1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Hintergrund

Wirtschaftswunder Internet: Nicht alle surfen oben auf

Marktplatz Internet: Er ist der Vertriebskanal mit der größten Wachstumsdynamik. Aber nicht jeder surft auf der Erfolgswelle. Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Wo sind die Chancen, wo die Tücken zu finden?

Surfer, AP

Die Welle nicht verpassen

Der Marktplatz Internet boomt. "1,2,3 meins" ist der Werbeslogan der Internetplattform Ebay. Zwanzig Millionen Mitglieder zählt das Auktionshaus allein in Deutschland. Tendenz steigend. Deutsche Verbraucher haben im Jahr 2006 für mehr als 15,3 Milliarden Euro im Internet Waren und Dienstleistungen gekauft. Das bedeutet eine Steigerung um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung zeigt.

Rentnerpaar vor Laptop, Bilderbox 2007

Sie sind drin: Die Silversurfer im Internet

Teure Produkte wie Elektrogeräte, Haushaltswaren und Reisen verzeichneten besonders hohe Zuwächse. Knapp ein Drittel aller Reisen und Veranstaltungstickets wurden virtuell erstanden. Und die User variieren immer mehr. Vor ein paar Jahren waren es noch die gut ausgebildeten, jungen Berufstätigen. Die Generation, die mit dem Internet gewachsen ist. In letzter Zeit verzeichnen Marktforscher einen starken Zuwachs der so genannten Silversurfer: Internetkäufer über 50.

Kaufen im Netz: Nicht irgendwo

Aber die Leute kaufen nicht einfach irgendwo: Das Internet hat Marken herausgebildet, an denen sich die Käufer orientieren. In dem Meer von Web-Anbietern haben sich Amazon und Ebay als Top-Anbieter herauskristallisiert. Und auch der klassische Versandhandel profitiert stark vom Internet: Neckermann, Otto-Versand, Quelle und Tchibo dominieren den Non-Food-Markt des Internethandels in Deutschland mit einem Anteil von zwei Dritteln.

Männer in einem Fachgeschäft für Unterhaltungselektronik betrachten Fernseher, Quelle: Flickr/thomasstache

Im Shop schauen, im Internet kaufen

Das Internet macht Preistransparenz möglich, die Suche nach dem günstigsten Angebot einfacher. Weltweit per Mausklick Preise vergleichen und dann bestellen. Die Waren werden direkt nach Hause geliefert. Bequem ist das Kaufen im Internet.

Natürlich hat die Transparenz auch im Internet Grenzen. "Ein einziger Kunde kann keinen verlässlichen Preisvergleich leisten", sagt Tobias Ossig. Er ist Gründer von Preis.de, eine der circa 15 Internetplattformen in Deutschland, die genau das leisten: systematischen, professionellen Preisvergleich für Internetkunden. "Die Leute informieren sich bei uns, bevor sie kaufen. Damit kriegen sie bessere Preise als bei vielen scheinbar günstigen Einzelhändlern, die von Zeit zu Zeit mit Lockvogelangeboten werben", so Ossig.

Betrug im Internet

Schwarze Silhouette eines Männerkopfes im Profil vor dem Computerbildschirm

Schwarze Schafe kratzen am Image Ebays

Aber der Handel im Internet hat auch seine Tücken, wie die jüngsten Betrugskandale von Ebay-Händlern zeigen. Einzelne Verkäufer bieten in einem ersten Schritt wenige Artikel zu günstigen Preisen an und bekommen positive Bewertungen. Für Ebay-Nutzer ist das ein Signal, dass die Geschäfte korrekt abgelaufen sind. Dann bieten sie massenhaft teure Artikel an, wie Notebooks, Mobiltelefone, Digitalkameras, zahlbar gegen Vorkasse. Die Käufer überweisen das Geld, die Ware aber kommt nie bei ihnen an. Obwohl es sich dabei um Einzelfälle handelt, zeigt es doch wie anfällig das Internet für Betrügereien ist.

Gunnar Kauffmann ist Steuerberater und Referent für Ebay. Er wundert sich, warum nicht mehr Käufer das Treuhandsystem von Ebay nutzen. Das Geld geht zunächst auf ein Zwischenkonto. Der Verkäufer wird über den Eingang des Geldes informiert und schickt erst dann die Ware los. Wenn die Ware beim Käufer angekommen ist, erhält auch der Verkäufer das Geld vom Treuhandkonto. Dieser Service kostet zwar extra, ist aber risikofrei.

