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Türkei

"Wir wussten nicht, was uns passiert wäre"

Von Kriegsspielen mit blonden Mädchen, von blauen Glühbirnen und kratzigen Wollsachen für die Flucht: Eine jüdische Kindheit in Istanbul während der Hitler-Zeit. Der Fotograf Izzet Keribar erinnert sich.

Porträtfoto von Izzet Keribar als kleiner Junge (Foto: Izzet Keribar)

Izzet Keribar

Mein Name Keribar heißt "Bernstein". Ein Teil der Familie nennt sich Levy. Ein typisch jüdischer Name. Seit 1936 sind wir Keribar - so habe ich also nun einen türkischen Namen. Eigentlich sollte ich Yves Levy heißen. Es wurde Izzet - und der Nachname Keribar. Mir wurde gesagt, dass mein Urgroßvater Bernsteinhändler war. Darum haben wir den Namen angenommen: Levy-Keribar.

Mein Vater wurde in Haidarpaşa geboren, auf der asiatischen Seite des Bosporus. Es war eine wohlhabende Familie mit acht Geschwistern, vier Jungen, vier Mädchen. Meine Mutter kam aus Alexandroupolis, damals hieß es Dedeağaç und war ein Teil der Türkei. Mein Vater wurde 1900 geboren, meine Mutter 1907. Sie haben sich in Istanbul kennengelernt. Ich wurde in einer guten Gegend geboren. Die Wohnung hatte mein Vater geerbt von seinem Vater. Die beiden waren Händler für Porzellan, Glas, Tafel-Ausstattung, Küchenausstattung. Sie waren gute, vielleicht die besten Händler damals in Istanbul.

Izzet Keribar als kleiner Junge liegt lesend im Bett (Foto: Izzet Keribar)

Izzet Keribar als 10-Jähriger in seinem Zimmer in Istanbul. Von hier aus sah er das deutsche Konsulat.

Dann veränderte sich vieles, es kamen schwierige Zeiten. Da kam der Krieg, dann kam Varlık Vergisi [eine drastische Sondersteuer, die 1942-44 vor allem die Nicht-Muslime in der Türkei traf, Anm. der Red.] Als Israel gegründet wurde, waren 80.000 Leute hier, mehr als die Hälfte entschied sich, nach Israel zu gehen. Mein Vater war anders. Er war nicht idealistisch, nicht religiös, wir haben keine religiöse Erziehung bekommen. Er entschied sich zu bleiben. Business war Business, und zehn Jahre nach Varlık Vergisi, die uns lange in die Knie gezwungen hatte, ging das Geschäft wieder ganz gut. Abgesehen davon, dass wir im Sommer nicht mehr in Urlaub auf die Inseln gefahren sind, hatten wir nicht das Gefühl, wir hätten alles verloren.

"Die deutsche Armee bewundert"

Porträtfoto von Izzet Keribars Mutter Emma in den 1930er Jahren (Foto: Izzet Keribar)

Izzet Keribars Mutter Emma in den 1930er Jahren

Wir haben natürlich die Nazis nicht gemocht, niemand mochte Hitler. Aber wir haben erst nach dem Krieg erfahren, was da alles passiert ist in den Konzentrationslagern, den Kriegsgräueln. Es ist ein bisschen komisch, aber mein Vater hat die deutsche Armee bewundert. Er fand, das wären die besten Soldaten der Welt. Er wurde 1900 geboren. Als er sechzehn oder siebzehn war, hat sein Vater ihn nach Österreich geschickt, und er hat zwei Jahre in Wien verbracht. Darum hat er so eine Art deutsche Bildung abgekriegt, er sprach perfekt deutsch. Er hatte das zuerst hier in der Schule gelernt, dann wurde er nach Wien geschickt. Das macht eine Menge aus!

Meine Mutter war genau das Gegenteil. Sie mochte die Deutschen überhaupt nicht. Wir Kinder haben halt gesagt, okay, es ist Krieg, und wir haben Krieg gespielt, englische und deutsche Kinder. Die Deutschen waren dann die Bösen. Aber manchmal haben auch die Deutschen gewonnen. Ich erinnere mich genau an ein blondes Mädchen, dem habe ich damals beim Spielen irgendein dickes Teil an den Kopf geknallt. Das wusste sie später noch ganz genau und hat mich gefragt, ob ich mich daran erinnere. Sie war Deutsche, denn sie war blond.

Hakenkreuz-Fahne im Sturm

Elegant gekleidetes Ehepaar in einer großbürgerlich eingerichteten Wohnung (Foto: Izzet Keribar)

Die Eltern von Izzet Keribar in der Istanbuler Wohnung der Familie (um 1953)

Eines Tages im März 1944, da war ein fürchterlicher Wind, an einem Sonntag. Zwei Soldaten versuchten, die Hakenkreuz-Flagge an der deutschen Botschaft einzuholen, weil es so windig war. Sie haben kräftig gezogen, bis die Flagge plötzlich in Stücke gerissen wurde und weggeflogen ist. Und meine Mutter sagte: "Siehst du, das ist das Ende Deutschlands. Das ist ein Zeichen für uns, Deutschland wird den Krieg verlieren." Wenn ich diese Geschichte jetzt erzähle, ist das wie ein Film, der vor meinen Augen abläuft. Ich erinnere mich an die Flagge, das Gebäude war damals gelb. Senfgelb.

