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Wirtschaft

Wirtschaftsforum in schwierigen Zeiten

Mitten in der schweren Krise mit dem Westen lädt Kremlchef Putin zum Wirtschaftsforum nach St. Petersburg. Er will den durch Sanktionen verursachten Schaden wiedergutmachen. Doch viele Bosse kommen erst gar nicht.

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Das "russische Davos" soll es für Wladimir Putin und die angeschlagene Wirtschaft der Rohstoff-Großmacht richten. Konzernchefs aus aller Welt erwartet der Präsident vom 22. bis 24. Mai zum Wirtschaftsforum auf dem Lenexpo-Gelände in seiner Heimatstadt St. Petersburg. Doch erstmals wird der wichtigste russische Wirtschaftstermin von Sanktionen der EU und USA überschattet. Dafür hat Gastgeber Putin einen riesigen Gas-Deal mit China im Gepäck. Lange hatten die Atommächte verhandelt, jetzt ist der Vertrag perfekt, mit 30 Jahren Laufzeit: Insgesamt 400 Milliarden US-Dollar soll Russland bekommen.

Anreden gegen schlechtes Klima

Nun will sich der Kremlchef in St. Petersburg einmal mehr als dynamischer Wirtschaftslenker in Szene setzen - mit fragwürdigem Ausgang. Angesichts dramatischer Kapitalflucht - bis zum Jahresende wohl 100 Milliarden US-Dollar -, eines miesen Investitionsklimas und drohender Rezession ist die Stimmung im größten Land der Erde auf dem Tiefpunkt. Wegen des international umstrittenen Anschlusses der Schwarzmeer-Halbinsel Krim und des russischen Kurses in der Ukraine-Krise insgesamt haben die USA und die EU Kontosperrungen und Einreiseverbote gegen einflussreiche Funktionäre verhängt. Weitere Strafmaßnahmen drohen. Auch Putin musste einräumen, dass die Sanktionen der russischen Wirtschaft schaden.

Reihenweise Absagen

Das Forum steht unter dem sperrigen Motto "Festigung des Vertrauens in einer Epoche des Wandels". Leicht dürfte das aber nicht werden - vor allem, weil viele Topmanager wegen der schwersten Krise seit Ende des Kalten Krieges dem Treffen lieber gleich fernbleiben. Die Zahl ausländischer Gäste bei dem Forum sei im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gefallen - von 506 auf 311, berichtet die Zeitung "Kommersant". Massenhaft haben vor allem US-Manager abgesagt. Allein ihre Zahl sei um mehr als die Hälfte auf 53 in diesem Jahr gesunken. So hätten etwa Chefs des Getränke-Multis PepsiCo, des Aluminiumherstellers Alcoa, von den Finanzriesen Visa und Citigroup sowie von Goldman Sachs und Morgan Stanley abgesagt. Aus Deutschland kämen nur noch 19 statt der ursprünglich angekündigten 33 Topmanager. Dagegen habe sich die Zahl der Teilnehmer aus Frankreich oder Japan kaum verändert, heißt es. Es habe einen beispiellosen Druck seitens der Regierung von US-Präsident Barack Obama auf die Konzernchefs gegeben, klagt Vize-Wirtschaftsminister Sergej Beljakow. Allerdings kämen trotzdem Manager aus der zweiten oder dritten Reihe, weil niemand den wichtigen russischen Markt aufgeben wolle. Das bestätigt auch die deutsche Auslandshandelskammer in Moskau, deren Chef Michael Harms in St. Petersburg Kontakte zur russischen Wirtschaft festigen will.

Was tun gegen Rezessionsgefahren?

Mit Spannung erwarten viele Investoren Putins Rede bei dem Forum an diesem Freitag. Bisher hat der Kremlchef immer wieder einen scharfen Anti-Korruptionskampf in Aussicht gestellt. Doch das lässt ebenso auf sich warten wie die versprochene Privatisierung großer Staatskonzerne oder Großprojekte wie die Gründung eines internationalen Finanzzentrums in Moskau. Experten warnen, dass Firmen und Banken derzeit reihenweise ihre Zusammenarbeit mit Russland einfrieren und zumindest keine neuen Verträge schließen. Ex-Finanzminister Alexej Kudrin sieht die Gefahr, dass Russland auf diese Weise in den kommenden zwei bis drei Jahren rund 200 Milliarden US-Dollar verloren gehen. Es gebe keine Ideen, um eine Rezession abzuwenden, betont er. Auch Regierungschef Dmitri Medwedew spricht von eher verhaltenen Aussichten. Die Wirtschaft wachse bestenfalls um 0,5 Prozent in diesem Jahr und drohe, ins Minus zu rutschen. Dabei waren noch Ende vorigen Jahres 2,5 Prozent Wachstum für 2014 prognostiziert.

Teures Treffen

Auch westliche Spitzenpolitiker fehlen in St. Petersburg. Im vorigen Jahr nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Forum teil. Dass Russland ungeachtet von Meinungsunterschieden in der Ukraine-Krise ein wichtiger Wirtschaftspartner der EU und vor allem der bedeutendste Gaslieferant bleibe, darauf hatte auch die Bundesregierung immer wieder hingewiesen. Wer fernbleibe, schade vor allem seiner eigenen Wirtschaft, warnen die Russen. Die Rohstoff-Großmacht präsentiert sich ungeachtet aller Probleme selbstbewusst. 62 Staaten seien vertreten, 146 große internationale Firmen und 450 führende russische Unternehmen hätten zugesagt, tönt die staatliche Nachrichtenagentur Itar-Tass, die am Rande ein großes Medienforum organisiert und ihr 110-jähriges Bestehen feiert. Auch die Gesamtzahl der Teilnehmer liege mit 6500 noch einmal um 1000 höher als im vergangenen Jahr. Insgesamt eine Milliarde Rubel (umgerechnet 21 Millionen Euro) lässt sich der russische Staat das Forum 2014 kosten.

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