″Wir sind tot, aber wir atmen noch″ | Nahost | DW | 06.04.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

"Wir sind tot, aber wir atmen noch"

Die Frauen in der syrischen Stadt Rakka leiden massiv unter der Unterdrückung durch die Terororganisation "Islamischer Staat". Die DW hatte exklusiven Zugang zu einigen Frauen und sprach mit ihnen über ihren Alltag.

Das pulsierende Leben ist verschwunden, seitdem der "Islamische Staat" die Stadt Rakka im Nordosten von Syrien eingenommen hat. Fröhlichkeit und Lebendigkeit wurden abgelöst von Dunkelheit. Die Kleidung von Männern und Frauen, die Mauern, die Gebäude, die Spruchbänder - alles ist jetzt schwarz. Nachdem der IS seine Version der Scharia eingeführt hat, sehen alle gleich aus.

Eine 25-Jährige, die Hala genannt werden möchte, sprach mit der Deutschen Welle über ihr Leben in der zerstörten Stadt und wie sie mit den Regeln des IS umgeht. "Ich habe mein ganzes Leben in Rakka gelebt und an der Universität studiert. Meine Seele ist an diese Stadt gefesselt", sagt Hala. Sie sei nicht wirklich liberal gewesen, aber habe genug Freiheiten gehabt. "Ich trug kein Hidschab und das war kein Problem." Aber all das hat sich geändert, seitdem der IS die Stadt erobert und zur Hauptstadt seines Gebietes in Syrien und dem Irak erklärt hat.

Immer mehr Einschränkungen

Zuerst wurde den Frauen befohlen, schwarze Gesichtsschleier zu tragen, die den kompletten Kopf bedecken - zusammen mit schwarzen Handschuhen und lockerer dunkler Kleidung. Schon bald wurde es schlimmer: Frauen wurde vorgeschrieben, nur noch Schwarz zu tragen. Auch Parfum und lautes Sprechen auf Märkten wurde verboten. Die neuen Regeln schrieben auch die Form der Schuhe und sogar den Gang vor. Die Dschihadisten schlossen Schulen und Universitäten. Frauen durften die Stadt nicht mehr ohne einen männlichen Verwandten verlassen. Und schließlich untersagten sie es den Frauen, außerhalb der Stadt zu studieren.

Syrien IS Soldaten in Raqqa

Der IS übernahm die Kontrolle über Rakka, nachdem sich die syrischen Streitkräfte 2013 zurückzogen

"Sie gründeten die Khansa-Brigade, die damit beauftragt wurde, nach Frauen zu suchen, die die Regeln brechen - auf den Straßen, in den Märkten und sogar in deren eigenen Häusern", erzählt Hala. Die Brigade sei unter anderem gedacht für ausländische Frauen, die nach Syrien kommen, um für den IS zu kämpfen. "Sowie für IS-Kämpfer, die nichts Besseres zu tun haben, als sich in das Leben von Frauen einzumischen." Hala erinnert sich, dass sie mehrmals verwarnt wurde, weil sie nicht ordnungsgemäß gekleidet war. Am Ende hasste sie es, aus dem Haus zu gehen. "Ich habe mehrere Frauen gesehen, die auf dem Markt mit Stöcken geschlagen wurden. Manche von ihnen wurden verhaftet, weil sie nicht islamisch gekleidet waren", erinnert sich die 25-Jährige. Ihr Zuhause ist zu einem Gefängnis geworden, zu einem Grab.

Veränderte Normen und Traditionen

Der IS machte bei den Frauen von Rakka nicht halt. Er versuchte auch, Regeln und Traditionen in der Stadt so zu verändern, dass sie der eigenen Interpretation der Scharia entsprachen. "Ich träumte davon, jemanden zu heiraten, den ich liebe. So wie ein normales Mädchen. Aber die Dinge haben sich geändert", sagt Hala. Wer heiraten möchte, müsse zuerst von der Mutter oder Schwester des Mannes begutachtet werden. "Ich wäre niemals in der Lage, ihn alleine zu sehen oder mit ihm zu sprechen. Erst nach der Hochzeit kann ich ihn sehen", erklärt Hala.

