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Wirtschaft

Wirtschaftskrimi am Bosporus

Die türkische Industriellen-Familie Uzan steht im Kreuzfeuer: Nachdem die familieneigene Imar-Bank wegen Betrugsvorwürfen unter staatliche Aufsicht gestellt wurde, pfändeten die Behörden nun zahlreiche Firmen des Clans.

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Familien-Flucht vor der Justiz. Nur Cem Uzan hält noch die Stellung

Ein weitverzweigtes Imperium hat Familienoberhaupt Kemal Uzan aufgebaut. Baufirmen, Energiebetriebe, Fernsehsender und Zeitungen sowie den zweitgrößten Mobilfunkanbieter der Türkei - Telsim - nennt die Istanbuler Sippe ihr Eigen. Mit einer Tellerwäscherkarriere machte der aus Bosnien stammende Kemal seine Familie zur viertreichsten in der Türkei. Yachten, Villen, Luxusautos und Hubschrauber leistete sich der Unternehmer-Clan. Zumindest das Fluggerät erwies sich als lohnende Investition: Während die Polizei im August 2003 durch die Türen des Familiensitzes stürmte, hoben Kemal, Sohn Hakan und Tochter Aysegül vom Dach des Hauses ab und verschwanden ins Ausland, um unangenehmen Fragen bezüglich Bilanzfälschung bei der Imar-Bank zu entgehen.

Der Ärger um die Unternehmer-Dynastie hatte im Frühjahr 2003 begonnen, als die türkische Energie-Regulierungsbehörde zwei Kraftwerksunternehmen der Uzans wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens und des Verstoßes gegen Konzessionsbestimmungen vom Netz nahm. Dann zogen von anderer Seite Gewitterwolken auf. Die Handy-Hersteller Motorola und Nokia stellten Milliardenforderungen wegen Kreditbetrugs an die türkische Familie. Ein Gericht in New York verurteilte diese im Sommer 2003 zu einer Schadenersatzzahlung an Motorola von über 4,3 Milliarden US-Dollar.

Bilanzloch in Rekordhöhe

Nachdem die Bankenaufsicht im Juli 2003 die Kontrolle über das Kreditinstitut Imar übernommen hatte, kam erst das ganze Ausmaß der Probleme zu Tage. "Es besteht eine Diskrepanz zwischen dem, was man uns offiziell mitgeteilt hatte und dem, was wir nach der Übernahme der Bank in den Akten fanden", sagte Ceyla Pazarbasioglu, Leiterin der türkischen Bankenaufsichtsbehörde gegenüber der britischen Zeitung "Financial Times". Die Ermittler entdeckten ein Bilanzloch in der Rekordhöhe von fünf bis sechs Milliarden Euro.

Hakan Uzan, Telsim

Hakan Uzan

Die Familie Uzan bestreitet alle Betrugsvorwürfe. Sie sehen sich als Opfer eines politischen Komplotts. Der älteste Sohn Cem, Chef der Genc-Parti, zu Deutsch "Jugend-Partei", machte den türkischen Ministerpräsidenten als Drahtzieher aus. "Tayyip Erdogan will meine Familie kaputtmachen, weil die Genc-Parti seine einzige ernsthafte Konkurrenz ist", meinte er gegenüber dem Magazin "Time". Der blonde Mittvierziger war mit seiner rechtspopulistischen Gruppierung bei den Wahlen im November 2002 gegen Erdogans gemäßigt-islamische Partei angetreten. Mit rund sieben Prozent der Stimmen verpasste er allerdings den Einzug ins Parlament. Laut Meinungsumfragen steht die Genc-Parti mittlerweile jedoch bei 15 Prozent.

"Berlusconi des Bosporus"

Im Wahlkampf fuhr Cem Uzan alles auf, was er zu bieten hatte. Über die Tageszeitung "Star", die familieneigenen Fernsehsender und per Massen-SMS an alle Telsim-Kunden verbreitete der Medien-Mogul seine Botschaften - ganz nach dem Vorbild des italienischen Ministerpräsidenten, was ihm den Beinamen "türkischer Berlusconi" einbrachte. Seine erklärten Regierungsziele lauteteten: Den Internationalen Währungsfonds aus dem Land werfen und die "Versklavung" der Türkei durch die Europäische Union beenden. Der Wahlaufsicht und der Medienkontrolle gingen die Wahlkampf-Methoden des Wirtschafts-Tycoons zu weit. Sie verhängten mehrmals Sendeverbote gegen die Kanäle des Clans.

Einst hatten die Uzans als Vorzeigeindustrielle der Türkei gegolten. Sie übernahmen ehemalige Staatsbetriebe und brachten mit ihrem Unternehmergeist der türkischen Bevölkerung den Kapitalismus nahe. Was die Überprüfung des Geschäftsgebarens angeht, galt die Familie dementpsrechend als "unantastbar". Doch mit dem Wechsel der Eliten unter Erdogan fielen auch die schützenden Hände weg. Die spektakuläre Flucht und die Pfändungen dürften nur vorläufige Höhepunkte des Wirtschaftskrimis gewesen sein.

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