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Amerika

Wirtschaftsfaktor Migration

70 Milliarden Dollar schickten Emigranten 2008 zurück an ihre Familien in Lateinamerika. Doch die Zahlen sind um 10 Prozent gesunken, die Folgen bekommen vor allem die ärmsten Staaten wie Haiti oder Nicaragua zu spüren.

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Ihre Verwandten in Haiti sind auf die Geldüberweisungen aus der neuen Heimat USA angewiesen

Wenn Nomely Franckol Aime mit ihrem verrosteten Ford die North Miami Avenue entlang fährt, dreht sie am liebsten die Fensterscheiben runter, die Musik voll auf und singt laut Haitianische Schlager mit. An den Straßen reihen sich bunte Lebensmittelgeschäfte aneinander, Läden mit Voodookrimskrams und Filialen von Western Union für die Geldüberweisungen nach Hause. Rund 30.000 Haitianer haben sich hier im Stadtteil Little Haiti eingerichtet, überall wird Kreol gesprochen: Für Nomely ein bisschen Heimat im Westen Miamis, weit weg vom schicken Miami Beach, den Touristenzentren und den teuren Shoppingmalls.

Exilhaitianer in Miami

Die Haitianerin Nomely hat in Miami eine neue Heimat gefunden. Reverend Regibald Jean Mary leitet die Exilgemeinde "Notre Dame d'Haiti".

Nomely ist eine von rund drei Millionen Haitianern im Ausland. Seit über 20 Jahren lebt sie bereits in Miami; sie war 15, als ihre Eltern Haiti verließen. Sie gehörten zu den „Boat People“, die in den 1980er Jahren zu tausenden in völlig überladenen Kuttern und unter Lebensgefahr die knapp 1000 Kilometer lange Flucht über das Meer zurück legten. Sie flüchteten vor den Repressionen der Duvalier-Diktatur und der wirtschaftlichen Not. Allein 1981 wurden jeden Monat bis zu 1000 Haitianer an den Südküsten Floridas angespült; viele kamen niemals an. Erst im Juli 2009 starben bei einem solchen Fluchtversuch 200 Menschen.

Wichtiger Einkommensfaktor

„Sie wollen einfach nur überleben“, sagt Nomely. „In Haiti können sie das nicht, dort haben sie keine Chance. Darum müssen sie mit diesen Booten das Land verlassen. Sie kommen hier hin und hoffen, ein besseres Leben zu finden.“

Haiti gilt als eines der ärmsten der westlichen Hemisphäre, der größte Teil der acht Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag. Viele überleben nur mit der Hilfe der Verwandten im Ausland. Allein im Jahr 2006 schickten diese rund 1,7 Milliarden Dollar in ihre Heimat zurück. Eine Summe, die fast ein Drittel des gesamten haitianischen Einkommens ausmacht.

Exilhaitianer in Miami

30.000 Haitianer sind in Miami inzwischen zu Hause

Der Geldfluss versiegt

Doch in ganz Lateinamerika gehen diese „Remesas“ zurück. Das geht aus einer Studie hervor, die die Interamerikanische Entwicklungsbank kürzlich vorlegte. Demnach schickten Migranten in den USA und Kanada allein im Jahr 2008 69,2 Milliarden US-Dollar zurück an ihre Familien nach Lateinamerika. Doch seit sich die USA immer stärker gegen Einwanderer abschotten und die Wirtschaftskrise sich auch auf die ohnehin schon schlecht bezahlten Jobs der Latinos in den USA auswirkt, sind diese Zahlrungen um 11 Prozent geschrumpft. Besonders betroffen sind die ärmsten Länder des Kontinents wie Nicaragua, Santo Domingo und Haiti.

„Wir haben ein Sprichwort“, erklärt Reginald Jean Mary, der Leiter der haitianischen Exilgemeinde „Notre Dame d'Haiti" in Miami. „Wenn die Diaspora Kopfschmerzen hat, dann liegt Haiti schon fast im Koma!“ Die Wirtschaftslage in seiner Heimat sei katastrophal, die Arbeitslosigkeit liege bei 70 Prozent und hinzu kämen die jedes Jahr schlimmer werdenden Wirbelstürme. „Wenn eine Krise kommt, sind wir diejenigen die helfen und Geld schicken! Wir hier im Exil halten Haiti am Leben!“, sagt er.

Der amerikanische Traum?

Auch Nomely überweist jeden Monat 100 Dollar an ihre Verwandten in Port-au-Prince, aber es sei ein Fass ohne Boden, sagt sie: „Nichten, Neffen, Tanten, Onkel…. es gibt so viele, die Hilfe brauchen, es reicht niemals aus. Die Armen in Haiti werden immer ärmer, die Reichen immer reicher und die Regierung macht nichts!“, empört sie sich.

Exilhaitianer in Miami

In "ihrem"Supermarkt in Maimi finden Haitianer alles, was US-Geschäfte nicht im Sortiment haben

Dabei hat sie selbst nicht viel. Nomely ist allein erziehende Mutter und bekommt für Gemeindearbeiten eine kleine Wohnung und ein bisschen Geld von Père Reginald. Der amerikanische Traum, den ihre Eltern träumten, erfüllte sich für sie nicht. Ebenso wenig wie für viele andere der rund drei Millionen Exilhaitianer. Die wenigsten haben eine Ausbildung, sie kamen und brachten außer der Hoffnung auf ein besseres Leben wenig mit. Heute sind sie diejenigen, die die am schlechtesten bezahlten Jobs machen; viele sind illegal in den USA. Unterstützung vom Staat gibt es nicht.

Im Gegenteil: Für die Stadt Miami sind die Flüchtlingsströme nur die Ursache steigender Arbeitslosigkeit und wachsender Kriminalität. Anders als die Kubaner, die nur ein paar Straßenblocks weiter in Litte Havanna leben, haben die Haitianer wenig politisches Gewicht in den USA. Père Reginald hält das für Diskriminierung: Immer heiße es, die Haitianer seien kriminell. Bestreiten will er das nicht, aber er fragt: „Aber warum klauen denn so viele? Weil sie kein Geld und nichts zu essen haben!“ Père Reginald ist sich sicher: Die USA tragen durch ihre Jahrzehnte lange Einmischung in die politischen Verhältnisse Haitis eine Mitschuld an der jetzigen Situation: "Wenn die USA eine andere Politik gegenüber Haiti gemacht hätten, wären gar nicht so viele Haitianer in die USA gekommen!“

Autorin: Ina Rottscheidt
Redaktion: Mirjam Gehrke

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