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Ostmitteleuropa

"Wir wollen kein Blut an unseren Händen haben"

- Unzählige Tschetschenen flüchten nach Polen

Warschau, 27.11.2004, NEWSWEEK POLSKA, poln.

Das ist fast ein Exodus. Nach dem Massaker in Beslan verlassen unzählige Tschetschenen ihre Häuser und gehen in Richtung Westen, weil sie sich vor russischen Repressalien und der Fortsetzung des Tschetschenien-Krieges fürchten. Sie haben aber auch Angst vor dem Chaos und der immer größeren Armut. Noch vor einigen Monaten registrierte der polnische Grenzschutz lediglich einige Tschetschenen pro Tag, die die Grenze überschritten haben. In den letzten Tagen steigen aber aus dem Zug vom Brest nach Terespol ganze Scharen der von der langen Reise erschöpften Erwachsenen und Kinder aus Tschetschenien.

Die Kinder Zarina, Luisa, Chutmat und Fatami spielen sorglos im Bahnhof vom Terspol. (...) Plötzlich erfriert das Lachen. Sie schauen in den Himmel und beobachten das hoch fliegende Flugzeug. Die Kinder schreien und suchen den Schutz an den Kleidern der Mütter. Lange Zeit wollen sie nicht glauben, dass nicht jedes Flugzeug Bomben wirft. (...)

"Wir wollen die Angst hinter uns lassen. Das ist das wichtigste", sagt die 29–jährige Madian, die mit ihrem Mann und den Kindern einen Asylantrag gestellt hat.

In dem Bahnhofgebäude wurden provisorische Räume für die Flüchtlinge eingerichtet: Zwei kleine Zimmer mit schadhaften Wänden und einem schmutzigen Boden. (...) In jeder Gruppe von Tschetschenen kommen drei Kinder auf einen Erwachsenen. Jede zweite Tschetschenin ist schwanger. Die erste Asyl- Aufnahmeprozedur findet auf dem Bahnhof statt. Das Ausfüllen des Formulars, Fotos und Abnahme der Fingerabdrücke dauert zwischen 12 und 16 Stunden. (...) So sieht das erste Amt in der Europäischen Union aus, das die Asylsuchenden zu sehen bekommen.

"Die Bedingungen sind wirklich schwierig", gibt Oberst Andrzej Wojcik von dem polnischen Grenzschutz zu und erklärt weiter: "Die Räumlichkeiten gehören aber nicht uns, sondern der Eisenbahn und der Grenzschutz ist nicht der Hausherr hier. Die Tschetschenen sind sowieso zufrieden. Wie sie selbst sagen, sind die Grenzschützer in Polen die ersten Beamten, die sie kennen, die kein Schmiergeld von ihnen verlangen.

"Für 400 Dollar kann man in Gudermess schnell einen neuen Pass bekommen, 100 Dollar verlangten von uns russische Soldaten, um uns weiter fahren zu lassen. In Brest nehmen die Grenzbeamten jeweils zehn Dollar als "Abschiedsgeschenk", erklärt Madina, die selbst Mutter von vier Töchtern ist.

Die Flüchtlinge wissen nicht, was sie in Polen erwartet, aber sie glauben fest daran, dass ihnen nichts schlimmeres wiederfahren kann, als das, was sie im eigenen Land erleben mussten. "Über Polen weiß ich nur, dass das Land eine ähnliche Geschichte hat wie die unsere, und dass ihr uns aufnehmt. Das heißt, dass ihr gute Menschen seid wie wir", sagt Madina. (...)

Die Massenflucht der Tschetschenen begann vor zehn Jahren, während des ersten Tschetschenienkrieges. Seit dieser Zeit haben etwa 350.000 Personen Tschetschenien verlassen. Wie viele werden aber noch ausreisen?

Während der Reise nach Polen können sich Tschetschenen nur auf die Hilfe ihrer Landsleute verlassen. In Brest lebt der 40 jähriger Chamzat, ein Tschetschene, der sich um die Ankömmlinge kümmert. Er organisiert den Transport zu Übernachtungsstellen und fährt seine Landsleute zu dem Zug nach Terespol. Es ist gut, wenn sich die Flüchtlinge an der belorussischen Grenzstadt nicht länger als drei Tage aufhalten, weil sie dann verpflichtet sind, sich anzumelden.

"Nach den drei Tagen muss man die Beamten schmieren. Auf der polnischen Seite hingegen haben es die jungen alleinstehenden Männer am schwersten. Sie werden lange und detailliert untersucht, ob sie keine Terroristen sind", erzählt Chamzat.

