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Kultur

"Wir sollten weiter kämpfen!" - Wie ukrainische Studenten die Zukunft ihres Landes sehen

Dass der Gegner aus den Tagen der orangenen Revolution, Viktor Janukowitsch, wieder Ministerpräsident der Ukraine ist, war für viele ein Schock. Doch Frust ist bei den dortigen Studenten nicht zu spüren.

Eine Straße voller Menchen mit orangenen Kleidungsstücken

Die orangene Revolution

Die westukrainische Stadt Lwiw (Lemberg) ist eine Hochburg von Präsident Viktor Juschtschenko. Gerade hier hatte die Rückkehr Janukowitschs in die Regierungsgeschäfte für viel Aufregung gesorgt. Auch viele Studenten der renommierten Universität sehen diese politische Konstellation skeptisch, denn sie sind wochenlang für Juschtschenko und gegen Janukowitsch auf die Straße gegangen. Sie schauen aber optimistischer in die Zukunft.

Menschen demonstrieren mit verschieden orangenen Kleidungsstücken bekleidet.

Juschtschenkos Anhänger

Oxana und Halyna studieren seit drei Jahren an der altehrwürdigen Universität Lwiw im Westen der Ukraine. Die Eingangshalle strahlt Traditionsbewusstsein und Strenge aus - die Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wie jeden Morgen eilen Oxana und Halyna zu ihren Klassenzimmern am Lehrstuhl für Germanistik. Die beiden sind erst 20 Jahre alt, haben aber schon eine Revolution hinter sich, bei der sie voll mitgemischt haben - für Viktor Juschtschenko. Inzwischen ist längst wieder Ruhe eingekehrt an der Uni, und eine gewisse Ernüchterung hat sich breitgemacht.

Kein Platz für Enttäuschung

"Nach dieser Revolution hören wir sehr oft, dass viele Leute enttäuscht sind. Aber solche Gedanken gehen mir - ehrlich gesagt - auf die Nerven, weil ich immer höre: Oh, ich bin enttäuscht! Wir haben nicht die Regierung, die wir wollen, wir haben nichts, nicht mehr Geld. Aber ehrlich gesagt: Die Leute wollen alles, und alles auf einmal, aber sie wollen nicht viel dafür tun", meint Oxana.

Die Studentinnen Oxana und Halyna aus Lemberg

Die Studentinnen Oxana und Halyna aus Lemberg

Sie hat überhaupt keine Lust, alles negativ zu sehen - nicht nach diesem aufreibenden Kampf, nach den vielen Demonstrationen im vorletzten Winter. Damals ist sie nach Kiew gefahren, um Juschtschenko zu unterstützen - und diese ganz besonderen Tage wird sie nie vergessen: "Es war kalt, sehr kalt, und es waren sehr viele Menschen da. Aber die Atmosphäre war einfach wunderbar. Wenn jemand etwas brauchte - Essen oder Kleidung - dann waren alle Leute bereit, etwas zu geben und einander zu helfen."

Diese Erfahrung hat das Land zum Guten verändert, meinen die beiden Studentinnen aus Lwiw. Keiner müsse mehr Angst haben, seine politische Meinung zu sagen. Halyna war erst kürzlich wieder auf der Straße, als Präsident Juschtschenko nach Lwiw kam. "Eigentlich habe ich gedacht, dass die Menschen enttäuscht sind, aber so ist es nicht. Als er nach Lwiw gekommen ist, waren genauso viele Menschen auf der Straße wie während der Revolution. Als er kam, begannen alle zu klatschen und zu schreien: Wir sind für Juschtschenko! Wir haben also noch Hoffnung", erzählt sie.

Viktor Juschtschenko im Porträtbild.

Viktor Juschtschenko

Halyna und Oxana sind nicht gerade glücklich über die bisherige Regierungsbilanz ihres Präsidenten, aber vom Jammern halten sie ebenso wenig wie von pauschalen Schuldzuweisungen an die Politiker im fernen Kiew. Die Erfahrung, dass sie selbst etwas bewegen können, hat sie geprägt. So denkt Oxana, dass sie weiterkämpfen sollen: "Wenn wir selbst etwas dafür tun, dann können wir gemeinsam etwas erreichen - unabhängig davon, wer jetzt Premierminister ist."

Chance für Janukowitsch

Dass Viktor Janukowitsch, dessen Partei bei der Präsidentenwahl massive Wahlfälschungen vorgeworfen wurden, jetzt die Regierung führt, finden die beiden angehenden Germanistinnen schon ein wenig bedrückend. Aber sie geben sich pragmatisch und finden, dass er eine Chance verdient hat. "Er ist vielleicht nicht so angenehm als Person, als Mensch. Aber wenn er professionell ist und jetzt weiß, was zu tun ist, dann ist es vielleicht besser", glaubt Oxana. Der Ost-Ukrainer Janukowitsch habe inzwischen die Interessen des gesamten Landes stärker im Blick, um sich für die nächste Präsidentschaftswahl zu positionieren, meinen Oxana und Halyna. Von der Wiederwahl Juschtschenkos sind die beiden nicht überzeugt.

Viktor Janukowitsch spricht vor einem Rednerpult.

Viktor Janukowitsch

"Nach Deutschland nur zum Spaß"

"Ob Juschtschenko bleibt - vielleicht nicht. Aber jetzt können wir unsere Wahl freier treffen", findet Halyna. Ihre Freundin ist sich sicher, dass es für Juschtschenko die letzten zwei Jahre sind. "Es ist für ihn unmöglich, weiter als Präsident zu arbeiten, denn zu viele Leute sind enttäuscht. Sie werden ihn jetzt nicht mehr so stark unterstützen wie während der Revolution", erklärt Oxana. Von der Politik erwarten die Studentinnen vor allem, dass sie das Wirtschaftswachstum fördert. Weniger wichtig ist für sie, dass die Ukraine sich um den Beitritt zur Europäischen Union bemüht. Dieses Ziel halten sie zur Zeit für unrealistisch. Sie würden zwar irgendwie in Europa sein wollen, nicht nur geographisch.

Aber verschiedene Beziehungen mit anderen Ländern erscheinen ihnen auch wichtig. "Ich denke, dass wir jetzt in der Ukraine zu viele Probleme haben, um auch noch mit der EU Probleme zu haben", glaubt Oxana. Lieber wäre es ihr, wenn sie problemlos nach Deutschland reisen könnte, seufzt sie: "Für uns ist es sehr schwer, ein Visum für Deutschland zu bekommen. Vor der Botschaft steht eine lange Schlange. Wir sollen auch beweisen, dass wir nur zum Spaß und nicht zum Arbeiten hinfahren, und das ist wirklich sehr unangenehm." Da Oxana und Halyna Deutsch, Englisch und Polnisch sprechen, könnten sie wie viele ihrer Landsleute im Ausland arbeiten, aber das reizt sie gar nicht. Beide wollen unbedingt in der Ukraine bleiben und glauben fest daran, dass es weiter aufwärts gehen wird - langsam, aber stetig.

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  • Datum 06.10.2006
  • Autorin/Autor Nina Werkhäuser
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9DNc
  • Datum 06.10.2006
  • Autorin/Autor Nina Werkhäuser
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