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Nahost

"Wir sind unter die Räuber gefallen"

Fünf Deutsche, die an Bord der Hilfsflotte für Gaza waren, sind wieder zurück. Für sie ist der Angriff der Israelis auf den Hilfskonvoi "ein klarer Akt der Piraterie".

Eine Foto der israelischen Streitkräfte zeigt die Vorbereitung der Militäraktion im Mittelmeer (Foto: Israeli Defense Forces)

Eine Foto der israelischen Streitkräfte zeigt die Vorbereitung der Militäraktion im Mittelmeer

Sie wirken erschöpft. Die fünf Deutschen, die an Bord des Schiffes waren, das die israelische Armee am Montag (31.05.2010) gestürmt hat, stehen mit blassen Gesichtern vor der knallroten Pressewand der Linken-Fraktion im Deutschen Bundestag. Zwei Abgeordnete, ein ehemaliger Abgeordneter, ein Arzt und ein Vertreter der palästinensischen Gemeinde in Deutschland. Der Völkerrechtler und ehemalige Abgeordnete Norman Paech trägt eine blaue Decke um die Schultern. Die habe er im Flugzeug auf der Heimreise bekommen, um sich zu wärmen, entschuldigt er sich. Sonst habe er nichts mehr. Die israelischen Soldaten hätten ihm nur die Kleider gelassen, die er am Leib trug, eine Hose und ein T-Shirt.

"Klarer Akt der Piraterie"

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Norman Paech (Foto: DPA)

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Norman Paech war an Bord der Hilfsflotte für Gaza

Norman Paech ist zornig. "Wir sind im Grunde unter die Räuber gefallen", sagt er. Der Überfall der israelischen Kommandos, die das türkische Schiff Mavi Marmara von Hubschraubern und Schnellbooten aus geentert hatten, sei ein klarer Akt der Piraterie gewesen. Er sei gespannt, wie Bundesregierung und Parlament, die sich so engagiert gegen die Piraterie am Horn von Afrika einsetzten, darauf reagieren würden.

Waffen, wie von den Israelis behauptet, habe es an Bord nicht gegeben, fügt Paech hinzu. Er selbst habe nur zwei Holzstöcke gesehen, aber weder Messer noch Äxte. Da er selbst nicht an Deck gewesen sei, als die Soldaten das Schiff enterten, könne er jedoch nicht ausschließen, dass auch andere Waffen eingesetzt worden seien, wie etwa Eisenstangen. Während der Vorbereitung auf die Reise und die erwartete Behinderung durch die israelische Armee habe man definitiv keine Waffen eingesetzt und auch ihren Einsatz nicht geplant.

"Verstoß gegen das Völkerrecht"

Paech hatte sich zusammen mit den anderen Männern unter Deck aufgehalten, auf dem sogenannten Männerdeck, als morgens um 4.30 Uhr die Erstürmung des Schiffes begann. Die Frauen seien eine Etage tiefer gewesen, auf dem Frauendeck, berichtet die Bundestagsabgeordnete Inge Höger: "Wir Frauen sind relativ schnell in der Nacht eingeschlossen worden. Wir konnten nicht mehr raus. Wir wussten nicht, was da los ist, wir waren eingeschlossen."

Wer die Frauen eingeschlossen hat, ob es die Organisatoren selbst waren oder die israelischen Soldaten, das wissen Inge Höger und ihre Kollegin Annette Groth nicht. Irgendwann habe man sie herausgelassen und sie auf das Männerdeck gebracht. Dort seien sie erst gefilzt und dann mit Kabelbindern gefesselt worden. Erst am Abend, im Hafen von Ashdod, durften sie telefonischen Kontakt mit Vertretern der deutschen Botschaft aufnehmen, so Inge Höger. Die Erstürmung des Schiffes und die Behandlung der Menschen an Bord seien ein Verstoß gegen das Völkerrecht, genau so wie die Blockade des Gazastreifens. "Wir haben durch unsere Aktion darauf hinweisen wollen, dass das völkerrechtwidrig ist, und wir finden es eigentlich unerträglich, dass erst sechzehn oder neunzehn Menschen sterben mussten, bis hier Interesse für eine solche völkerrechtswidrige Blockade entsteht."

Forderung nach Stellungnahme

Wie viele Tote und Verletzte es genau gab, wissen auch die fünf Deutschen nicht, die auf der Mavi Marmara waren, als sie von israelischen Kommandos geentert wurde. Er selbst habe vier Leichen gesehen, berichtet Matthias Jochheim, stellvertretender Vorsitzender der Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs, IPPNW. Alle seien durch Schüsse umgekommen. Die Organisatoren hätten von mindestens 15 und bis zu 19 Toten gesprochen. Etwa zwanzig Menschen seien vermisst worden. Es sei möglich, dass der eine oder andere im Getümmel ins Meer gestürzt sei. Einige der sechs noch vermissten deutschen Gaza-Aktivisten sitzen wahrscheinlich im Gefangnis in Ber Scheva. Die zurückgekehrten Linken-Politiker erwarten nun von der Bundesregierung, dass sie entschieden Aufklärung fordert und alles tut, damit die Blockade gegen den Gazastreifen aufgehoben wird.

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Anne Allmeling