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Kultur

Wirtschaft boomt, Kultur stirbt ab

Deutschland boomt, wie seit Jahren nicht mehr, die Kassen in der Wirtschaft klingeln. Für die Kultur sieht's finanziell dennoch übel aus, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats im DW-Interview.

Das Theater Odeon in Kyrene (Foto: dpa)

Deutschlands Theaterlandschaft 2020?

DW-WORLD.DE: Die Wirtschaft boomt mittlerweile wieder in Deutschland, zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise. Ist jetzt auch wieder mehr Geld für Kultur da?

Olaf Zimmermann: Leider nicht, wir werden antizyklisch getroffen, weil ein großer Teil der Kulturfinanzierung über die öffentlichen Kassen läuft. Und die werden verspätet von der Wirtschaftskrise getroffen und zwar zweifach: Zum einen mussten die öffentlichen Kassen unheimlich viel Geld ausgeben, damit diese Wirtschaftskrise überhaupt überwunden werden konnte und auf der anderen Seite sind die Kassen auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und im nächsten Jahr werden wir die Gewerbesteuereinnahme-Einbrüche erst richtig erleben, die in der Wirtschaftskrise entstanden sind – obwohl es den Unternehmen jetzt wieder besser geht. Das kommt immer mit einer zweijährigen Verspätung. Also für uns ist die Wirtschaftskrise noch längst nicht zu Ende.

Wie stark hat die Krise die deutsche Kulturlandschaft jetzt schon verändert?

Olaf Zimmermann (Foto: dpa)

Olaf Zimmermann

Naja, die Kommunen waren ja schon vor der Wirtschaftskrise sehr klamm. Wir haben ja bestimmte Regionen, in denen die Kommunen durchweg so gut wie pleite sind. Nordrhein-Westfalen gehört dazu. Es gibt andere Regionen, in denen es den Kommunen besser ging, vor allem in Süddeutschland. Die Wirtschaftskrise hat die Situation in den Problem-Kommunen noch weiter verschlechtert, aber auch die reichen Kommunen müssen jetzt sparen. Dass die Kommunen zu wenig Geld für Kulturfinanzierung haben ist jetzt ein gesamtdeutsches Phänomen.

Was wird daraus erfolgen – werden Theater oder andere Kultureinrichtungen schließen müssen?

Wir haben schon seit Jahren einen schleichenden Kulturabbau, besonders auf kommunaler, aber auch auf der Länderebene. Das sind meist Einrichtungen gewesen, die über Projekte finanziert wurden, die keine festen Strukturen hatten - oder auch die Künstler selbst, die aus finanziellen Gründen aufgeben mussten. Jetzt sind wir einen Schritt weiter: Jetzt stehen auch große Einrichtungen zur Disposition. Wir können das jetzt in Hamburg sehen, in Leipzig – wo ganze Theater, Opernhäuser, Museen infrage gestellt werden. Das ist noch mal eine ganz andere Qualität des Sparens.

Die deutsche Kulturlandschaft ist weltweit einzigartig. Kein Land leistet sich so viele Theater, so viele Orchester wie Deutschland. Sehen Sie die Gefahr, dass da langfristig etwas verloren geht?

Erstmal glaube ich: Wir können auf diese Einmaligkeit unglaublich stolz sein. Das ist ja auch unserer Geschichte geschuldet, dieser Kleinstaaterei, wir sind ja auch sehr spät zu einer richtigen Nation geworden. Deshalb gibt es diese kulturelle Vielfalt. Diese verspätete Nation hat uns ja auch viel Ärger gebracht, diese Infrastruktur ist – wenn Sie so wollen – das einzig Positive. Im Ausland werden wir gerade um diesen Schatz sehr beneidet. Und diesen Schatz sollten wir unter allen Umständen versuchen zu erhalten – was nicht heißt, dass es nicht auch notwendige Anpassungen gibt. Wir haben bestimmte Gebiete in Ostdeutschland, in denen immer weniger Menschen wohnen – und das muss sich auch auf die kulturelle Infrastruktur auswirken. Aber mit der Brutalität, die wir jetzt erleben, können wir das Problem nicht verantwortlich lösen.

Sie haben die Situation der klammen Städte schon angesprochen. Müssten man vielleicht neue Wege gehen – vielleicht mehr private Beteiligung, Sponsoring?

Das hört sich immer gut an, aber wenn wir mal ehrlich sind – es funktioniert nicht. Wir haben bei Großprojekten ja auch immer private Beteiligung dabei. Das Beste, was ein Unternehmen für die Kulturfinanzierung tun kann, ist: Steuern zahlen. Das ist ganz ernst gemeint. Wenn Unternehmen Steuern zahlen, gibt es auch Geld in den öffentlichen Kassen und dann kann die sogenannte freiwillige Leistung Kultur auch finanziert werden. Wenn sie keine Steuern zahlen, haben wir ein Problem – das ist es ja, was uns zurzeit so umtreibt. Das Finanzloch bei den öffentlichen Haushalten wird durch private Unterstützer einfach nicht aufgefangen. Es gibt sehr viele Stiftungen und Unternehmen, die sagen: Wir wollen was für die Kultur tun. Aber wenn man dann genau hinschaut, heißt das: Wir wollen das Sahnehäubchen finanzieren aus dem großen Kaffee-Pott Kultur. Das heißt, sie wollen nicht die Strukturen finanzieren, sondern mal eine schöne Inszenierung oder eine Ausstellung. Das ist alles ganz schön und wichtig – es löst aber nicht das Problem. Das Problem sind nicht die schönen Sahnehäubchen obendrauf, sondern die Infrastruktur unten drunter und dafür fühlt sich im Moment nur der Staat verantwortlich.

Interview: Manfred Götzke