Als alleinstehende Frau waren ihre Optionen sehr begrenzt. Deshalb beschloß Hala zu heiraten - auch wenn das bedeutete, es auf dem traditionellen Weg zu tun. Sie sagt, das sei die einzige Möglichkeit gewesen, ihr Leben zu ändern.

Hala ist nicht allein. Viele junge Frauen sind gezwungen zu heiraten, um ein neues Leben zu finden. Und um dem Horror zu entfliehen, einen IS-Kämpfer heiraten zu müssen. Aber selbst nach der Hochzeit bleiben Märkte verboten und alleinige Spaziergänge sind undenkbar.

Frauen in Rakka Syrien

Frauen müssen sich komplett verschleiern mit einem schwarzen Niqab

Ausgepeitscht und verhaftet

Rim G. wohnt nicht weit von Halas Haus entfernt. Seit der IS an der Macht ist, ist ihre Familie finanziell abgestürzt. Nach einem Luftangriff mussten sie ihr Zuhause verlassen. Einer ihrer Brüder wurde getötet. Die 21-Jährige lebt zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern. Das Englischstudium musste sie nach nur einem Jahr beenden, erzählt sie der DW. Der IS schloss die Universität und ihre Eltern können es sich nicht leisten, sie woanders ihr Studium beenden zu lassen.

Anstelle von Schulen und Universitäten führte der IS sogenannte Foren für junge muslimische Frauen ein. Dort lernen sie die Ideologie der Islamisten und wie sie deren Botschaften verbreiten sollen. In den Foren werden zudem Mitglieder für die berüchtigten Khansa-Brigarden rekrutiert sowie für die Medizin- und Pflegeschulen des IS angeworben. Dort wird Frauen beigebracht, wie sie die Wunden und Verletzungen der IS-Dschihadisten während der Kämpfe und Bombardements behandeln.

"Vor all dem können wir nicht fliehen. Und als ältestes Kind war ich gezwungen, eine Arbeit zu suchen. Ich arbeitete in einem Bekleidungsgeschäft für Frauen im Zentrum von Rakka, bis eine Patrouille der Scharia-Polizei den Laden durchsuchte, mich und den Besitzer verhaftete und uns der Promiskuität beschuldigte. Wir wurden ausgepeitscht", erzählt die junge Frau. Der Grund: Frauen dürfen nicht mit einem Mann zusammenarbeiten, mit dem sie nicht verwandt oder verheiratet sind. Im Gefängnis wurde sie so hart geschlagen, dass sie wochenlang nicht auf dem Rücken schlafen konnte.

Frauen in Rakka Syrien

Rakka liegt etwa 100 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt

"Ich lächle in den Spiegel, nur um es nicht zu vergessen"

Nach dieser Erfahrung hasste Rim alles in Rakka und versuchte zu fliehen. Aber die Kontrollstellen des IS in den Außenbezirken erlauben es niemanden ohne Sondererlaubnis, die Stadt zu verlassen. Rim versuchte auch über den ländlichen Norden der Stadt zu entkommen, der von der Kurden-Miliz YPG kontrolliert wird - dem IS in grün, wie die Einheimischen sagen. Aber Rim scheiterte erneut, weil sie niemanden hatte, der für sie bürgen konnte.

Jetzt arbeitet die 21-Jährige zusammen mit Mutter und Schwester zu Hause als Schneiderin. Sie sagt, sie habe aufgehört, irgendetwas zu fühlen. Sogar das Lächeln sei eine Seltenheit. "Ich stehe oft vor dem Spiegel und lächle oder lache, nur um es nicht zu vergessen. Ja genau, ich lache über mein Unglück. Wir sind tot, aber wir atmen noch."

Aus Sicherheitsgründen möchten sowohl die Gesprächspartner in diesem Text als auch der Autor anonym bleiben.

Die Redaktion empfiehlt