"Wir wurden auch über unser Leben ausgefragt", erklärt Medina, die mit ihrem Mann Magomed zusammen das erste Gespräch mit den Beamten des Grenzschutzes führte. Sie haben beide einen Asylantrag gestellt. Jetzt sitzen sie auf der Bank im Bahnhof, sind müde, schmutzig und schläfrig. In einigen Stunden werden sie nach Warschau gebracht und dann noch weiter in die 15 km entfernte Ortschaft Debak. Madina war Lehrerin für Physik und Mathematik in Gudermess. Um die Reise machen zu können, haben sie selbst gespart und Geld von der Familie geliehen: "Sobald wir uns in Polen oder irgendwo weiter in Europa eingerichtet haben, werden wir das Geld zurückzahlen", sagt Madina. (...)

"Um in Tschetschenien leben zu können, muss man sich zu einer der Parteien bekennen - entweder zu den Russen, oder zu Maschadow oder Bassajew", erklärt mit Verbitterung der 42-jährige Alichian und fügt hinzu: " Aber wir wollen kein Blut an unseren Händen haben. Aus diesem Grunde flüchten wir. Wir wollen ruhig schlafen. Als die Russen meinen Vater getötet und ihn in einen Graben geworfen haben, musste ich die Soldaten mit drei Kartons Wodka bezahlen, um die Erlaubnis zu bekommen, den Leichnam meines Vaters abzuholen. Ich habe bezahlt, aber wie kann man überhaupt in solch einem Land leben?", fragt Alchian.

Morgen werden Madina, Magomed und Alchian in Debak eintreffen. Dort erwartet sie ein eigenes Bett, frische Bettwäsche und eine warme Malzeit, die erste seit vier Tagen. Für den Anfang muss es reichen. Das wichtigste ist aber, dass sie niemand mehr mit Kalaschnikows bedroht.

Die erste Welle der tschetschenischen Flüchtlinge kam nach Polen vor 12 Jahren. Damals waren es "politische" Flüchtlinge und zwar hauptsächlich Jugendliche und Vertreter der Intelligenz - also diejenigen, die in irgendeiner Verbindung zu der Regierung von Dudajew und dann von Maschadow standen. (...) Seit 1999, d. h. nach dem Zweiten tschetschenischen Krieg flüchten alle nach Polen, egal mit welcher Bildung und in welchem Alter. Sie stellen entweder Asylanträge (...) oder bemühen sich um die sogenannte Duldung. (...)

Seit dem Anfang dieses Jahres wurden 4 498 Asylanträge gestellt, wobei sich die Zahl im ganzen Jahr 2003 auf 5 345 belief. Bisher wurde Asyl 600 Personen und 14 weiteren die sogenannte Duldung gewährt. (...)

Die wachsende Zahl der Flüchtlinge aus Tschetschenien beunruhigt das Amt für Repatriierung und Flüchtlinge, das dem Ministerium für Inneres und Verwaltung unterstellt ist. Die Ausgaben für die Flüchtlinge aus Tschetschenien machen zwei Drittel des gesamten Jahresetats aus. In den acht Flüchtlingsheimen, in denen 800 Menschen leben können, beginnen schon ernste Platzprobleme.

Die Lage soll durch die Fertigstellung zwei neuer Flüchtlingsheime in Przemysl und Biala Podlaska verbessert werden. Dabei spielt das zweite Heim eine große Rolle, da es nur 30 km entfernt von Terespol liegt, wo die Züge mit den Flüchtlingen aus Tschetschenien ankommen. Bis nach Debak sind es fast 250 km. (...)

Die Tschetschenen werden jedoch für ganz Europa zum Problem. Oft sind sie von Polen enttäuscht und versuchen mit allen Mitteln, weiter zu kommen. Aus den Informationen des Grenzschutzes geht hervor, dass innerhalb der ersten acht Monate diesen Jahres 1 383 Tschetschenen, die in Polen einen Asylantrag gestellt haben, nach Tschechien ausgereist sind, um dort ihren Aufenthalt zu legalisieren und zwar ohne das Verfahren in Polen abzuwarten. 360 Tschetschenen wurden an der polnisch-deutschen Grenze festgenommen, und zwar beim Versuch die Grenze illegal zu passieren.

Litauen, Estland, Lettland und Österreich haben vorgeschlagen, ein Flüchtlingslager für die Flüchtlinge aus dem Osten außerhalb der Europäischen Union zu errichten. Aleksandr Suschko, der Direktor des Friedenszentrums in Kiew, protestierte jedoch energisch dagegen: "Das ist ein sinnloser und schädlicher Schritt", der nichts bringen wird", sagte er. (...)

Eines ist jedoch sicher: Die Tschetschenen werden überall dorthin kommen, wo man sie aufnimmt. Es gibt ein tschetschenisches Sprichwort: "Mit einem guten Freund kann man auch ans Ende der Welt fahren". Das Problem besteht jedoch darin, dass nach den Ankündigungen von Putin und eventuellen weiteren Terrorakten der Tschetschenen die Zahl der Freunde der Tschetschenen immer weiter schrumpfen wird. (sta)

  • Datum 30.11.2004
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