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Fokus Osteuropa

Wird das Srebrenica-Video Serbien verändern?

Nach der öffentlichen Vorführung von Video-Aufnahmen des Massakers in Srebrenica diskutieren führende serbische Bürgerrechtler über die möglichen Folgen. Können die gezeigten Bilder Serbien innenpolitisch verändern?

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Wird auch seine Rolle in Serbien neu diskutiert?

Die Gleichgültigkeit, mit der die politische und intellektuelle serbische Elite auf die beim Milosevic-Prozess vorgeführten Video-Aufnahmen reagiert hat, wird niederschmetternde Wirkung für die Zukunft Serbiens haben, glaubt der Direktor des Belgrader Zentrums für Menschenrechte, Vojin Dimitrijevic. Im Interview für die Novosader Zeitung Dnevnik sagte er, diejenigen serbischen Bürger, die dem Massaker gegenüber gleichgültig gegenüberstünden, hätten ab sofort keine Argumente mehr, zu behaupten, ethnische Säuberung und Genozid seien ausschließlich „Produkte“ eines untergegangenen Regimes gewesen.

Kein Unrechtsbewusstsein

Die Gleichgültigkeit in Serbien zeuge davon, dass viele auch heute noch hinter diesen Gräueltaten stünden, beziehungsweise immer noch nicht verstünden, dass es sich um Verbrechen handle, sagte Dimitrijevic. Aus diesem Grund werde Serbien vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag kollektiv zur Verantwortung für die Kriegsverbrechen gezogen werden, nämlich aufgrund der Anklage durch den Staat Bosnien-Herzegowina wegen Überfalls und Völkermordes.

Teure Fehler aus der Vergangenheit?

Der Jurist Srdja Popovic meint, die politische Führung Serbiens sei zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts in hohem Maße durch die Bevölkerung unterstützt worden. Popovic sagte: „Slobodan Milosevic gewann damals die Wahlen mit unglaublich hoher Prozentanzahl der Wählerstimmen. Außerdem unterstützten ihn wichtige nationale Institutionen, wie die Armee, die Akademie der Künste und Wissenschaften, die intellektuelle Elite und die Kirche. Als dieses Projekt endgültig platzte, stellte sich heraus, dass Serbien nicht nur eine militärische, politische und moralische Niederlage erlitt, sondern auch eine historische Niederlage zu verzeichnen hatte. Die historische Hypothek für diese Entscheidung wird bezahlt werden müssen – moralisch und materiell – und zwar für einen langen Zeitraum”, so Popovic. Seinen Worten zufolge tragen nicht nur die vor dem Haager Tribunal angeklagten und verurteilten Personen Verantwortung für diese schädliche Politik: „Einen Teil der Verantwortung tragen auch andere. Vor allem diejenigen, die Menschen befahlen, an der Front zu kämpfen, diejenigen, die die Kriegsidee unterstützten und dann auch diejenigen, die bei der Wahl mit ihrer Stimme die Kriegs-Politik ermöglicht haben.”

Mladic als Hauptverantwortlicher

Die Direktorin des serbischen Helsinki-Komitees für Menschenrechte, Sonja Biserko, sagte der Deutschen Welle, sie wundere sich nicht darüber, dass der ehemalige Befehlshaber der serbischen Armee in Bosnien, Ratko Mladic, noch immer nicht an Den Haag ausliefert wurde. Biserko erläuterte: „Mladic ist die Person, die die größte Verantwortung für das Srebrenica-Massaker trägt. Er ist die eigentliche Schnittstelle, die Milosevic und Belgrad mit diesem Genozid überhaupt verbindet. Meiner Überzeugung nach befindet sich Mladic nicht im Haager Gefängnis, weil sich ausgerechnet die Staatspolitik – und nicht nur die serbische Staatspolitik, sondern auch die Politik formeller und informeller Regierungskreise – dafür einsetzt hat, dass aus der Anklageschrift gegen Slobodan Milosevic der Teilaspekt des Genozids entfernt wurde”, so Biserko.

Stagnation und Verfall als Folgen?

Der Direktor des Belgrader Zentrums für Menschenrechte Vojin Dimitrijevic ist der Meinung, 15 Jahre unter dem Milosevic-Regime hätten dem Staat und der Bevölkerung Serbiens gewaltigen Schaden zugefügt. Die Erholung davon werde doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, meint Dimitrijevic. Der Jurist Srdja Popovic äußerte sich drastischer: „Eine Gesellschaft, die aus der eigenen Vergangenheit und eigenen Niederlagen nicht lernen kann, ist zur Stagnation und zum Verfall verdammt.”

Dinko Gruhonjic, Novi Sad,

DW-RADIO/Serbisch, 6.6.2005, Fokus Ost-Südost

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