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Global Ideas

Wird Südengland das neue Bordeaux?

Noch steht der EU-Weinbau an der Weltspitze. Rund 60 Prozent aller Weine kommen aus Europa. Doch die Konkurrenz nimmt zu. Druck kommt auch durch den Klimawandel, denn er stellt die Winzer vor neue Herausforderungen.

Weinprobe in südafrikanischem Weingut (Foto: CC/World Bank/John Hogg)

Große Konkurrenz für Europas Winzer

Auf die Produzenten des Beaujolais aus Frankreich, des deutschen Rieslings, des lombardischen Lambruscos kommen harte Zeiten zu. Noch wachsen die Reben dort, wo sie auch ursprünglich heimisch sind. Durch die weltweiten Klimaveränderungen verschieben und vergrößern sich allerdings die Zonen, in denen Weinbau betrieben wird. Steigende Temperaturen, längere Trockenperioden und Wasserknappheit, daran müssen sich die Winzer anpassen.

So gelten in Europa unter anderem Länder wie Dänemark, Schweden, Großbritannien, Polen und die Ukraine als mögliche neue Anbaugebiete für Wein. Weltweit sind es etwa Argentinien, Neuseeland und Kanada. Auch China bemüht sich, auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Es gibt inzwischen fünf ausgewiesene Anbaugebiete im Reich der Mitte, vorwiegend im Norden.

Weißwein vor dem Aus?

Bewässung von Weinbergen via Helikopter (Foto: BMU)

Bei großer Trockenheit müssen Weinbauern ihre Reben zusätzlich bewässern

Herbert Formayer, Klimaforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien, stellt diese massive Ausbreitung der Weinanbaugebiete schon seit einiger Zeit fest. Der Wissenschaftler beschäftigt sich speziell mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Weinbau. So hätten die Veränderungen einen direkten Einfluss auf die Trauben, sagt Formayer: "Zucker baut sich bei Wärme schneller auf, dadurch verändert sich der Erntezeitpunkt und der Winzer muss darauf reagieren." Grob bedeutet das: Eine frühere Ernte, wenn der Sommer heiß wird.

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Weinbau hat, ist aber auch eine Frage der Rebsorte. Grundregel ist, dass heiße, trockene Sommer und milde, regenreiche Winter ideale Bedingungen für Trauben sind. Allerdings vertragen helle Sorten weniger Hitze, dafür rauere und kühlere Verhältnisse als rote Sorten. Deshalb reagieren die anspruchsvollen Pflanzen empfindlich auf Klimaveränderungen. Die globale Erwärmung hat zur Folge, dass die Bedingungen für Rotwein besser werden, für Weißwein dagegen schlechter. Hinzu kommen neue Krankheiten und Schädlinge, die mit dem Klimawandel ihre Ausbreitung vergrößern und Winzer vor neue Aufgaben stellen.

Winzer fürchten um ihre regionalen Spezialitäten

Edelfäule an Riesling-Weinbeeren (Foto: CC/Tom Maack)

Mit der Veränderung des Klimas kommen auch neue Schädlinge und Krankheiten

Auch deutsche Winzer spüren die Auswirkungen. Mittlerweile wachsen auch hier südländische rote Rebsorten, etwa Merlot oder Cabernet Sauvignon. Die Anbaugebiete für weiße Sorten verschieben sich dagegen immer mehr in den kühleren Norden. Die Toleranzgrenze liegt in etwa bei ein, zwei Grad. "Im schlimmsten Fall“, sagt Formayer, „müssen Weinbauern entscheiden, eine alte Rebsorte aufzugeben und eine neue einzuführen. Das kann auch zur Folge haben, dass kleinere regionaltypische Arten verschwinden." Als Beispiel nennt der Wissenschaftler den "Schilcher", ein Roséwein, der nur in der österreichischen Steiermark produziert wird. "Wenn der Klimawandel weitergeht, kann die entsprechende Traubensorte dort irgendwann nicht mehr angebaut werden", so Formayer.

Nicht nur die traditionellen Weinanbaugebiete in Europa müssen sich den Herausforderungen stellen, auch Winzer in anderen Erdteilen spüren die Veränderungen sehr deutlich. "Wir haben Regenfälle zu Zeitpunkten, wo es früher trocken war", klagt Petra Mayer, Sprecherin von "Wines of South Africa" (WOSA). "Während der Ernte kann das zu Fäulnis führen." Die Weinbauer müssten dann sofort ernten, schafften aber nicht alles, weil das in Südafrika in der Regel noch per Hand geschehe. Die Lösung wäre der Einsatz von Maschinen, aber dann verliere man Arbeitsplätze und den Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit, so Mayer.

Weinlese (Foto: CC/Ferkel)

In Südafrika ist die Weinlese größtenteils noch Handarbeit



Weinbau und Naturschutz im Einklang

Um wenigstens einen eigenen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten, setzen südafrikanische Winzer auf Nachhaltigkeit. Der Verband "WOSA" arbeitet hier intensiv mit der Umweltorganisation "WWF" zusammen. 2004 wurde das Projekt "Biodiversity and Wine Initiative" gegründet. Ziel sei es, Weinbau und Umweltschutz zu verbinden, so Petra Mayer. So wurden in diesem Zusammenhang 126.000 Hektar Land unter Naturschutz gestellt und dort eingeschleppte Pflanzen gerodet, um die heimische Vegetation zu schützen. Eukalyptus, ursprünglich in Australien und Indonesien heimisch, braucht beispielsweise viel Wasser. Und das ist in Südafrika knapp. "Da das Land selbst wenig Treibhausgase produziert, ist der Wasser-Fußabdruck hier viel wichtiger als der CO2-Fußabdruck", sagt Petra Mayer. Außerdem erfahren die Winzer im Rahmen des Projektes viel über die Bedeutung der Biodiversität. Sie lernen etwa, dass Schlangen helfen können, Schädlinge zu regulieren. "Der Winzer ordnet sich der Natur unter", so Mayer.

Mit Wissen gegen den Klimawandel

Auf Ausbildung setzt auch das kalifornische "Wine Institute". Die Region an der Westküste ist mit einem 90-Prozent-Anteil wichtigster Weinproduzent der USA. "Der Klimawandel hat bereits Auswirkungen auf die Pflanzenphysiologie, die Verfügbarkeit von Wasser und Schädlingsbekämpfung. Das verändert Ertrag und Qualität", sagt Kommunikationsdirektorin Nancy Light und verweist auf das "California Sustainable Winegrowing Program". Schwerpunkt sei die Vermittlung von Wissen für ein besseres Verständnis von Klimaauswirkungen. In diesem Zusammenhang seien bislang rund 9.000 Winzer und Landwirte geschult worden. "Das hilft ihnen, sich an den Klimawandel anzupassen", sagt die Kommunikationschefin. Darüber hinaus gebe es Hilfe beim Umstieg auf erneuerbare Energien. Ähnliche Bemühungen gibt es auch in weiteren Weinbauländern, etwa in Chile mit deutscher Hilfe. Dort arbeiten sechs Weingüter mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusammen, um regenerative Energien, etwa Solarkraft und Erdwärme für sich nutzbar zu machen.

Es sind kleine Schritte, um das Überleben der Winzer in Zeiten des Klimawandels zu sichern. Klimaforscher Herbert Formayer ist sich sicher, dass sich der Weinbau verändern wird, auch wenn er nicht daran glaubt, dass sich Skandinavien und Großbritannien in naher Zukunft zu großen Weinländern entwickeln werden. "Dort ist es dafür dann doch zu kalt und feucht."