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Wirtschaft

Wirtschaft in der Türkei: Reformen benötigt

Der Streit mit den USA wirft ein Schlaglicht auf eine angeschlagene türkische Wirtschaft. Experten verweisen auf die instabile politische Situation und mahnen zu Reformen. Die Regierung in Ankara beschwichtigt.

Was für eine Wirkung politische Entscheidungen auf die Wirtschaft entfalten können, war zu Beginn dieser Woche in der Türkei zu beobachten. Nach der Festnahme eines US-Konsulatsangestellten hatten die Türkei und die USA die gegenseitige Visa-Erteilung ausgesetzt. Der Leitindex der Istanbuler Börse stürzte daraufhin auf den schlechtesten Wert seit vier Monaten, die türkische Lira rangierte zwischenzeitlich auf dem tiefsten Stand ihrer Geschichte.

Interviewpartnerin Hatice Karahan (D. Heinrich )

Hatice Karahan, Chefberaterin des türkischen Präsidenten

Hatice Karahan ist in Wirtschaftsfragen die Chefberaterin des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Gegenüber der Deutschen Welle ist die Ökonomin sichtlich bemüht, Wind aus den Segeln zu nehmen: "Schon Mitte dieser Woche hat sich die Lira um mehr als die Hälfte erholt. Die restliche Erholung der Devisenkurse hängt vom Willen beider Seiten ab, die Sache zu einem gütlichen Ende zu führen." Die Türkei habe "einen konstruktiven diplomatischen Prozess in Gang gesetzt." Falls sich die USA diesem anschließen würden, werde es keine langfristigen ökonomischen Schäden geben.

Türkei im OECD-Vergleich spitze

Jan Nöther, AHK Istanbul (AHK)

Jan Nöther, AHK-Chef in Istanbul

Karahans Optimismus in Bezug auf den Streit mit den USA, immerhin der viertwichtigste Exportmarkt für türkische Güter, liegt auch an ihrem Vertrauen in die eigene Volkswirtschaft.

Laut offiziellen Zahlen des Türkischen Statistikinstituts (TURKSTAT) ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2017 im Vorjahresvergleich um 5,1 Prozent nach oben geklettert. Zum Vergleich: Unter den G20-Staaten, den 20 wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt, schnitten nur China und Indien in diesem Zeitraum besser ab.

Im Gegensatz zu den Reibereien auf politischer Ebene, war es unter anderem der Handel mit dem wichtigsten Außenhandelspartner, der Europäischen Union, der positiv zu Buche schlug. Das Exportvolumen mit den EU-Staaten stieg um über neun Prozent von 5,5 Milliarden Dollar im August 2016 auf knapp 6,3 Milliarden Dollar im August 2017. Hauptexportland für türkische Produkte blieb auch im August 2017 Deutschland mit einem Volumen von 1,34 Milliarden Dollar.

Skepsis bei deutschen Unternehmern

Türkei Experte Yasar Aydin (D. Heinrich )

Der Hamburger Türkei-Experte Yasar Aydin

Trotz dieser positiven Zahlen: In Jubelchöre möchte Jan Nöther, Chef der deutschen Außenhandelskammer in Istanbul, gegenüber der DW dennoch nicht ausbrechen: "Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei gelten zwar als stabil und nahezu unerschütterlich, allerdings zeigt das Fundament erste Risse. Gerade im Türkei-Geschäft unerfahrene Unternehmen würden "die grundsätzlich positive Einschätzung des Standortes" nicht teilen. Nöther weiter: "Die Industrie sucht Stabilität und Rechtssicherheit, um Investitionen langfristig tragfähig zu gestalten. Beides wird vom deutschen Mittelstand gegenwärtig in Frage gestellt."

Politische Entwicklungen verhindern notwendige Reformen

Der Hamburger Sozialwissenschaftler Yasar Aydin sieht gegenüber der DW gleich mehrere Gründe für dieses Misstrauen: "Die politischen Entwicklungen in der Türkei, vor allem der gescheiterte Putschversuch, das Verfassungsreferendum und die dadurch entstandenen politischen Turbulenzen haben schlicht und ergreifend zu wenig Raum für notwendige wirtschaftliche Reformen gelassen."

Ein weiteres Problem sieht Aydin direkt an der Spitze des Staates: Staatspräsident Erdogan betreibe mit seinen konstanten Forderungen nach niedrigen Zinsen eine Art "wirtschaftlichen Populismus", "um seine eigene Popularität aufrecht zu erhalten."

Wie dringend reformbedürftig die türkische Wirtschaft allerdings ist, offenbart ein Blick auf die offiziellen Zahlen: Neben einer für OECD-Verhältnisse sehr niedrigen Frauenerwerbsquote von nicht einmal 28 Prozent (OECD-Durchschnitt: 48,5 Prozent), einer konstant hohen Arbeitslosigkeit von knapp zwölf Prozent, in den nächsten zwölf Monaten fällige Staatsschulden in Höhe von rund 144 Milliarden Euro und einer im September bei 11,2 Prozent liegenden Inflationsrate, sticht vor allem das Außenhandelsbilanzdefizit von rund 4,6 Milliarden Euro ins Auge. Im Vergleich zum August 2016 war dieses innerhalb eines Jahres um fast 23 Prozent nach oben geschnellt. 

US-Delegation nächste Woche in Ankara

Vielleicht liegt es an ihrer positiven Grundeinstellung, vielleicht ist sie qua Arbeitsplatz zu so einer Außendarstellung verpflichtet: Hatice Karahan, die Wirtschaftsberaterin von Präsident Erdogan, sieht die türkische Wirtschaft trotz dieser Gemengelage in sicheren Fahrwassern: "Die Türkei hat immer wieder ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen, regionalen und heimischen Krisen bewiesen." Unglücklicherweise habe es in der Vergangenheit eine ganze Reihe an Missverständnissen gegeben, "denen wir gemeinsam entgegentreten sollten. Korrekte Informationen sollten vermittelt werden, um dazu beizutragen, die türkische Wirtschaft umfassend zu verstehen." 

Sie glaube, so Karahan zum Abschluss gegenüber der DW, "ganz fest an die Macht der ökonomischen Diplomatie und Kommunikation". 

Diplomatie und Kommunikation zur Überwindung von Missverständnissen. Hatice Karahan scheint in Ankara nicht die einzige zu sein, der diese zwei Prämissen nun auch im Visumsstreit mit den USA zum Leitfaden gereichen. Wie Ende dieser Woche bekannt wurde, wird in der kommenden Woche eine hochrangige US-Delegation aus Washington zu Gesprächen in Ankara erwartet. Welche Wirkung die daraus folgenden politischen Entscheidungen entfalten, wird sich auch dann wieder an den Wirtschaftszahlen ablesen lassen können.

 

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