Viele Dilettanten im Netz

Neben den wenigen schwarzen Schafen, gibt es auf der Verkäuferseite viel Dilettantismus, weiß Kauffmann zu berichten. "Viele kennen sich nicht mit steuerlichen Fragen aus. Sie wissen nicht, welche Rechnungen mehrwertsteuerpflichtig sind und welche nicht." Gerade für Powerseller, also Händler, die bei Ebay entweder mehr als 3000 Euro oder 300 Artikel im Monat umsetzen, ist das wichtig. Denn sie machen sich strafbar, wenn sie steuerpflichtige Umsätze nicht anmelden. Eine richtige Kostenkalkulation erstellen die Wenigsten. "Viele Powerseller haben gar keine Ahnung, ob sie unterm Strich wirklich Geld verdienen", sagt Gunnar Kauffmann.

Eine CD mit der Aufschrift Raubkopie wird einem CD-Brenner entnommen, dpa

Die Musikindustrie wehrt sich

Verluste durch den Internetboom macht immer noch die Musikindustrie - trotz des wachsenden Downloadgeschäftes. Im Jahr 2006 ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zurück. Zugleich stiegen die Downloadumsätze um 40 Prozent auf 42 Millionen Euro. Laut den Phonoverbänden kommen aber auf einen legalen Download immer noch rund 14 illegale. Die Musikindustrie fährt daher einen sehr aggressiven Kurs: Seit Jahresbeginn hat sie 25.000 Strafanzeigen gegen Internetnutzer erstattet, die sich illegal Musik heruntergeladen haben und diese im Netz anbieten. Rund 90 Ermittler suchten im Auftrag der Plattenindustrie im Internet nach Spuren illegal heruntergeladener Musikstücke.

Verlierer des Booms

Negativ sind die Entwicklungen auch für Printmedien und Fernsehanstalten, die sich über Anzeigenverkauf und Werbung finanzieren. Denn die Werbebudgets werden immer mehr zugunsten von Onlineangeboten umgeschichtet. Grund dafür ist, dass vor allem jüngere Leser und Zuschauer viel Zeit im Internet verbringen und weniger Zeitung lesen oder Fernsehen schauen. Nach Angaben des Bundesverbandes für digitale Wirtschaft stieg das Onlinewerbevolumen in Deutschland 2006 um 84 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro. Das Wachstum anderer Werbeträger legte dagegen nur um fünf Prozent zu.

Das Logo des Internet-Marktplatzes ebay am 18. August 2004 auf einem Computerschirm in Bremen. Der Bundesgerichtshof entschied am Mittwoch, 3. November 2004, dass Unternehmen, die ihre Waren bei ebay versteigern, den Kaeufern ein Widerrufsrecht von zwei Wochen einraeumen muessen. (AP Photo/Joerg Sarbach) ** APD0198 **

Virtueller Marktplatz

Der Internethandel ist für Torsten Hornung wie ein riesiges Schiff. "Ich habe mich auf dem Sonnendeck eingerichtet, aber natürlich gibt es auch dunkle, weniger schöne Ecken." Torsten Hornung ist Philatelist in dritter Generation. Er handelt mit Sammlerbriefmarken und Münzen. 1995 führte er neben einem Auktionshaus ein unrentables Ladengeschäft in Wiesbaden. Dann kam Ebay, und es taten sich neue Vertriebskanäle auf. Den Laden gibt es nicht mehr, sein Internethandel blüht. Er schwärmt vom Internet als einen "Ort, in dem man sucht und findet".

Virtuelle Zukunft des Einzelhandels

Amazon-Logistik-Center in Bad Hersfeld, 18.6.2003

Moderner Buchhandel: Amazon Logistik Center in Bad Hersfeld

Fachwissen, Qualitätsgarantien und unverwechselbare Produkte sind Hornungs Erfolgsrezept. Sein Beispiel zeigt wie ein traditionsreiches Familienunternehmen den Sprung ins Internetzeitalter geschafft hat. Ladenlokal im Tausch gegen das globale World Wide Web. "In 1-A-Lagen wie auf dem Kurfürstendamm in Berlin oder der Königsallee in Düsseldorf gibt es keine Philatelisten mehr", berichtet Hornung, trotzdem würden in dieser Branche allein in Deutschland jährlich eine Milliarde Euro umgesetzt. Dem Normalbürger mag dieser Verlust entgangen sein. Was aber, wenn auch Elektronikfachgeschäfte, Reisebüros und Zeitungen schließen müssen, sich der traditionelle Einzelhandel mehr und mehr ins Netz verlagert? Über die Folgen für die Lebensart in den Städten wird wenig nachgedacht, bei dem Tempo bleibt dafür oft keine Zeit.

Die Redaktion empfiehlt