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Kultur

"Wir sind isoliert worden"

Schwule kamen nach dem Papst-Tod kaum zu Wort. "Die römische Kirche trägt für homosexuelle Menschen die Züge einer bösen Stiefmutter", sagt Sergio Lo Guidice, Präsident des italienischen Homosexuellen-Verbandes Arcigay.

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Sergio Lo Giudice, Präsident von Arcigay

DW-WORLD: Der Tod des Papstes ist ein mediales Massenerlebnis. Fühlen Sie sich als Teil der Trauergemeinde oder eher isoliert? Sergio Lo Guidice: Homosexuelle sind durch die harten und traditionalistischen Positionen des Papstes innerhalb der italienischen Gesellschaft isoliert worden. Die Entschuldigung des Papstes an diskriminierte Minderheitengruppen im Jahr 2000 hat homosexuelle Menschen ausgeklammert. Diese Ablehnung hat bei vielen ein soziales Unbehagen erzeugt – das Gefühl nicht dazuzugehören. Das ist jetzt im Rahmen der Trauerfeierlichkeiten wieder sehr spürbar.

Papst Johannes Paul II. wird von einigen Medien und Vertretern des Vatikans schon "der Große" genannt. Sind Sie mit dieser Bezeichnung einverstanden?

Johannes Paul II. war eine bedeutende weltpolitische Figur und seine Haltungen zum Krieg und seine Kritik am Raubtierkapitalismus sind besonders hervorzuheben. Seine Einstellungen zur Sexualmoral waren jedoch reaktionär. Von der Familienpolitik bis zur Homosexualität, von Geburtenkontrolle bis zur Rolle der Frau hat er streng konservative Ziele verfolgt. Die notwendige Entwicklung der Kirche ist so mehr als 25 Jahre lang blockiert worden.

Ist die Kirche in Italien denn immer noch für die Stigmatisierung der Homosexualität verantwortlich?

Aber selbstverständlich. Das Macho-Gehabe, das den italienischen Männern so eigen ist und das sich besonders durch homophobes Gehabe äußert, gehört immer mehr der Vergangenheit an. Was bleibt, ist die italienische Anomalie – ein Land, das stark unter der Einmischung des Vatikans in die öffentliche Sphäre, besonders die Politik, leidet. Die Institutionen haben weiterhin Schwierigkeiten, die Trennung von Staat und Kirche effektiv zu praktizieren.

Wie leben homosexuelle Katholiken ihren Rollenkonflikt?

Ich bin nicht gläubig, aber ich weiß von den Problemen homosexueller Katholiken, die unter der Ablehnung ihrer Kirche leiden. Diese Paradoxie ist noch unverdaulicher, wenn man bedenkt, dass promiskuitives Verhalten gebeichtet und verziehen werden kann, während für eine feste homosexuelle Partnerwahl das Prinzip "Ego te absolvo" nicht gilt. Die römische Kirche trägt für homosexuelle Menschen somit die Züge einer bösen Stiefmutter.

Glauben Sie, dass der nächste Papst die ethischen Zwänge, die sich im Zusammenhang mit der Homosexualität für die Kirche stellen, lösen kann?

Ich bin davon überzeugt, dass die katholische Kirche die Fragen der Moralethik früher oder später neu betrachten und analysieren muss – von der Sexualität bis zur Gentechnologie. In nächster Zeit verspreche ich mir jedoch keine revolutionären Änderungen von einem neuen Papst. Aber es bleibt abzuwarten, wem das Amt zugeteilt wird. Unter den Kandidaten sind auch einige, die zum Thema Sexualmoral weitaus progressiver erscheinen als Johannes Paul II. Der Kardinal Silvano Piovanelli hat vor ein paar Monaten sogar erklärt, dass die Anerkennung der Homosexualität Ausdruck des Respekts vor der Person, ihrer uneingeschränkten menschlichen Würde und Freiheit aber auch notwendiges Mittel sei, im Kampf gegen jede Form von Diskriminierung.

Warum sind die italienischen Vertretungen der Homosexuellen, was die Forderung nach Bürgerrechten, wie zum Beispiel Eheschließung angeht, viel moderater als die Verbände in Deutschland und Frankreich?

Wir müssen einfach die kulturellen Grenzen Italiens in unsere Politik mit einkalkulieren. Für diese Grenzen ist die Kirche mitverantwortlich. Der große Unterschied zwischen Italien und anderen katholischen Ländern wie Spanien und Portugal ist der Mangel an einer klaren Trennung zwischen Staat und Kirche. Auch die italienische Linke ist größtenteils unwillig, den Homosexuellen das Eherecht zuzugestehen, da sie den Fluch der Bischöfe fürchten. Wir haben uns deshalb entschieden, solche Rechte zu fordern, die momentan realisierbar sind, wie die gesetzliche Anerkennung fester homosexueller und heterosexueller Partnerschaften, die es inzwischen in den meisten europäischen Ländern gibt. Es wäre doch völlig utopisch, zu erwarten, dass Italien, nach Holland und Belgien, das dritte europäische Land wird, das homosexuellen Paaren das Recht zur Eheschließung zugesteht.

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