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Asien

Wird der IS in Afghanistan unterschätzt?

Noch im März erklärte die afghanische Regierung den "IS" in ihrem Land für "besiegt". Die jüngsten Gebietsgewinne der Terrormiliz zeichnen jedoch ein anderes Bild. Spielt Kabul die Gefahr absichtlich herunter?

Medienberichten zufolge flohen erst Ende Juni hunderte von Menschen in der afghanischen Ostprovinz Nangarhar nach tagelangen heftigen Kämpfen zwischen der IS-Miliz und der afghanischen Armee. Die Zusammenstöße begannen demnach am 24. Juni, als IS-Kämpfer einen Kontrollpunkt der Armee im Kot-Distrikt angriffen. Mehr als 160 IS-Angreifer seien dabei getötet worden, berichtet Attaullah Khugyani, Sprecher des Provinzgouverneurs von Nangarhar. Die Angreifer hätten rund 90 Wohnhäuser angezündet, seien dann jedoch von der Armee zurückgeschlagen worden, so der Sprecher. Doch die lokale Bevölkerung widerspricht dieser Darstellung. "Damals haben einige Dorfbewohner sich auf die Seite der Regierung gestellt. Doch der IS kam zurück – und jetzt nimmt er Rache", beschreibt der 19-jährige Hekmatyar, ein Bewohner von Kot die Situation gegenüber der DW.

Kämpfe zwischen IS und afghanischen Truppen in der Unruheprovinz Nangarhar (Foto: picture-alliance/dpa/G. Habibi)

Kämpfe zwischen IS und afghanischen Truppen in der Unruheprovinz Nangarhar

Spielt Kabul die Gefahr herunter?

Im März erklärte Afghanistans Präsident Ashraf Ghani nach einer monatDemonselangen Militäroperation den "IS" in Afghanistan für besiegt. Schätzungen des US-Militärs zufolge gibt es rund 3.000 IS-Kämpfer im Land. Die meisten sollen sich in der Grenzregion zu Pakistan aufhalten. Sowohl Kabul als auch Washington sehen in den Taliban die größere Gefahr für Afghanistans innere Sicherheit. Doch die Situation in Nangarhar und anderen Teilen des kriegsgeschundenen Landes deuten darauf hin, dass der IS in Afghanistan an Boden gewinnt - und dass die afghanische Regierung die Schlagkraft der Terrormiliz unterschätzt.

Der IS, der seine größten Gebiete in Irak und Syrien kontrolliert, rekrutiert eine große Zahl seiner Kämpfer in Afghanistan. Viele seiner Kämpfer kommen aus Splittergruppen der radikalislamischen Taliban. Sicherheitsexperten befürchten, dass die zunehmende Zersplitterung der Taliban dazu führen könnte, dass mehr und mehr frustrierte Militante zum "IS" überlaufen könnten. "Der "IS" ist derzeit das größte Problem für die Taliban. Er gewinnt mehr und mehr an Zulauf, und das liegt auch an den inneren Machtkämpfen, die derzeit bei den Taliban vorherrschen", erklärt Siegfried Wolf vom Heidelberger Südasien-Institut gegenüber der DW.

Am 6. Juli stellte US-Präsident Barack Obama Pläne zurück, nach denen die Zahl der in Afghanistan stationierten US-Soldaten bis Ende 2016 auf 5.000 reduziert werden sollten. Stattdessen sollen bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2017 rund 8.400 Soldaten im Land bleiben. Experten bewerten dies nicht nur als Signal der US-Regierung, Kabul länger unterstützen zu wollen, sondern auch als Zeichen für eine wachsende Besorgnis vor wieder zunehmender Gewalt im Land.

Demonstrationen in Afghanistan (Foto: Aref Karimi/AFP/Getty Images)

Demonstrationen in Afghanistan

Regionale Kooperation

Wahid Mazhda, Talibanexperte in Kabul, glaubt jedoch, der IS könne zwar einige Kämpfer von den kleineren islamistischen Gruppierungen im Lande rekrutieren. Die Terrormilizen seien aber nicht in der Lage, größeren Zuspruch in der gesamten Region für sich zu gewinnen.

"Der IS und die Taliban sind, von der Ideologie und von der Kultur her betrachtet, sehr unterschiedlich. Aber sie können einige Unterstützer finden und haben dies auch bereits getan", sagt Mazhda im Interview mit der DW. "Für den IS ist Zentralasien attraktiver, weil es dort viele Diktaturen und einige extremistische Gruppen gibt. Diese haben Bereitschaft signalisiert, sich dem IS anzuschließen, um die regionalen Regimes zu stürzen."

Doch die neue Sicherheitssituation erfordert nun mehr Einsatz durch den afghanischen Präsident Ghani. Analysten empfehlen ihm, die Bedrohung durch den IS ernster zu nehmen und die pakistanische Regierung zu mehr Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror zu bewegen.

Die IS-Präsenz in Afghanistan mag noch schwach sein. Aber möglicherweise erhält der Islamische Staat Unterstützung oder gar Kämpfer vom Nachbarland. Pakistan ist international als Brutstätte für sunnitische Militante bekannt. In der Lesart der Regierung in Kabul würden die Militanten nach ihrer Ausbildung in Pakistan gezielt nach Afghanistan eingeschleust, um die Regierung zu destabilisieren. Pakistan weist die Vorwürfe zurück.

Ghani soll Pakistan zu mehr Kooperation bewegen (Foto: Getty Images/AFP/S. Marai)

Ghani soll Pakistan zu mehr Kooperation bewegen

Das Risiko einer Allianz von Taliban und IS

Die zwei Gruppen Taliban und "IS" stehen sich feindselig gegenüber – trotz des Umstandes, dass sie beide von sunnitischen Extremisten dominiert werden. Experten sind der Meinung, dass ein tatsächliches Bündnis zwischen den beiden extremistischen Gruppierungen "extrem unwahrscheinlich" ist, auch wenn es bis zu einem gewissen Grad Kooperationen zwischen dem IS auf der einen und den afghanischen und den pakistanischen Taliban auf der anderen Seite geben könnte.

"Sicher gibt es ideologische Annäherungen zwischen beiden Gruppen. Aber auf der anderen Seite gibt es einfach zu viele Faktoren, die gegen die Möglichkeit einer Partnerschaft oder sogar die eines Bündnisses sprechen", sagt Michael Kugelman, Afghanistan-Experte am Woodrow-Wilson-Center in Washington.

Eine Meinung, die auch Analyst Mazhda teilt. Seiner Auffassung zufolge wäre es zwar für ein paar kleine islamistische Gruppen in Afghanistan möglich, sich dem IS anzuschließen. Auf der anderen Seite aber würde der Islamische Staat auf ideologische Probleme stoßen bei dem Versuch, in Afghanistan Kämpfer zu rekrutieren.

Beobachter sind sich einig darüber, dass kein Land in der Region ein Afghanistan unter IS-Kontrolle sehen möchte. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit eine Bedrohung von Seiten des IS den Ausschlag dafür geben könnte, dass sich die verschiedenen Lager in Afghanistan – inklusive der Taliban – an einen Tisch setzen, um nach einer Lösung für den anhaltenden Konflikt in ihrem Land zu suchen.

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