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Amerika

Wirbel in Mexiko um Film über Justizskandal

Ein Dokumentarfilm gerät zur Mediensensation: Der Film "Presunto Culpable" klagt das Schicksal tausender Opfer der mexikanischen Justiz an. Mexikos Regierung versuchte die Vorführungen zu stoppen - vergeblich.

In Mexiko ist der Dokumentarfilm Presunto Culpable (mutmaßlich schuldig) derzeit in aller Munde. Der Film, 2009 gedreht und nach diversen internationalen Festivals jetzt in Mexiko angelaufen, zeigt anhand eines Mordfalles und des Beschuldigten Antonio - kurz Toño - Zúñiga die offensichtlich gängige Praxis in Mexiko auf, wie Menschen für Jahrzehnte im Gefängnis landen können, ohne dass ihre Schuld nach rechtsstaatlichen Maßstäben bewiesen worden wäre (Foto: Filmverleih)

Das Filmplakat von "Presunto Culpable", zu deutsch: mutmaßlich schuldig

In Mexiko ist der Dokumentarfilm "Presunto Culpable" ("mutmaßlich schuldig") derzeit in aller Munde. Der Film, 2009 gedreht und nach diversen internationalen Festivals jetzt in Mexiko angelaufen, zeigt anhand eines Mordfalles und des Beschuldigten Antonio - kurz Toño - Zúñiga eine in Mexiko offensichtlich gängige Praxis: Menschen können für Jahrzehnte im Gefängnis landen, ohne dass ihre Schuld nach rechtsstaatlichen Maßstäben bewiesen worden wäre.

Mexikanisches Recht kennt keine Unschuldsvermutung

"Wir Mexikanerinnen und Mexikaner laufen Gefahr, für lange Zeit im Knast zu verschwinden, nur weil jemand auf der Straße auf uns zeigt", für den Anwalt und Co-Regisseur Roberto Hernández ist dies die Essenz von "Presunto Culpable". 93 Prozent aller Verhaftungen kämen allein durch Zeugenaussagen zu Stande. Da im mexikanischen Recht erst ab 2016 eine Unschuldsvermutung implementiert werden soll, können Zeugen manipuliert, Beweise konstruiert oder auch unter den Tisch gekehrt und Urteile aufgrund fragwürdigster Beweise gefällt werden.

Antonio Zúñiga sei beileibe kein Einzelfall, weiß Alberto Herrera, Vorsitzender der mexikanischen Sektion von Amnesty International: Die Menschenrechtsorganisation dokumentiere seit Jahrzehnten Fälle von Gewissens-Gefangenen, "die für Jahre im Gefängnis landen für Taten, die sie nie begangen haben und nach Prozessen, die nachweislich keinen internationalen Rechtsstandards entsprechen."

Dank Zensur zum Kassenschlager

Gefängniszelle. Foto: Flickr/joshstaiger, 2006

90 Prozent aller Gefängnisinsassen in Mexiko sehen niemals einen Haftrichter

Schon das Thema an sich und vor allem die bewegende Geschichte von Antonio haben "Presunto Culpable" gut gefüllte Kinosäle in ganz Mexiko beschert. Dieser Tage wurde der Film endgültig zum Politikum: Eine Richterin verfügte ein Aufführungsverbot für "Presunto Culpable", da der im Film gezeigte Zeuge und Verwandte des Opfern minderjährig ist. Am Montag (07.03.2011) wurde der Film aus den Kinos genommen. Den Begriff "Zensur" weisen Politik und staatliche Institutionen entschieden zurück, auch wenn die Medien in Leitartikeln und Talkshows gerade hierüber diskutierten.

Seither ist "Presunto Culpable" ein Publikumsmagnet. Titelthema in allen Medien, die Downloads bei Youtube sind seit dem Verbot sprunghaft angestiegen und die so beliebten Raubkopien werden aufgrund der riesigen Nachfrage inzwischen zum doppelten Preis angeboten. Der Fall des jungen Toño hat eine breite Diskussion über das mexikanische Rechtssystem angestoßen. Und die scheint auch nötig. Nicht nur, dass dieses System zahllose Opfer produziere, sagt Alberto Herrera. Für jeden unschuldig Verhafteten laufe ein Schuldiger nach wie vor frei herum. auf der Straße ist. Deswegen müssten bei Prozessen unbedingt anerkannte Rechtsnormen eingehalten würden, fordert Amnesty International. Es gelte, so der Amnesty-Aktivist, die Gesellschaft vor weiteren Taten zu schützen, vor allem aber, dem Opfer oder dessen Familie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Autor: Markus Plate, Mexiko-Stadt

Redaktion: Sven Töniges