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Wird Gwyneth Paltrow ehrlich bloggen?

Torsten Gellner12. Mai 2005

Die Bloggosphäre wird um prominente Stimmen bereichert. Eine ganze Armada von Stars wird künftig für die "Huffington Post" bloggen. Doch die Kritik ist sich einig: Eine publizistische Revolution ist nicht zu erwarten.

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Der Hollywood-Star wird in Zukunft auch als Blogger die Blicke auf sich ziehenBild: AP

Mindestens 41 Wildpferde wurden in Folge einer Kongressentscheidung geschlachtet und zu Hundefutter verarbeitet! Gleich zu Beginn leistet das Blog, wofür dieses schnelle Medium berühmt geworden ist: Missstände aufdecken, Skandale publik machen. Die Hundefutter-Enthüllung leistete die Schauspielerin Ellen DeGeneres, eine von über 250 Prominenten, die Arianna Huffington für ihr groß angekündigtes Gruppen-Blog "The Huffington Post" gewinnen konnte. DeGeneres zählt damit nach Einschätzung der US-Publizistin Huffington zu den "kreativsten Geistern des Landes", die fortan spontan und ohne Maulkorb die öffentliche Diskussion bereichern sollen, um "eingefahrene Weltsichten aufzubrechen".

Die ehemalige Republikanerin Arianna Huffington zählt in den USA zu den bekanntesten Kommentatoren. 2003 trat sie als unabhängige Kandidatin bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien gegen Arnold Schwarzenegger an, zog aber ihre Kandidatur vorzeitig wegen vernichtender Umfragewerte zurück. Sie bezeichnet sich selbst als "progressive democrat", legt aber Wert darauf, dass ihr nun gegründetes Forum politisch weder rechts noch links stehen wird.

Blog von links?

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Screenshot "huffingtonpost.com"

Ein Blick auf die über 250 Namen umfassende Liste der verpflichteten Edel-Blogger verrät indes eine deutliche links-liberale Gewichtung. Hollywood-Stars wie Gwyneth Paltrow, John Cusack, Diane Keaton und Warren Beatty, Regisseure wie Rob Reiner oder Mike Nichols, Literaten wie Norman Mailer und David Mamet werden künftig ihre Meinung im Netz kundtun. Für konservative Positionen sind diese Stars bislang nicht bekannt.

Kenneth B. Lerer, ehemaliger Vize im Vorstand von AOL Time Warner, der Huffington bei der Gründung ihres Blogs unterstützt hat, räumt ein, dass die Idee "zum Teil aus Frustration über die letzten beiden Präsidentenwahlen" hervorgegangen sei. Auch die Amerikanistin Dorothea Schwarzhaupt hält das Blog für eine liberale Fortsetzung des republikanisch gefärbten "Drudge Report", jener blog-ähnlichen Klatsch-Seite, die den Clinton-Lewinsky-Skandal losgetreten hatte. Sie gibt jedoch zu bedenken, dass auch republikanische Blogger wie David Frum, der Erfinder der "Achse des Bösen", an dem Projekt teilnehmen werden. Dass das Blog so als "liberales Korrektiv" dienen kann, wagt Schwarzhaupt daher zu bezweifeln.

In Blog-Land nichts Neues

Überhaupt sind die Erwartungen der Kritik an die bloggenden Stars eher gering. "Frau Huffington greift einfach nur den Zeitgeist des Bloggings auf und hat zum richtigen Zeitpunkt eine gute Marketing-Strategie verfolgt", meint Schwarzhaupt. Von einer plötzlichen "Politisierung Hollywoods" will die Amerikanistin schon gar nicht sprechen: "Bloggen ist einfach schick und angesagt", sagt sie und warnt davor, die Bedeutung von Blogs zu überschätzen.

Das sieht Lorenz Lorenz-Meyer, der in Darmstadt Online-Journalismus lehrt, ganz ähnlich. Auch er hält die Vermarktung des ehemaligen Untergrundmediums für die eigentliche Innovation. "Das ist das Entscheidende: Weblogs werden als kommerzielle Formate entdeckt und genutzt." Von der "Huffington Post" erwartet sich der Professor, der selbst ein Blog betreibt, nicht viel Neues. "Die Beiträge werden wohl so interessant wie die einschlägigen Interviews dieser Promis in der Regel sind."

