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Kultur

Wir waren jung, neugierig und ahnungslos

Am 2. März 1969 sendete die DW das erste "Funkjournal", ein Live-Magazin mit aktuellen Informationen. DW-Pionier Dieter Wünsch erinnert sich. Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter.

Dieter Wünsch, ehemaliger Redaktionsleiter des DW-Funkjournals, später auch Chef des Deutschen Programms; Copyright: DW

Dieter Wünsch ist ein DW-Radiomann der ersten Stunde. Er gehörte viele Jahre zur Redaktion des "Funkjournals" und ging 1994 in den Ruhestand. Zwei Jahre später begann seine Tochter Silke ihre journalistische Ausbildung bei der Deutschen Welle. Heute ist sie Kulturredakteurin und wollte von ihrem Vater wissen, wie das war, damals, als es losging mit den Live-Sendungen.

Silke Wünsch: Zu Hause haben wir immer versucht, im Knistern und Rauschen unseres Kurzwellenempfängers die Sendung zu empfangen - und die Stimme unseres Vaters zu hören. Wie war das für Euch in der Redaktion? Live moderieren ist ja etwas völlig Neues gewesen!

Dieter Wünsch: Wir waren alles Nichtskönner. Bis auf den damaligen Chef. Der hat nämlich schon Moderationserfahrung gehabt. Wir anderen alle haben quasi zum ersten Mal live vorm Mikrofon gesessen. Und entsprechend nervös waren wir auch.

Habt Ihr damals gewusst, dass Ihr ein Stück Radiogeschichte schreibt ?

Nun, was die Deutsche Welle angeht, haben wir sicherlich Geschichte gemacht. Das Deutsche Programm der Deutschen Welle war ja bis dahin nur eine Art Angebot einer zentralen Redaktion. Wir belieferten alle Fremdsprachenredaktionen mit Manuskripten. Die übersetzten das dann in ihre Sprachen. Fürs deutschsprachige Radio wurden die Texte von professionellen Sprechern vorgelesen, auf Tonband aufgenommen und dann gesendet. Das war ein ziemlich langweiliges Programm - aus heutiger Sicht unerträglich.

Siegfried Berndt, ehemaliger Redaktionsleiter des DW-Funkjournals, am Mikrofon in einem Hörfunk-Studio der Deutschen Welle. Am 2. März 1969 ging das erste Funkjournal über den Sender, Berndt war damals Redaktionsleiter; Copyright: DW

Der einzige, der damals moderieren konnte, war Siegfried Berndt

Dann kam der erste große Sprung. Live-Sendungen - das war etwas ganz Revolutionäres für die Deutsche Welle. Und ich weiß, dass im Hause damals das Misstrauen herrschte, ob so was überhaupt funktionieren könnte. Aber es klappte!

Mit welchen Schwierigkeiten hattet Ihr denn zu kämpfen?

Zunächst mal hatte unser Chef mit den ersten Moderatoren zu kämpfen; die kamen aus allen Abteilungen des Deutschen Programms. Da musste sogar unser Musikredakteur live ans Mikro. Wir mussten erst mal alle lernen und unser Chef hat mit uns Moderationskurse gemacht, damit wir nicht so ganz ins kalte Wasser sprangen. Aber es war schon ziemlich grässlich, was wir da auf unsere Hörer losgelassen haben.

Gab es damals so etwas wie einen persönlichen Stil der Kollegen am Mikrofon?

Jeder Moderator hat gedacht: Ich muss mich dem Hörer mit meiner eigenen Zwischenmusik zu erkennen geben. Da gab es welche, die haben Schlager aus den 20er, 30er Jahren bevorzugt, andere spielten Ragtime. Ich spielte immer "Birth of the Blues", weil ich ein alter Jazzer war. Die Hörer haben sich zunächst einmal gewundert, was da auf sie zukam. Die meisten waren aber positiv gestimmt, weil sie auf einmal aktuelle Sendungen bekamen, Informationen über das, was in Deutschland und um Deutschland herum passierte. Aber es gab natürlich auch heftige Kritik an den Zwischenmusiken. Diese Kritik an der Musik hat sich eigentlich die ganzen folgenden 20 Jahre, so lange das Funkjournal nicht auf Musik verzichtete, fortgesetzt. Was sicherlich auch daran lag, dass Musik über Kurzwelle schwer erträglich war.

Dieter Wünsch, ehemaliger Redaktionsleiter des DW Funkjournals, bei der Arbeit; Copyright: DW

Dieter Wünsch bei der Arbeit

Wusstet Ihr eigentlich, für wen Ihr dieses Programm da gemacht habt? Hattet Ihr eine Vorstellung von dem, was heute so schön Zielgruppe heißt?

In der Anfangszeit wussten die Redakteure des Deutschen Programms nicht sehr viel darüber, wer uns eigentlich hörte. Das kam erst später, nachdem dann eine richtige Hörerpost-Abteilung gegründet worden war. Die Zuschriften wurden gelesen und daraufhin abgecheckt, wer uns da schrieb. Sind es die Auswanderer, die vor dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika ausgewandert sind, oder sind es diejenigen, die NACH dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert sind? Man kann sich vorstellen, das waren zwei sehr unterschiedliche Gruppen: die einen sind vor den Nazis geflohen, und die anderen waren – ich drücke es mal vorsichtig aus – vor den Umständen nach dem Zweiten Weltkrieg geflüchtet. Diese konträren Gruppen haben merkwürdigerweise im Ausland, in der fremden Umgebung, zusammengefunden. Das war schon erstaunlich.

