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Fokus Osteuropa

Wirtschaft im Kosovo: Armut und Mangel

Kosovo möchte unabhängig werden. Doch kann die Region allein überhaupt wirtschaftlich überleben? DW-Reporter Filip Slavkovic hat sich vor Ort umgesehen – und fand erdrückende Zahlen und Fakten.

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Hohe Armutsrate im Kosovo

Am Ende des seit einem Jahr dauernden Prozesses zu Festlegung seines Status soll Kosovo Mitglied der EU werden. Nach strikt ökonomischen Maßstäben dürfte dieses Ziel jedoch in weiter Ferne liegen. Die Provinz hat ein geschätztes Bruttonationaleinkommen von 1.100 Dollar pro Kopf. So viel erwirtschaftete also jeder Bürger im letzten Jahr im Durchschnitt. Es ist ungefähr so hoch wie in Äthiopien oder Sambia. Und zehn Mal niedriger als in Bulgarien oder Rumänien, den jüngsten EU-Mitgliedern. Ein Drittel der knapp zwei Millionen Einwohner Kosovos ist unter 14 Jahre alt. Jedes Jahr werden immer mehr Arbeitssuchende den Arbeitsmarkt des europäischen Geburtenrate-Rekorders belasten. Der Politologe Behlul Beqaj warnt: „Unterernährt ist 50 Prozent der Bevölkerung und 15 Prozent hat nichts zum Essen. Rund 330.000 haben keine Arbeit. Unzufrieden sind rund 75.000 Rentner und 25.000 Lehrkräfte.”

Finanzspritzen aus dem Ausland

Der öffentliche Sektor ist der größte Arbeitgeber des Landes. Die höchsten Gehälter zahlen die Missionen internationaler Organisationen. Die Hälfte der privaten Wirtschaft besteht aus Einzelhandel. Die meisten Unternehmen beschäftigen nur zwei oder drei Leute zu Niedrigstlöhnen. Der große Rest arbeitet schwarz und wartet auf die Geldspritze der im Ausland lebenden Verwandten. Rund 375.000 Kosovo-Albaner arbeiten in den USA, Deutschland, der Schweiz oder anderen Industrienstaaten. Jährlich schicken sie, wie der Ökonom Ibrahim Rexhepi erklärt,

“an die 450 Millionen Euro“, nach Hause. „Das macht 50 Prozent des gesamten Haushalts aus. Ich weiß nicht, wie wir ohne diese Geldquelle überleben würden, da Kosovo Güter im Wert von 1,5 Milliarden Euro einführen muss und mit Exporten nur 150 Millionen Euro einnimmt.“

Die Perspektive liege in der Öffnung der Märkte für ernsthafte Auslandsinvestitionen und in der Öffnung der Grenzen. Jemandem, der keine Arbeit in Pristina finde, sollte man ermöglichen, nach Jobs in Bosnien oder Deutschland oder woanders zu suchen, fordert Rexhepi. Solche Wirtschaftsmigrationen vom Balkan möchte Westeuropa verhindern und wirbt für den Standort Kosovo. Billige Arbeitskräfte und niedrige Steuern werden von EU-Beamten in Pristina genauso gepriesen wie der Reichtum an Bodenschätzen. Mehr als 20 Milliarden Tonen Blei und Zink, rund 15 Milliarden Tonen Braunkohle und ebenso viel Nickel liegen unter der Erde. Weitere Metalle oder Agrarprodukte sollen die Exportschlager sein.

Bessere Energieversorgung geplant

Die größten Hoffnungen liegen im Energiesektor. Der Kosovo Energie-Konzern KEK produziert in Moment nur 800 Megawatt Strom täglich. Die Provinz alleine verbraucht 1.000 Megawatt. Da die verarmte Bevölkerung das Verbrauchte selten zahlen kann, gibt es auch kaum Geld, um Strom in den Nachbarländern zu kaufen. Deswegen wird stark rationalisiert. In diesem Jahr soll aber der Auftrag für den Bau eines dritten Kohlekraftwerks international ausgeschrieben werden. KEK-Sprecher Nezir Sinanin sagt: „Kosovo A, das alte Kraftwerk, gebaut in den Sechzigern, sollte nur noch sieben Jahre am Netz bleiben. Kosovo B sollte bis 2024 funktionsfähig sein. Kosovo sollte dank großer Kohlevorkommen Strom exportieren können. Dies sollte das neue Kraftwerk Kosovo C ermöglichen. Es soll bis 2014 fertig gestellt werden und 2.100 Megawatt produzieren können. Kosovo C wird nur die Kohle aus der Nähe des Kraftwerks nützen, nicht die aus dem Norden.”

Solche Pläne deuten auf einen weiteren Schritt in Richtung wirtschaftliche Unabhängigkeit der Provinz hin. Die albanische Mehrheit hat nämlich keine Kontrolle über den von Serben besiedelten nördlichen Zipfel des Landes und dortigen Ressourcen. Serbien aber bleibt, neben Mazedonien und Kroatien, einer der wichtigsten Handelspartner Kosovos. Ein von Belgrad angedrohtes Wirtschaftsembargo im Sezessionsfall würde einen Preisanstieg von mindestens 10 Prozent auslösen. Die Preise in Pristina sind jetzt schon auf EU-Niveau. Und bezahlt wird offiziell in Euro.

Filip Slavkovic, DW-Serbisch

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