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Welt

Wirtschaftlich arm - reich an Kultur

Das am 5. August 1960 für unabhängig erklärte Burkina Faso gilt nach wie vor als eines der ärmsten Länder weltweit. Dennoch hat sich der kleine Binnenstaat als kulturelle Plattform Westafrikas etablieren können.

Plakat zum größten panafrikanische Filmfest FESPACO

Burkina Faso veranstaltet das größte panafrikanische Filmfest FESPACO

Thomas Sankara, Präsident Burkina Fasos (1983-1987) gestikuliert

Thomas Sankara stärkte das kulturelle Bewusstsein im Land

Als Burkina Faso am 5. August 1960 von Frankreich unabhängig wurde, hieß das westafrikanische Land noch Obervolta. Fast 25 Jahre später benannte der damalige Präsident Thomas Sankara den Staat um. Der neue Name "Burkina Faso" setzt sich aus den Landessprachen Mooré und Dioula zusammen und heißt wörtlich übersetzt "Land der Aufrichtigen". Thomas Sankara, der wegen seiner Visionen von einem autonomen und starken Burkina Faso auch als "Che Guevara Afrikas" gilt, hat immer wieder den kulturellen Reichtum seines Landes und des gesamten Kontinents hervorgehoben. So kritisierte er zum Beispiel Burkina Fasos Jugend, wenn sie amerikanische Jeans trug: "Ihr macht Werbung für Levis. Ich sehe, dass die Jeans gut genäht sind. Aber das ist amerikanisch. Glaubt ihr, hier gibt es keine guten Schneider?" Sein Engagement für burkinische Mode hat sich gelohnt. Noch heute sieht man in kaum einem anderen afrikanischen Land so viele Menschen in einheimischen Stoffen.

FESPACO als Schaufenster des afrikanischen Films

Auch in einem anderen Bereich zahlt sich Sankaras Einsatz für Kultur "made in Africa" bis heute aus. So sorgte er während seiner Amtszeit von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 dafür, dass 15 Prozent der Einnahmen aus ausländischen Filmen in die inländische Filmproduktion fließen. Ein Teil des Geldes ging an das "Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou" - das FESPACO. Unter Sankara erlebte das größte panafrikanische Filmfest seine Blütezeit und bis heute treffen sich Filmleute aus der ganzen Welt alle zwei Jahre in Ouagadougou, um den afrikanischen Film zu feiern.

Porträt des Filmemachers Gaston Kaboré

Burkina Faso braucht das FESPACO, findet Filmemacher Gaston Kaboré

Aber wie hat gerade das kleine und arme Burkina Faso diesen Kino-Erfolg geschafft? Gaston Kaboré, einer der bekanntesten Filmemacher Burkina Fasos nennt dafür mehrere Gründe. "Die Politik spielt eine tragende Rolle. Die Organisation eines solchen Ereignisses ist einfach keine Selbstverständlichkeit." Aber auch das Engagement der Film-Fans sei entscheidend gewesen: "Journalisten aus aller Welt, aber auch berühmte afrikanische Filmemacher wie Ousmane Sembène, Oumarou Ganda oder Désiré Ecaré, die das FESPACO bei seiner Entstehung unterstützten, spielen eine wichtige Rolle." Denn eigentlich, so Kaboré, wäre ein anderes Land nüchtern betrachtet viel geeigneter für die Ausrichtung der Filmfestspiele: "Stellt man die Frage der Mittel, der finanziellen Kapazitäten, in den Fokus, dann wäre viel eher Südafrika der passende Ort." Und trotzdem findet das Großereignis seit über 40 Jahren in Burkina Faso statt. "Das Festival ist Teil der Identität unseres Landes geworden. So wie Ouagadougou ohne das FESPACO nicht Ouagadougou wäre, so wäre das FESPACO ohne Ouagadougou auch nicht das FESPACO", sagt Kaboré.

Kulturelle Schnittstelle

Und Burkina Faso wäre nicht Burkina Faso ohne seine vielen Musiker. Das Militärorchester von Thomas Sankara spielte in den 80er Jahren die Songs von Bob Marley und UB40. Und Reggae spielt auch heute noch eine Rolle in dem kulturell vielfältigen Land. Erfolg hat aber auch die traditionelle Kora- und Djembe-Musik. Sozialkritische und politische Töne werden dagegen eher in der Hip Hop-Musik laut. Und um die geht es dann auch, wenn die Veranstalter des Musikfestivals "Waga Hip Hop" nach Ouagadougou und in die Provinzen einladen. Dann wird Burkina Faso einmal mehr zu dem, was der franco-burkinische Rapper und Produzent Smockey eine "Schnittstelle der Kulturen" nennt. Er ist davon überzeugt, dass Burkina Faso diese Sonderstellung in der Region Thomas Sankara verdankt. Denn der habe eine Politik gemacht, die die Kultur berücksichtige, betont Smockey. "Sankara wollte, dass alles über die Kultur läuft, dass die Revolution sich nicht ausschließlich auf die politischen und wirtschaftlichen Ebenen auswirkt, sondern auch im kulturellen Bereich."

Porträt des Rappers Smockey

Rapper Smockey kritisiert in seinen Liedern politische und soziale Missstände

Auch heute noch weiß die politische Spitze um die Wirkung der Musik und die Kraft ihrer Botschaften und schaut genau hin, wenn die burkinischen Musiker in ihren Texten kritisch werden. Da bekommt dann ein Song auch mal Sendeverbot - so wie zum Beispiel "A qui profite le crime" von Smockey. In dem Song beschäftigte sich der Musiker mit dem mysteriösen Mord an Thomas Sankara. Bei der Regierung kam das alles andere als gut an und der Kulturminister erteilte kurzerhand Sendeverbot für das Lied. Das hat Smockey jedoch nicht davon abgehalten, seinen Weg weiter zu gehen. Vielmehr warnt er davor, als erfolgreicher Musiker zur Marionette der Mächtigen zu werden: "Man läuft Gefahr, als Handelsvertreter des Landes zu enden, als Vorzeigebild", so der Rapper, "Das verleitet tendenziell dazu zu glauben, dass die ganze Kultur und die musikalische Vielfalt Burkina Fasos sich in Willkommensbotschaften an die Touristen erschöpft - was nicht der Fall ist."

Im Gegenteil, die Vielfalt und Qualität macht klar: Längst schon hat sich die burkinische Musikerszene von den Einflüssen der kolonialen Vergangenheit emanzipiert und ihren eigenen Stil entwickelt. Ein selbstbewusster Mix, in dem sich traditionelle Klänge mit modernen Rhythmen mischen, französische Texte in rasanter Folge auf Passagen auf Mooré, Dioula oder Arabisch treffen. Die Botschaft ist gesellschaftskritisch, die Kombination trifft den Nerv der Jugend. Die Zeiten sind vorbei, als aus den Auto-Radios die Melodien französischer Chansons über die staubigen Pisten Burkina Fasos wehten.

Autorin: Anna Groß
Redaktion: Christine Harjes / Carolin Hebig