In das gleiche Horn stößt der Blog-Experte Jay Rosen, der von der "New York Times" wie folgt zitiert wird: "Gwyneth Paltrow hat keinen Anlass, ehrlich zu sein und so künftige Ticketkäufer abzuschrecken". Ob hoch dotierte und von PR-Strategen und Managern umsorgte Hollywood-Stars tatsächlich subjektive, impulsive und bisweilen radikale Botschaften ins Netz schicken werden, für die die Blog-Community berühmt und berüchtigt ist, kann also bezweifelt werden.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum man Blogger trotz ihres Faibles für Banales nicht unterschätzen sollte.

Banales und Spektakuläres

Geboren wurde die heute so populäre Form der Meinungsmache und Selbstoffenbarung Ende der 1990er-Jahre. In Foren und Onlinetagebüchern entdeckten bislang ungehörte Mitglieder der Internetgemeinde die Möglichkeit, Öffentlichkeit zu erzeugen - auch wenn die zunächst noch vorwiegend aus wenigen Gleichgesinnten bestand. Noch heute warten unzählige Einträge auf den Seiten der Blog-Anbieter darauf, einmal beachtet zu werden. "Der Austausch immer gleicher Banalitäten und Alltäglichkeiten macht das Gros dieser Kommunikationsform aus, es gibt nur ganz wenige, wirklich einflussreiche Blogger", weiß Lorenz-Meyer.

"Das ist eine unglaublich anspruchslose Form", sagt er - warnt jedoch zugleich davor, die Blogger völlig zu unterschätzen. Schließlich gab es in den letzten Jahren einige spektakuläre Fälle von erfolgreicher politischer Intervention durch Blogs. So wurde etwa der US-Senator Trent Lott zum Rücktritt gezwungen, weil Blogger beharrlich dessen rassistische Entgleisungen dokumentierten und so für eine kritische Öffentlichkeit sorgten. Die traditionellen Medien hatten den Fall Lott zunächst schlicht übersehen.

In den USA ist die Blog-Kultur wesentlich stärker verbreitet als in Deutschland und gilt schon seit längerer Zeit als salonfähig. "Im Vergleich zu den amerikanischen Vorreitern drehen sich deutsche Blogs viel seltener um politische Inhalte", meint Lorenz-Meyer und mutmaßt: "Das hängt wohl mit der spezifischen Debattenkultur in Deutschland zusammen. Die viel zitierte Politikverdrossenheit schlägt sich eben auch im Internet nieder."

Wer sie ignoriert, ist antiquiert

"Ein Journalist, der die wichtigsten Blogger seines Themengebietes nicht liest, muss eigentlich als antiquiert gelten", sagt Lorenz-Meyer. Das Beobachten und Auswerten von Blogs gehört heute zum journalistischen Alltag. In Nachrichtenredaktionen gibt es mittlerweile eigene Abteilungen, so genannte Blog-Desks, deren einzige Aufgabe darin besteht, den permanenten Output der Blogosphäre im Auge zu behalten.

Arianna Huffington
Arianna Huffington, Gründerin des Promi-Blogs, will "eingefahrene Weltsichten" aufbrechenBild: AP

"Wenn jetzt auch noch Prominente bloggen", sagt der Berliner Soziologe Dieter Rucht, der das Mobilisierungspotential des Internets untersucht hat, "dann erhöht das zunächst nur die Sichtbarkeit und Reichweite ihrer Publikationen". Eine neue Qualität des Mediums bedeute das jedoch nicht. Das lässt hoffen. "Denn", so ist sich Rucht sicher, "auf lange Sicht müssen auch die derart Privilegierten wie die ganz gemeinen Blogger im ungebremsten Nachrichtenstrom der Blogosphäre um die knappe Ressource Aufmerksamkeit kämpfen". Mit Banalitäten und Alltäglichkeiten wird ihnen das kaum gelingen.