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Deutschland

Wirtschaftsvertreter zeigen sich nach der Wahl enttäuscht

Die Bundestagswahl hat ausgelöst, wovor sich die Wirtschaft am meisten fürchtet: Unsicherheit. Statt schneller Regierungsbildung zeichnen sich nun in Berlin ein zähes Ringen und ein geringes Reformtempo ab.

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Dämpfer für die Wirtschaft

Das Ausbleiben klarer Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl hat bei der deutschen Wirtschaft überwiegend Enttäuschung ausgelöst. Der Aktienindex DAX rutsche direkt am Morgen um über 100 Punkte in den Keller unter die Marke von 4.900 Punkten. Auch der Eurokurs sank mit einem Referenzkurs von 1,21/32 Dollar auf den tiefsten Stand seit einem Monat. Viele Akteure am Devisenmarkt hatten auf eine Regierung aus Union und FDP mit radikaleren Wirtschaftsreformen spekuliert.

Schnell einigen!

Jürgen Thumann BDI

Thumann: "Wir sind bitter enttäuscht"

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, sagte nach der Wahl, Deutschland werde künftig schwieriger zu regieren sein. Eine große Koalition würde nur auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner kommen: "Aus Sicht der Industrie und Wirtschaft sind wir bitter enttäuscht", so Thumann. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, forderte "eine Koalition der Vernunft", während der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) die Parteien vor allem dazu aufrief, sich so schnell wie möglich auf eine handlungsfähige Regierung zu einigen.

Der Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner, sagte dem Berliner "Tagesspiegel", Deutschland sei offensichtlich noch nicht reif für die Modernisierung. Das hieße für die Unternehmen, dass sie ihren Weg allein gehen müssten. Nach Ansicht des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, kann sich keine künftige Regierung um die Lösung des drängenden Problems der Arbeitslosigkeit drücken. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall forderte von einer künftigen Bundesregierung, das Land auf Wachstums- und Beschäftigungskurs zu bringen.

Baustelle Deutschland

DW-TV Made in Germany 28.11.2002 Interview Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar im DW-Interview

Der Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Thomas Straubhaar, fürchtet eine mögliche Instabilität. Deutschland gehe schwierigen Zeiten entgegen. Der Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, sagte der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung": "Die Unsicherheit für die Wirtschaft wird erst einmal größer. Deutschland bleibt in vielen Bereichen eine Baustelle." Daher dürfe es nicht zu einer politischen Hängepartie kommen.

"Die Wirtschaftswelt geht nicht unter"

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Nobert Walter ist da weniger skeptisch, im Interview mit DW-TV sagte er: "Sollte es zu einer großen Koalition kommen, wird die Wirtschaftswelt davon nicht untergehen. Sie hat mit den politischen Entscheidungen zurecht zu kommen, so ist das in einer Demokratie." Deutsche Unternehmen, "die auf das Inland angewiesen sind, sowohl als Produktionsstandort wie als Absatzplatz, werden jetzt natürlich ein richtiges Problem haben und wahrscheinlich bei ihren Investitionen große Zurückhaltung zeigen. Das ist das Letzte, was wir brauchen können."

Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank

Walter: Die Wirtschaftswelt geht nicht unter!

Von Bündnissen mit den kleinen Parteien hält er wenig: Für einen "Sprung in ein neues Reformbündnis" sei weder die FDP noch die Grünen "reif". Eine Mehrheit der Deutschen fürchte sich offenbar vor Reformen und "hält das Alte, Bewahrende für das Wichtigere", so der Chefvolkswirt. Christdemokraten und Freidemokraten müssten dies zur Kenntnis nehmen. Das mache "es für Prognosen außerordentlich schwer, denn diese Haltung führt nicht nach vorne. Das werden auch die erkennen, die gestern noch so gewählt haben, wie sie gewählt haben", fügte Walter hinzu.

Der Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Michael Hüther sieht die Wahlentscheidung nicht so negativ: "Die Gefahr des Stillstands ist zwar da, es gibt aber auch eine Basis für gemeinsame Entscheidungen."

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