtbaren Boden fallen. Hier kommt es bisweilen zu höchst seltsamen Allianzen zwischen rechts und links. In München haben sich Neonazis unter eine Attac-Demonstration gemischt, in Düsseldorf artikulierte ein junges Attac-Mitglied seine Globalisierungskritik mit den Worten: "Wessen Straßen? Unsere Straßen! Wessen Deutschland? Unser Deutschland!"

Peter Wahl von Attac, der diese Fälle gegenüber DW-WORLD bestätigte, räumt die teils problematische Querverbindung zwischen der Anti-Globalisierungsbewegung und antisemitischen Positionen ein, geht aber auf Abstand: "Attac ist eine internationalistische Bewegung und distanziert sich eindeutig von antisemitischen Positionen." Wolfgang Benz warnt indessen vor dem teilweise antisemitischen Potential dieser Bewegung: "Da klassischer Antisemitismus immer mit Verschwörungstheorien arbeitet", sagt Benz, "sind Globalisierungsgegner besonders anfällig für Antisemitismus."

Abstumpfung durch Alarmismus

Solche Theorien als antijüdische Projektionen zu entlarven, diese Aufgabe kommt nach Auffassung der OSZE insbesondere den Medien zu. Im Fokus von Diskussionsrunden und Workshops wird in Cordoba die Rolle der Medien im Kampf gegen Hetze und Intoleranz auf der Agenda stehen. Entgegen anders lautender Kritik hält Wolfgang Benz die deutsche Presse auf diesem Gebiet für sehr gut, manchmal sogar für zu gut aufgestellt: "Wenn vor lauter Alarmbereitschaft eine demoskopische Umfrage, nach der 20 Prozent der Deutschen auch antisemitische Einstellungen haben, mit den Worten kommentiert wird: 'Jeder fünfte Deutsche ist Antisemit', ist das eher ein Zuviel des Guten", kritisiert der Antisemitismusforscher. Diese Neigung zum gut gemeinten Alarmismus, erläutert Benz, kann auf Dauer nämlich auch ins Gegenteil umschlagen und abstumpfend wirken.

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