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Asien

"Wir wollen alle Namen wissen!"

Chinas bekanntester Künstler Ai Weiwei dokumentiert die Namen der Erdbeben-Opfer von Sichuan. Die Behörden blocken Fragen von Eltern nach der Sicherheit der Schulen bislang ab.

Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan (Xinhua)

Beim Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 stürzten besonders viele Schulen ein

Chinesischer Künstler Ai Weiwei

Der chinesische Künstler Ai Weiwei

Zhang Dong Mei, 15 Jahre alt, Beichuan Mittelschule. An Gang, 14, aus Dujiangyan. Li Xue Mei, 7, Nan Ba Grundschule. Wer dieser Tage den Internet-Blog von Ai Weiwei, Chinas wohl bekanntestem Künstler, anklickt, der entdeckt vor allem endlose Listen von Namen. Es sind die Namen von Schülern, die bei dem schweren Erdbeben in der südwestchinesischen Provinz Sichuan im Mai 2008 ums Leben kamen. Der Pekinger Künstler hat sich vor zwei Jahren auch in Deutschland einen Namen gemacht. Zur documenta, zur großen zeitgenössischen Kunstschau in Kassel, brachte er 1001 Chinesen mit und erregte damit landesweit Aufsehen. Als Architekt und Designer arbeitete er ausserdem an Pekings Olympiastadion, dem "Vogelnest" mit.

Keine Auskünfte

Doch mit seinem jüngsten Projekt packt er nun ein ausgesprochen heikles Thema an: Fast ein Jahr nach dem Erdbeben von Sichuan ist die Zahl der getöteten Schüler immer noch unbekannt. Die Behörden weichen den drängenden Fragen unzähliger Eltern aus. "Ich finde es unglaublich, dass wir 300 Tage nach dem schweren Beben immer noch keine richtigen Antworten haben", empört sich Ai Weiwei in seinem Atelier vor den Toren Pekings. "Was haben sie zu verstecken?" Er und sein Team wollen jetzt jeden einzelnen Namen ausfindig machen.

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Korruption und Pfusch am Bau?

Rund 80,000 Menschen kamen am 12. Mai 2008 ums Leben, als das Beben der Stärke 8 auf der Richterskala die Region erschütterte. Vor allem viele Schulen stürzten wie Kartenhäuser zusammen und begruben tausende von Kindern unter den Trümmern. Den Vorwurf, Pfusch am Bau sei für den Einsturz der Schulen zumindest mitverantwortlich, konnten die Behörden nie aus dem Weg räumen. Anfang März erklärte Wei Hong, Vizegouverneur der Provinz Sichuan, allein die Stärke des Bebens sei für den Einsturz der vielen Schulen verantwortlich. Ai Weiwei weist diese Erkärung zurück. "Wir wissen doch alle, dass Korruption eine große Rolle spielte", sagt er. Auch viele Experten haben auf den Baupfusch hingewiesen. Manchen Schulen fehlten offenbar Stahlträger oder Stützbalken. Beim Beben klappten diese Gebäude in sich zusammen während die Häuser daneben oft unversehrt blieben.

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Doch das Thema ist in China so gut wie tabu. Inländischen Journalisten wurde untersagt, darüber zu berichten. Protestierende Eltern werden von den Behörden massiv unter Druck gesetzt. Ein Bürgerrechtler aus der Provinzhauptstadt Chengdu, der sich für die Eltern eingesetzt hatte, sitzt seit Monaten in Haft. Ai Weiwei will sich nicht einschüchtern lassen. Akribisch dokumentiert sein Team von rund 30 Freiwilligen seit zwei Wochen die Namen der getöteten Schülern. Der bärtige Künstler und seine Mitarbeiter rufen selbst bei den Behörden an und verlangen Auskunft; Eltern schicken die Namen ihrer toten Kinder per E-Mail; Freiwillige sind in Sichuan unterwegs, um Namen von Opfern zu sammeln. Anfang der Woche standen bereits 2500 Namen auf der Webseite. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sagt Ai Weiwei, sondern um ein fundamentales Recht auf Information. Wenn die Behörden mauern, müsse man halt selbst aktiv werden, sagt er. "Als Bürger tragen wir Mitverantwortung, dass die Fakten ans Tageslicht kommen."

Gegen das Vergessen

Schulunterricht im Freien nach dem Erdbeben in China Sichuan

Schulunterricht im Freien nach dem Erdbeben in Sichuan

Ai Weiwei, der auch in Künstlerkreisen als Rebell und Querdenker gilt, stammt aus einer bekannten Intellektuellen-Familie. Sein Vater war der Dichter Ai Qing, einer der bekanntesten modernen Poeten Chinas. Möglichweise kann sich der 51jährige daher mehr Offenheit leisten als viele andere, ohne mit den Behörden in Schwierigkeiten zu kommen. Sein Blog war bislang noch offen zugänglich. "In China versuchen wir immer, der Vergangenheit zu entkommen, indem wir vergessen", sagt Ai. Aber genau das sei falsch. "Die Vergangenheit wird uns irgendwann einholen." Viele Chinesen scheinen ihm Recht zu geben. Innerhalb weniger Tage hätten rund 20,000 Menschen seinen Blog zumeist positiv kommentiert, sagt Ai. Der Ärger über das Verhalten der Behörden macht sich bei vielen Luft. Ein Kommentator schrieb: "Man kann den toten Kindern nur wünschen, dass sie im nächsten Leben nicht als Chinesen wiedergeboren werden."

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