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Deutschland

Wir wissen es nicht, aber sagen es trotzdem

Wirtschaftsinstitute, Unternehmen, Politiker - alle gehen in diesen Tagen mit ihren Prognosen an die Öffentlichkeit. Sie wissen schon, wo es lang geht. Aber wie war das noch mal mit den Vorhersagen des letzten Jahres?

Fernschreiber Berlin (Grafik: DW)

Die Zukunft - Shakespeare nennt sie in seinem Hamlet das "unentdeckte Land". Die Reise dorthin betrifft jeden und schon allein deswegen will der Mensch etwas über diese geheimnisvolle Region wissen - natürlich besonders diejenigen, die den Kurs dorthin vorgeben wollen: Politiker, Wirtschaftslenker und Trendsetter. Deswegen, um im Bild zu bleiben, wird die Zukunft schon jetzt ausgiebig kartographiert.

Die Fachleute blicken ziemlich optimistisch hinein in das Jahr 2011. Die Voraussetzungen sind ja auch vielversprechend. Das letzte Jahr hat ein tolles Wirtschaftswachstum gebracht, geradezu ein Jobwunder und in den meisten Vorstandsetagen sitzen optimistische Unternehmenslenker. Deutschland wird weniger Schulden machen, als der Finanzminister eingeplant hat (44 statt 48,4 Milliarden Euro) verheißt das Institut für Wirtschaftsforschung. Die Prognostiker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin erwarten ein moderates Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent.

"Die Zukunft ist offen"

Zumindest eine ist in der Bundeshauptstadt mit ihren Prognosen vorsichtiger geworden: Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Die Zukunft ist offen", sagt sie in ihrer Botschaft zum neuen Jahr - mit Verweis auf den österreichisch-britischen Philosophen Sir Karl Popper. Sie hat gelernt, denn vor einem Jahr noch hat die Kanzlerin - "ich sage es sehr offen" - für 2010 düster orakelt: "Manches wird im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es erst wieder besser werden kann." Sie lag, wie praktisch alle anderen Wirtschaftsinstitute und Fachleute, einigermaßen daneben.

Seit ihrem Anbeginn feilt die Menschheit schon an Vorhersage-Instrumenten. Vor 4000 Jahren war der Blick in die Eingeweide am zuverlässigsten, die alten Griechen vertrauten einem Orakel, im Spätmittelalter erlebte die Astrologie einen Boom. Heute stehen hinter den Vorhersagen wissenschaftliche Forschung und Computerpower. Wissen wir also mehr?

Es gibt nur wenige Dinge, die mit großer Sicherheit vorhersehbar sind: Der Gang der Gestirne, dass die FDP weiterhin einen Parteivorsitzenden haben wird, Deutschland 2011 Frauenfußballweltmeister werden kann und dass 2014 der Bundeswehreinsatz in Afghanistan erfolgreich abgeschlossen wird - egal wie es dort dann aussieht.

Würfeln reicht auch

Ansonsten: Die Zukunft ist offen. Selbst die Prognostiker geben zu, dass ihre Treffsicherheit in den letzten 20 Jahren nicht höher geworden ist. Egal, ob es sich um gesellschaftliche oder wirtschaftliche Prozesse handelt. Trotz Computer und intensiver Forschung - würfeln reicht auch. Nur die Geschichten, die die Prognostiker erzählen, sind ausgefeilter und spannender geworden. Doch je weiter sie in die Zukunft reichen, desto mehr werden sie zu anspruchsvoller Science-Fiction-Literatur.

Es gilt wohl weiterhin: Am besten erkennt man die Zukunft, wenn sie Vergangenheit wird. Richtig befriedigend ist das natürlich nicht. Wir wissen ja noch nicht einmal genau, wie die Gegenwart aussieht.

Autor: Heiner Kiesel

Redaktion: Kay-Alexander Scholz