1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

"Wir wollen die Vielfalt des Islam zeigen"

Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, plädiert für einen liberalen Islam. Kritisch sieht er die Präsenz ausländischer Imame an deutschen Moscheegemeinden.

Das schwierige Verhältnis zur Türkei hat in Deutschland eine Diskussion über aus der Türkei hierhin entsandte Imame ausgelöst. Vermittel über die Ditib – die dem türkischen Ministerpräsidentenamt angegliederte Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. – versehen dauerhaft 900 türkische Imame an deutschen Moscheegemeinden ihren Dienst. Was ist von diesen Imamen zu halten? Und wo liegen generell die Herausforderungen für die Imamausbildung in Deutschland? Darüber sprach die DW mit Mouhanad Khorchide, dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster.

DW: Herr Khorchide, an den Moscheen in Deutschland arbeiten 900 aus der Türkei entsandte Imame. Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihnen gemacht?

Mouhanad Khorchide: Ich sehe gerade bei den Ditib-Imamen keine Hinweise, die darauf deuten, dass ihre Aussagen nicht den Vorgaben der Verfassung entsprechen. Als Religionspädagoge habe ich aber eine andere Sorge: Die meisten dieser Imame sprechen weder Deutsch, noch kennen sie die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen in Deutschland. Sie sind darum für diese jungen Menschen keine wirklichen Ansprechpartner. Ich höre von jungen Muslimen oft, dass sie sich in der Moschee nicht zuhause fühlen, weil die Imame aus einem völlig anderen Kontext heraus predigen.

Wie ließe sich das Problem lösen?

Ich bin dafür, hier Imame auszubilden, die den hiesigen Kontext kennen und die für eine Theologie stehen, die junge Menschen nicht vor die Wahl stellt, sich zwischen einer Identität als frommer Muslim oder deutscher Staatsbürger zu entscheiden. Sondern die sie dazu ermutigt, beide Identitäten zu leben.

Im Zuge der Debatte um – nicht zwangsläufig, aber potentiell gefährliche - fundamentalistische Lesarten des Korans stehen bei der Politik die liberalen Deutungen hoch im Kurs. Solche also, die den historischem Kontext seiner Entstehung berücksichtigen und auf seine Vieldeutigkeit hinweisen. Welche Stellung haben diese Lesarten an Ihrem Zentrum?

Mouhanad Khorchide (Foto: Marie Coße)

Mouhanad Khorchide

Wir machen uns sehr stark für solche Strömungen innerhalb des Islams. Wir versuchen den Koran in seinem historischen Kontext zu verstehen, so, wie es etwa der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid getan hat. Er sieht den Koran als ein Werk, durch das Gott in menschlicher Sprache spricht. Das heißt für uns, dass wir diese Sprache untersuchen müssen. Wir müssen den historischen Kontext aus dem siebten Jahrhundert analysieren. Auf diese Weise können wir ein wortwörtliches Verständnis des Koran überwinden. Es kommt darauf an, den Geist hinter dem Buchstaben zu verstehen.

Für uns ist der Bezug auf solche modernen muslimischen Gelehrten sehr wichtig, um den Studierenden zu zeigen, dass unser Ansatz nicht exotisch ist oder einem "westlichen" Islam-Verständnis zuarbeitet.

Wie reagieren die Studierenden auf diese Zugänge?

Unterschiedlich. Eine ganze Reihe kommt mit einem relativ einfachen Islamverständnis zu uns. Dieses haben sie eher beiläufig entwickelt, etwa durch Gespräche mit Eltern oder Verwandten. Für einige Studierende ist es sehr anregend, wenn Sie entdecken, wie groß die innerislamische Bandbreite ist. Sie staunen über die Vielfalt der Strömungen, die es gibt, die Vielfalt der Argumente und Gegenargumente. Für andere hingegen ist diese Erfahrung zunächst eher irritierend. Irgendwann aber verstehen sie, wie wichtig diese Bandbreite ist, und dass es in der Theologie nicht um endgültige Wahrheiten geht, sondern darum, zu reflektieren und zu hinterfragen. Viele Studierende sehen das als anregenden intellektuellen Prozess.

Noch haben die Studierenden der Zentren für Islamische Theologie keine Abschlüsse gemacht. Wann werden die ersten Absolventen fertig sein? Und welche Berufe wollen sie ergreifen?

Die ersten Absolventen wird es Ende 2017 geben. Den Beruf des Imams empfinden viele junge Menschen allerdings als nicht sonderlich attraktiv. Unsere Studenten wollen lieber in der Wissenschaft bleiben, in einen Beratungsberuf gehen oder vielleicht als Seelsorger arbeiten.

Zudem ist die Anstellung eines Imams für viele Moscheegemeinden auch eine finanzielle Frage. Allerdings ist es problematisch, wenn die Menschen hier studieren, ihr Gehalt dann aber aus dem Ausland beziehen- und zwar ganz gleich, aus welchem Land.

Warum?

Mit dem Geld sind auch bestimmte Erwartungen verbunden. So könnten Finanziers die Richtung bestimmen wollen, in denen der Islam in den Moscheegemeinden kommuniziert wird, welches Islambild verbreitet wird und dergleichen. Darum plädiere ich dafür, dass die Imame zugleich als Religionslehrkräfte qualifiziert werden und an den Schulen unterrichten. Denn sie haben ja die entsprechende akademische Ausbildung. So könnten sie in beiden Berufen zugleich arbeiten. Durch ihre Anstellung als Lehrer sind sie sozial abgesichert und auf keine anderen Einnahmen – auch nicht aus dem Ausland – angewiesen.

Wie stehen die Chancen für die Entwicklung eines liberalen, nicht-doktrinären Islam?

Die Voraussetzung dafür ist sehr günstig weil in den islamischen Ländern der Islam viel homogener ist, als hier in Deutschland. Hier hingegen findet man alle Richtungen. Gäste aus dem Ausland sagen uns immer wieder, sie beneideten uns um unsere religiöse Freiheit und Vielfalt. Deshalb sehe ich gute Chancen, diese innerislamische Vielfalt, die eigentlich ein integraler Bestandteil der muslimischen Ideengeschichte ist, in Deutschland stark zu machen. Gefährlich wird es nur, wenn Machtapparate auf den Plan treten – und zwar auch hier in Deutschland - die diese Vielfalt reduzieren wollen und auf eine einzige Deutung des Islams hinarbeiten. Das wäre kontraproduktiv und unterliefe die Vielfalt im Islam.

Mouhanad Khorchide ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide.

Das Interview führte Kersten Knipp.