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Nahost

"Wir wollen nicht weg von hier!"

Weil Jerusalem Platz für einen archäologischen Park braucht, sollte eine ganze Reihe palästinensischer Häuser abgerissen werden. Deren Bewohner wehren sich vehement dagegen und haben - zumindest vorerst - Erfolg.

Palästinenser in Silwan demonstrieren gegen den Abriss ihrer Häuser durch Israel (Foto:ap)

Palästinenser in Silwan demonstrieren gegen den Abriss ihrer Häuser durch Israel

Blick vom Archäologiepark 'City of David' auf Silwan (Foto:dpa)

Blick vom Archäologiepark 'City of David' auf Silwan

Außerhalb der Altstadtmauern von Jerusalem, gegenüber der Al-Aksa-Moschee und an der Abzweigung zum arabischen Viertel Silwan hat die jüdische Siedlerorganisation Elad ein Besucherzentrum eröffnet. "City of David" – "Stadt Davids" steht am Eingang zu dem archäologischen Park, den die Organisation hier im Auftrag des Staates betreibt. Eine Harfe schmückt das Tor, dahinter erstrecken sich in einem immer größer werdenden Gelände die Ausgrabungen. Hier, so behaupten die Siedler und ihnen nahestehende israelische Archäologen, soll sich der Ursprung Jerusalems befinden, die Stadt des Königs David.

Zwei Völker, zwei Zentren

Israels Flagge weht über Silwan (Foto:ap)

Israels Flagge weht über Silwan

Nur wenige Meter entfernt, direkt an der viel befahrenen steilen Straße, haben die palästinensischen Einwohner von Silwan ihr Informationszentrum eingerichtet. In einer notdürftig gegen die winterliche Kälte abgeschirmten Terrasse empfangen sie ihre Besucher. Draußen rauscht mit ohrenbetäubendem Lärm der Verkehr vorbei, während Jawad Siyam drinnen über die Nöte der Bewohner von Silwan spricht, die immer stärker von israelischen Siedlern bedrängt werden. "Silwan hat 55.000 palästinensische Einwohner", erklärt er. "Doch in den letzten Jahren haben sich auch drei- bis vierhundert jüdische Siedler hier niedergelassen."

Sozialarbeit im Problembezirk

Jawad Siyam, der in Berlin studiert hat und fließend Deutsch spricht, ist Sozialarbeiter in Silwan und Direktor von Madaa, einer Organisation, die sich in diesem problembeladenen Bezirk vor allem um Kinder, Jugendliche und Frauen kümmert. Er gehört sozusagen zu den Ureinwohnern dieses palästinensischen Stadtviertels, das sich vor den Mauern der Altstadt von Jerusalem an zwei steile Hänge schmiegt.

"Meine Familie lebt seit über 1000 Jahren hier in Silwan", erzählt Siyam und fügt achselzuckend hinzu: "Aber wer kann beweisen, dass ich vor 3000 Jahren nicht Jude war und wer kann beweisen, dass die Juden, die aus Europa kamen, nicht christlich waren?" Vehement wehrt er sich gegen den Anspruch der Israelis, in Jerusalem die älteren Rechte zu haben. "Wir haben unsere Häuser nicht auf der jüdischen Geschichte gebaut", betont er. "Und wir wollen auch nicht weg von hier. Wir wollen weiter hier in Silwan leben."

Vom Abriss bedroht

Jugendliche beobachten den Abriss eines palästinensischen Wohnhauses (Foto:ap)

Jugendliche beobachten den Abriss eines palästinensischen Wohnhauses

Doch auch fromme israelische Siedler beanspruchen diese Gegend für sich und werden dabei von der staatlichen Antiken-Behörde unterstützt. Hier, so behaupten sie, solle König David seine Hauptstadt errichtet haben. Hier lägen die Wurzeln des jüdischen Jerusalems. Die Palästinenser von Silwan sollten darum weichen. Sie sollten den Ausgrabungen und der jüdischen Besiedlung Platz machen. Nach Meinung der israelischen Nichtregierungsorganisation Ir Amim gehört das Projekt zu einem groß angelegten Plan, den arabischen Ostteil Jerusalems durch "biblische Parks" rund um die Altstadt jüdischer zu machen. Die ersten palästinensischen Häuser sind schon verschwunden. Sie seien illegal erbaut worden, heißt es zur Begründung. Andere wurden von jüdischen Familien übernommen.

Im engen Tal zwischen den beiden Hängen, dem sogenannten Wadi Hilwe, soll bald ein Park angelegt werden, 88 Häuser sollen dafür abgerissen werden. Israels Ministerpräsident Netanjahu hat aber den umstrittenen Abriss palästinensischer Häuser in Ost-Jerusalem vorerst gestoppt. Die Stadtverwaltung solle sich mehr Zeit nehmen, um mit den Bürgern eine Einigung zu erreichen.

Für die Anwohner ist die ständige Sorge um ihr Zuhause trotzdem unerträglich, erklärt Carola Becker vom Deutschen Entwicklungsdienst. "Diese ganze Nachbarschaft ist entweder direkt betroffen von Hauszerstörungen oder wartet darauf, dass ihr Haus zerstört wird." Die Menschen lebten daher unter dauernder Anspannung.

Viel Arbeit für den DED

Becker, die fließend hebräisch und arabisch spricht, ist Koordinatorin des Programms Ziviler Friedensdienst des DED. Zusammen mit der palästinensischen Organisation Madaa wollen die deutschen Entwicklungshelfer in Silwan psychologische Hilfe anbieten und Sozialarbeiter ausbilden, die den Menschen dieses von sozialer Not und politischer Unsicherheit betroffenen Viertels helfen können. "Silwan war schon immer kein einfaches Umfeld, vor allem für Kinder und Jugendliche", erläutert Becker. In dem durch Enge und Armut gezeichneten Viertel gäbe es keine Spielplätze und keine Freizeitangebote. Viele Jugendliche lungerten daher auf der Straße herum und rutschten in die Kleinkriminalität ab.

Darum sei es wichtig, ihnen Angebote zu machen. Wenn das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit die Pläne genehmigt, sollen demnächst zwei deutsche Fachkräfte mit der Arbeit beginnen. Für sie gibt es genug zu tun. Denn der Großteil der Bevölkerung in Silwan und in den anderen arabischen Vierteln von Jerusalem ist sozial, wirtschaftlich und politisch benachteiligt. Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit sind hoch und für tausende Kinder gibt es keine Schulen.

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Thomas Latschan