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Europas Kulturhauptstädte

"Wir sind ein bisschen verrückt"

Die Kulturhauptstädte feiern sich selbst: 25 Jahre alt ist die Idee, jedes Jahr eine Stadt zum kulturellen Zentrum Europas zu erklären. Bei der Geburtstagsparty in Brüssel wurden Konzepte für die Zukunft diskutiert.

Androulla Vassiliou (Foto: Bernd Riegert DW)

Europas oberste Kulturfunktionärin: Androulla Vassiliou

Robert Palmer, kreativer Kopf hinter den EU-Kulturhauptstädten Glasgow 1990 und Brüssel 2000, findet, dass jede Stadt, die sich um den prestigeträchtigen Titel "Kulturhauptstadt" bewirbt, ein bißchen verrückt sein muss. So viel Arbeit, Chaos, aber auch kultureller Ehrgeiz stecke in den Programmen der bislang über 40 Kulturhauptstädte: "Eine Kulturhauptstadt zu managen heißt, einen Vulkan, ein Erdbeben oder einen Waldbrand steuern zu wollen. Das ist ein Vulkan, aus dem Erwartungen, Ideen, Ansprüche und Eitelkeien herausgeschleudert werden. Diese Lava nimmt dann einen Weg, der nicht vorhergesagt werden kann und der in jeder Kulturhauptstadt anders ist."

Robert Palmer, Direktor der Europäischen Kulturhauptstadt Glasgow 1990 und Brüssel 2000 (Foto: Bernd Riegert, Deutsche Welle)

Robert Palmer: "Kulturhauptstädte sind wie Vulkane"

Programm wurde mit einem Kuss besiegelt

1984 haben die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri und ihr französischer Amtskollege Jack Lang die Kulturhauptstadt angeblich bei einer Zwischenlandung auf einem Flughafen erfunden. Sie besiegelten ihren Plan per Handschlag und mit einem Kuss, berichtet Robert Palmer, der die Geschichte der Kulturhauptstädte aufgeschrieben hat. 1985 war Athen die erste Kulturhauptstadt. In diesem Jahr laden Essen, Pécs und Istanbul zu umfangreichen Programmen. Für die EU-Kommissarin für Kultur, Androulla Vassiliou, ist das Programm wichtig, weil es den Europäern die Vielfalt ihres kulturellen Erbes deutlich mache. Manche Städte würde sich erst im Zuge der Bewerbung mit ihrem Erbe auseinandersetzen und nachhaltige Konzepte zur Kulturförderung entwickeln. "Die Investionen, um Kulturhauptstadt zu werden, sind sehr groß, aber der Gewinn ist es natürlich auch", sagte die EU-Kulturkommissarin am Dienstag (23.03.2010) der Deutschen Welle in Brüssel.

Für die Zukunft versprach die Kulturkommissarin eine noch stärkere Betreuung und Begleitung der Städte im Bewerbungsverfahren und in der Vorbereitung. Mittlerweile vergehen sechs Jahre von der Nominierung bis zum tatsächlichen Start des Kulturhauptstadtjahres. Die Zahl der Bewerber wird immer größer. In Deutschland wollten 18 Städte Kulturhauptstadt werden. Schließlich wurde Essen von einer Expertenkommission ausgewählt.

Martin Heller, künstlerischer Direktor Europäische Kulturhauptstadt Linz (Foto: Bernd Riegert Deutsche Welle)

Martin Heller zeigte in Linz Klangwolke und Kunststoff-Kängäruh

Eigennutz als Hauptmotiv

Seine Stadt Linz in Österreich habe von dem Titel Kulturhauptstadt 2009 sehr profitiert, glaubt Martin Heller, künstlerischer Direktor der Kulturhauptstadt Linz. Die vernachlässigte Kleinstadt sei auf die europäische Landkarte katapultiert worden und habe viele Gäste von außen angezogen. Auch nach innen habe der Titel unglaubliche Energien freigesetzt und die Bürger stolz auf ihre Stadt gemacht.

Die Grundmotivation für eine Bewerbung sei Egoismus, glaubt Heller. "Es geht nicht um Altruismus, wo man sagt, wir opfern uns für die Seele Europas auf. Das ist alles Mist, sondern es geht um wir für uns." Die europäische Komponente komme erst später. Wenn auf dem Hauptplatz in Linz nicht nur Österreichisch, sondern viele Sprachen gesprochen würden, dann sei das eine Bereicherung für die Bürger, so Heller. Dieses Lebensgefühl sei wichtiger als die strategischen und politischen Überlegungen der EU, die hinter der Kulturhauptstadt stecken mögen, so der ehemalige Direktor der Kulturhauptstadt Linz.

Zeche Zollverein im Abendlicht (Foto: Roland Weihrauch dpa/lnw)

Zeche Zollverein in Essen, Kulturhauptstadt 2010

Barroso: Kultur ist nicht nur Wirtschaftsfaktor

Einer der Chefstrategen der EU ist der Präsident der Kommission, José Barroso. Er sagte den Vertretern der gewesenen und künftigen Kulturhauptstädte auf der Feier, Europa lebe aus den Städten und Gemeinden heraus. Sie seien die wichtigsten Keimzellen und Kraftzentren. Ohne funktionierende Städte gäbe es keine Wirtschaftswachstum und auch keine Kultur. "Kultur ist eine eigenständige menschliche Aktivität. Sie ist nicht nur ein Standort-, Wirtschafts- oder Marketingfaktor," sagte der EU-Kommissionspräsident. Ohne Kultur könne kein Strukturwandel gelingen. Barroso lobte die Anstrengungen, die in Essen und im Ruhrgebiet derzeit gemacht werden, auch wenn die Openair-Eröffnung im Januar bei Minus 5 Grad doch etwas kalt gewesen sei. In Städten wie Glasgow (1990) oder Lille (2004) wurde der Strukturwandel durch die kulturellen Aktivitäten nachhaltig beieinflusst.

Allerdings dürfe es nicht nur um große Festivals und Strohfeuer gehen, mahnte die Vorsitzende des Kulturausschuss im Europäischen Parlament, Doris Pack. Es müsse Initiativen geben, die über das eigentliche Jahr der Kulturhauptstadt hinausreichen und finanziert werden. Sowohl die Vertreter der EU als auch die Kulturschaffenden aus den Städten waren sich einig: Auch in den nächsten 25 Jahren soll es Kulturhauptstädte geben, und zwar jeweils zwei. Eine aus den alten EU-Staaten und eine aus den Staaten, die seit 2004 beigetreten sind.

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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