Yachtboy 400, KW-Radio,

Der "Yachtboy": Ein Klassiker unter den Kurzwellenradios

Und dann waren da natürlich die, die im Ausland gearbeitet haben, Ingenieure, Missionare, auch Touristen. Die hatten natürlich unterschiedliche Vorstellungen von dem, was sie von uns hören wollten. Wir mussten unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen.Und das haben wir später auch geschafft.

Ich stelle mir ja immer vor, dass damals in den 1960ern und 70ern bei Redaktionskonferenzen aufgeregte Journalisten mit großen schwarzen Brillengestellen rauchend vor überfüllten Aschenbechern saßen, die Zeitungen und Tickermeldungen durchgingen und überlegten: was bringen wir heute im Programm – war das so?

Nein, so war es eigentlich nicht. Wir waren eine junge Truppe. Wir waren von Natur aus neugierig und begeistert von dem, was wir machen konnten und durften. Wir waren ernsthafte Journalisten, aber wir waren auch unverkrampfte Journalisten.

Ich erinnere mich daran, als ich noch Leiter des Funkjournals war, dass zu meiner Mittagskonferenz immer ein Fläschchen Wein da stand, für diejenigen, die Frühdienst hatten und nach der Mittagspause nach Hause fuhren. Das machte das Ganze ein bisschen geselliger, ein bisschen lockerer, es wurde nicht mit "geballter Braue" herum diskutiert, sondern es wurde einvernehmlich ein Programm hergestellt.

Foto zeigt den am 5. September 1977 von der RAF entfuehrten Arbeitsgeberpraesidenten Hanns-Martin Schleyer. Am 8. Oktober geht ein RAF-Foto des entfuehrten Schleyer um die Welt - mit dem Schild und der Aufschrift Seit 31 Tagen Gefangener um den Hals erhoeht die RAF ihren Druck, um ihre inhaftierten Fuehrer Baader, Enslin und Raspe freizupressen. Zu dem Bild wird ein Brief Schleyers veroeffentlicht, in dem ein Dahinvegetieren in stndiger Ungewissheit beklagt wird. (AP-Photo/HO)

RAF-Opfer Hanns-Martin Schleyer

Gute 25 Jahre lang hast Du Radio gemacht, in dieser Zeit ist ja eine Menge in der Welt passiert. Welche Ereignisse sind Dir am deutlichsten in Erinnerung geblieben?

Das waren die schlimmen Tage und Nächte zwischen der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu. Da habe ich tatsächlich in der Redaktion geschlafen. Auf einer Liege. Wir mussten ja jederzeit damit rechnen, dass eine Wendung in diesem Geschehen stattfand. Damals haben wir auch nachts durch gesendet.

Was ich auch nie vergessen werde: 1972 in München der Überfall auf die israelischen Sportler. Es war ja eine unglaublich fröhliche Veranstaltung, diese olympischen Spiele dort, und dann brach dieses blutige Chaos über diese sportlichen Festspiele herein. Da haben wir fast geheult, ein paar von uns haben es sicherlich auch getan.

Ich habe 1989 mit einer Deiner Kolleginnen O-Töne vom Massaker in Peking abgehört und geschnitten. Wie Studenten weinend berichteten, was sie da gesehen haben. Da haben wir beide im Studio gestanden und tatsächlich geheult.

Warum denn auch nicht? Man sollte sich als Journalist gar nicht scheuen, auch Emotionen zu zeigen. Auch Journalisten sind Menschen.

Dieter Wünsch, ehemaliger Redaktionsleiter Funkjournal und Chef des DP ist seit 1994 im Ruhestand. Hier blättert er in einer Mappe mit alten Fotos aus der Redaktion ; Copyright: DW/Silke Wünsch

Vater im Ruhestand

Wie sieht denn nun ein alter Hase wie Du, der von Anfang an mit dabei war, das Ende des deutschen Auslandsrundfunks, sprich: die Einstellung der Kurzwellenausstrahlung?

Es ist eine Entwicklung, die so kommen musste. Der Deutsche Welle-Hörfunk hat sich mit dem Fernsehen zunächst selbst Konkurrenz gemacht. Wir haben das auch mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge gesehen. Aber eine solche Entwicklung kann man nicht aufhalten.

Die Kurzwelle hinkt einfach anderen technischen Entwicklungen hinterher. Man mag das vielleicht bedauern. Aber es gibt eben auch Entwicklungen beim Publikum. Die vorhin erwähnten Auswanderergenerationen, die gibt es ja nicht mehr. Deren Kinder und Kindeskinder haben sich längst assimiliert, die brauchen die Deutsche Welle nicht mehr.

Silke Wünsch bei einer Redaktionssitzung, Foto DW / Christel Becker-Rau 2009

Tochter bei der Arbeit

Wer uns dann noch hörte, das waren die Hörer auf Zeit, Reisende, Beschäftigte im Ausland. Und die haben meiner Meinung nach nicht mehr das große Interesse an der Kurzwelle. Die informieren sich über andere Medien. So ist das nun mal.


Das Gespräch führte Silke Wünsch
Redaktion: Cornelia Rabitz