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Fokus Südosteuropa

Wirtschaftsboom am Bosporus

Die EU steckt tief in der Schuldenkrise, die türkische Wirtschaft dagegen boomt. Der Aufschwung lockt auch deutsche Firmen an. Ein Wirtschaftswunder?

Istanbul mit der Brücke über den Bosporus (Foto: Istanbul European Capital of Culture)

Beeindruckende Zahlen

Wie Riesen im Glasmantel strecken sich die Wolkenkratzer in den Himmel über Maslak und Levent, die Finanzviertel der 15-Millionen-Metropole Istanbul. Große Werbetafeln vor Baustellen verraten: Hier entstehen neue Firmensitze, Büros, Banken. Die Skyline von Istanbul, sie repräsentiert das Selbstbewusstsein einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht.

Um 8,9 Prozent ist die türkische Wirtschaft nach Angaben der Statistikbehörde TurkStat im vergangenen Jahr gewachsen. In Europa waren die Türken damit Spitzenreiter. Unter den G-20-Staaten konnte nur China höhere Wachstumsraten aufweisen. In der Rangfolge der größten Volkswirtschaften der Welt liegt die Türkei inzwischen auf Platz 17.

Gutes Krisenmanagement

Türkischer Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an einem Rednerpult (Foto: AP)

Regierungschef Erdogan hat die Wirtschaft gezielt gefördert

Schwellenländer wie die Türkei wachsen wirtschaftlich deutlich stärker als Industriestaaten. Doch wie schnell sich die türkische Wirtschaft nach dem Einbruch im Krisenjahr 2009 erholt hat, ist erstaunlich. "Die Regierung hat den Verbrauchern Steuererleichterungen für viele Konsumgüter gegeben, besonders für Autos und elektronische Geräte wie Kühlschränke, Öfen oder PCs. Während dieser Monate ist der Konsum gestiegen und das hat der Wirtschaft geholfen“, sagt Zümrüt Imamoglu vom Wirtschaftsforschungsinstitut Betam der Istanbuler Bahcesehir-Universität. Schon 2001 musste die Türkei ihre eigene Finanzkrise überwinden. Die neue Regierung unter Tayyip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat daraufhin den Finanzsektor umgekrempelt, Staatsschulden abgebaut, die Wirtschaft stärker auf den Export ausgerichtet.

Diese Modernisierung habe den Grundstein fürs Wachstum gelegt, sagt Marcus Knupp, Türkei-Vertreter von Germany Trade and Invest (GTAI), der staatlichen Gesellschaft zur Außenwirtschaftsförderung. Statt wie früher auf Textilien und Früchte setzt das Exportland heute auf Autos und Maschinen, Chemikalien, Eisen und Stahl. Angetrieben werde der Aufschwung auch durch die junge, konsumbereite Bevölkerung, sagt Knupp. Rund 75 Millionen Menschen leben in der Türkei, etwa die Hälfte davon ist jünger als 30 Jahre. Und sie haben mehr Geld in der Tasche: Das statistische Pro-Kopf-Einkommen ist heute fast vier Mal so hoch wie noch vor acht Jahren.

Deutsche Busse "Made in Turkey"

(Foto: AP)

MAN lässt in Ankara bauen

Ein starker Binnenmarkt und politische Stabilität locken immer mehr ausländisches Kapital ins Land. Rund 4.300 deutsche Unternehmen waren Ende 2010 beim türkischen Schatzamt registriert. Tendenz steigend. Großkonzerne wie Siemens oder Bosch wirtschaften schon seit mehr als hundert Jahren in der Türkei. Auch immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen würden den Schritt auf den türkischen Markt wagen, sagt Investment-Experte Knupp. "Die Lohnkosten in der Türkei sind natürlich billiger als in Deutschland, aber das Land ist kein Billigstandort mehr. Man kann hier auch anspruchvollere Produktionen umsetzen."

Ein Beispiel ist der deutsche Lkw- und Bushersteller MAN. In der Hauptstadt Ankara lässt der Konzern Reise- und Überlandbusse bauen. Von hier werden sie in mehr als 40 Länder exportiert. Und auch türkische Unternehmen haben ihr Interesse an Deutschland entdeckt. 2007 etwa kaufte der Mischkonzern Koc den deutschen TV-Gerätehersteller Grundig.

Wachstum hat Grenzen

Die türkische Wirtschaft wächst so stark, dass Beobachter schon vor steigenden Preisen und Inflation warnen. Auch die Krisen in der Nachbarschaft schlagen zu Buche. Die Nachfrage der Europäer nach türkischen Exporten sei im vergangenen Jahr um 26 Prozent gesunken, sagt Wirtschaftsexpertin Imamoglu. "Daraufhin haben türkische Unternehmen begonnen, mehr in den Mittleren Osten und nach Nordafrika zu exportieren. Aber die jüngsten Unruhen in Ägypten, Libyen, Tunesien und Syrien haben den Exporten geschadet."

Für ein dauerhaftes, stabiles Wirtschaftswachstum bräuchte die Türkei umfassende Arbeitsmarktreformen, sagt Imamoglu. "65 Prozent der türkischen Arbeitnehmer haben keinen Hochschulabschluss. Wenn wir den Wachstumstrend fortsetzen wollen, müssen wir unsere Arbeitskräfte besser bilden und Bildungsreformen durchsetzen", sagt sie. In diesem Jahr, schätzen Analysten, wird die türkische Wirtschaft um 4,5 bis 6 Prozent wachsen. Zum Vergleich: Die Euro-Zone muss mit weniger als zwei Prozent rechnen.

Autorin: Julia Hahn
Redaktion: Zoran Arbutina