Wir haben nicht wirklich unter Antisemitismus gelitten. Es gab nur diese massive Besteuerung im Jahr 1942, und mein Vater wurde zweimal zum Militärdienst abkommandiert, in eine Gegend, wo nur Männer aus Minderheiten hingeschickt wurden. Aber abgesehen von der Besteuerung kann ich nicht sagen, dass ich darunter gelitten hätte. Auch nicht in der Schule oder unter meinen Lehrern, weil ich irgendwie anders gewesen wäre.

Blaues Licht

Der Fotograf Izzet Keribar in Galata, Istanbul, Türkei (Foto: DW/Aya Bach)

Izzet Keribar heute - im ehemals jüdischen Quartier rund um den Galata-Turm

Da wir keine besonders religiöse Familie waren, war ich genau wie die Anderen. Ich hab mit den Kindern gespielt, und niemand hat was gesagt. Aber mein Bruder hat später ein Mädchen aus der jüdischen Gemeinde geheiratet. Sie war auf der italienischen Schule. Ich erinnere mich daran, dass sie 1942 oder '43 gesagt hat, dass sie plötzlich nicht mehr auf ihre Schule gehen konnte. Sie wurde einfach rausgeschmissen, und dann ist sie aufs amerikanische College gegangen, das war bestimmt gut. Aber auf der italienischen Schule hieß es, dass Nicht-Italiener oder Juden nicht mehr dort hingehen durften. Das war ein Dekret aus der Mussolini-Zeit. Ich vermute, dass sowas auch auf der deutschen Schule passiert ist. Aber ich persönlich habe nicht gelitten. Als Junge realisierst du das ja auch nicht alles.

Ich war sechs, sieben, acht Jahre alt. Aber ich erinnere mich genau an die Verdunkelung. In der Wohnung hatten wir schwarze Kartons an den Fenstern, und vor Anbruch der Nacht musste absolut jedes Licht ausgemacht werden. Kein Licht durfte durchs Fenster nach draußen dringen. Wir hatten schwarze Vorhänge. Und wenn du raus wolltest, konntest du absolut nichts sehen, weil es kein Licht auf der Straße gab. Aber wir hatten dann blaue Glühbirnen, vermutlich weil man die von den Fliegern aus nicht sehen würde.

Brot und Angst

Der Fotograf Izzet Keribar 1943 im Alter von sieben Jahren (links) mit einer Freundin (Foto: Izzet Keribar)

1943: Der siebenjährige Izzet Keribar mit einer Freundin

Ich erinnere mich, das meine Mutter - wie viele andere Mütter - warme Sachen bereitgehalten hat, für den Fall, dass wir schnell das Haus verlassen müssten, falls es eine Invasion der Deutschen gegeben hätte. Wenn sie von Norden kommen würden, wären wir wahrscheinlich vorher nach Anatolien geflohen. Und weil es in Anatolien im Winter sehr kalt ist, hat sie Wollsachen, ganz kratzige Wollsachen, für uns gehabt. So wie Militärsocken aus Wolle. Und dann hatten wir auch Vorräte zu Hause wie Salami und Schinken, für den Fall, dass wir auf dem Schwarzmarkt nichts mehr kriegen würden. Denn natürlich gab es einen Schwarzmarkt. Obwohl wir keinen Krieg hatten in der Türkei. Es war nicht so schlimm wie da, wo wirklich Krieg war, aber alles war rationiert. Es gab Brot, Reis und Zucker. Und wir hatten Scheine, die wir jeden Tag abgegeben haben, um dafür Brot zu kriegen. So hat das funktioniert.

Und noch was: Niemand wusste, ob die Deutschen in der Türkei einfallen würden oder nicht. Denn die waren in Griechenland. Und in Jugoslawien, in Bulgarien und Rumänien. Was sollte man also sagen? Mein Vater sagte immer, ihr werdet schon sehen, die rücken jetzt in Russland vor. Wenn es Stalingrad nicht gegeben hätte, wären sie vielleicht in den Kaukasus eingefallen. Und den hätten sie vermutlich von der Türkei aus einnehmen wollen. Gott weiß, was passiert wäre, wenn die hierher gekommen wären. Wahrscheinlich hätte die türkische Regierung ihnen eine Liste mit allen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde gegeben. Ich weiß nicht, was uns passiert wäre, hier oder in Auschwitz in der Gaskammer. Wir wussten nicht, was geschehen wäre.

Izzet Keribar lebt heute als Fotograf in Istanbul.