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Deutschland

"Wir sind Baden-Württemberg"

Baden, Württemberg und Hohenzollern: Am 25. April 1952 wurde aus drei Kleinstaaten das Bundesland Baden-Württemberg. 60 Jahre danach gilt die Fusion als Erfolgsgeschichte - auch für Zugereiste.

Festivalleiter Adwan Taleb und Programmorganisatorin Nuria Mesull in Tübingen Copyright: Arabisches Filmfestival Tübingen

Festivalleiter Adwan Taleb und Programmorganisatorin Nuria Mesull in Tübingen

Es hätte für Adwan Taleb kein besseres Motto für das 60-jährige Landesjubiläum Baden-Württembergs geben können. "Wir feiern in die Zukunft rein", dieser Satz hat den im Westjordanland geborenen Deutschen so begeistert, dass er sofort an die Umsetzung ging. Am 6. Mai will er bei einem Kinder- und Familientag in der Tübinger Altstadt alle zusammenbringen: Schwaben wie Badener, langjährige Einheimische wie Neubürger oder Migranten. Das Fest soll daran erinnern, dass unter schwierigsten politischen Bedingungen vor 60 Jahren aus drei Kleinstaaten im Südwesten Deutschlands ein erfolgreiches Bundesland wurde. "Das Land ist ein gutes Beispiel", sagt Adwan Taleb, "dass vormals Fremde vereint unter einem Dach zusammenleben können".

Ein Land in Vielfalt vereint

Das alleine wäre schon Grund genug zu feiern, findet Adwan Taleb. Doch für ihn soll das Landesjubiläum auch zum starken Signal für eine gemeinsame Zukunft werden. Derzeit leben in Baden-Württemberg rund 1,2 Millionen Ausländer, das sind rund elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Das verändert auch das Landesjubiläum, sagt Taleb. "60 Jahre Baden-Württemberg ist nicht nur ein Fest für all jene, die hier schon 60 oder mehr Jahre leben", betont er selbstbewusst. "Es ist auch ein Fest für all jene die erst ein paar Jahre da sind".

Das Kinder- und Familienfest des arabischen Filmfestivals Tübingen: 2012 dreht sich alles ums Ländle Quelle: Arabisches Filmfestival

Kinder- und Familienfest des arabischen Filmfestivals

Dabei spricht der studierte Politologe auch von sich. Im palästinensischen Dschenin aufgewachsen ging er zum Studium nach Jordanien, um 1998 mit einem DAAD-Stipendium zur Doktorarbeit nach Deutschland zu kommen. In Tübingen schlug er Wurzeln, gründete eine Familie und beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft. Inzwischen sagt er von sich, er sei Tübinger, vor allem aber Baden-Württemberger.

Seit 2005 organisiert Adwan Taleb Deutschlands größtes, arabisches Filmfestival in der schwäbischen Provinz - nicht zuletzt um zu beweisen, dass Integration keine Einbahnstraße ist. "Die Hauptidee ist, der Gesellschaft etwas zurückzugeben", sagt der 39-jährige Festivalleiter, der mit seinem knapp 30-köpfigen Team das Landesjubiläum auf seine Art würdig zelebrieren möchte. "Alle, die sich am arabischen Filmfestival und am Kinder- und Familientag beteiligen, sind Teil dieses Landes geworden".

Auch Núria Mesull kann diesen Satz unterschreiben. Die in Barcelona geborene Spanierin verliebte sich während ihres Erasmus-Studienjahrs erst in die Stadt, dann in einen Tübinger mit arabischen Wurzeln. Jetzt organisiert sie das Kinderprogramm des Festivals zum Landesjubiläum. Ein Stadtfest mit Tanz, Theater, Trickfilmen und Spielen, bei dem vor allem das Zusammensein zählt, sagt die 34-jährige Kulturwissenschaftlerin. "Wir alle sind Baden-Württemberg, jeder in seiner Art, weshalb es das Wichtigste ist, dass wir uns an diesem Tag treffen".

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das heutige Baden-Württemberg von Franzosen und Amerikanern besetzt und in drei Kleinstaaten getrennt. Vor allem Baden wehrte sich gegen die Idee des gemeinsamen Südweststaates. Quelle Haus der Geschichte Baden-Württembergs

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das heutige Baden-Württemberg von Franzosen und Amerikanern besetzt und in drei Kleinstaaten getrennt. Vor allem Baden wehrte sich gegen die Idee des gemeinsamen Südweststaates. (Plakate aus der Ausstellung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg)

Gründung durch Volksabstimmung

Quizspiele und Wissensshows sollen den Kindern dabei auch etwas über die Gründung Baden-Württembergs erzählen. Ganz im Sinne des Landesvaters, dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der vor allem auf eines stolz ist: "Bis heute ist es das einzige deutsche Bundesland, das durch eine Volksabstimmung entstanden ist", schreibt Kretschmann in seiner Grußbotschaft zum Jubiläum. "Knapp 70 Prozent der Bürger stimmten damals für die Gründung des Südweststaates", so Kretschmann, der seit seiner Wahl 2011 seinem Wahlvolk ebenfalls mehr direkte Mitbestimmung an Entscheidungen der Landesregierung versprochen hat.

Professor Peter Steinbach, Historiker an der Universität Mannheim Quelle: Universität Mannheim

Historiker Peter Steinbach

"Die Gründung des Landes Baden-Württemberg am 25. April 1952 zeigt, dass man neue Länder machen kann", sagt Professor Peter Steinbach, Historiker von der Universität Mannheim. Doch auch wenn das Gesamtergebnis der Volksbefragung vom 9. Dezember 1951 mit knapp 70 Prozent ziemlich eindeutig für die Errichtung eines Südweststaates sprach: Noch viele Jahre nach der Abstimmung lieferten sich Befürworter und Gegner der Länderfusion erbitterte Verbalschlachten. "Menschen haben immer eine hochgradig differenzierte mentale Landkarte im Kopf, eine Karte von den Räumen in denen sie leben", erklärt sich das Steinbach.

Vor allem Vertreter Württemberg, des größeren Teils, plädierten für die Fusion, während die politische Elite Badens auf ihre Eigenständigkeit pochte. Viele Badener fürchteten "schwäbischen Imperialismus". Viele Württemberger dagegen hoben die Chancen eines größeren Landes auf mehr Wirtschaftswachstum und schlankere Regierungs- und Verwaltungsstrukturen hervor. "Jahrzehnte später entschloss man sich noch einmal eine zweite Volksbefragung zu machen, die dann die Einheit Baden-Württembergs aber endgültig bestätigte", erläutert Peter Steinbach den Durchbruch für den neuen Südweststaat.

War die Fusion Baden-Württembergs ein erster Schritt zur Einheit Europas?

War die Fusion Baden-Württembergs ein erster Schritt zur Einheit Europas? (Plakate aus der Ausstellung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg)

Modell europäischer Möglichkeiten?

Vom Zwist von einst sind vor allem Sticheleien und eine Vielzahl von Witzen geblieben. Die in Württemberg ansässigen Schwaben werden von Badenern dabei gerne als zu streng, zu fleißig und zu sparsam belächelt. Den Badenern dagegen werfen die Schwaben ihre Fixierung aufs Essen, Trinken und Genießen vor, was mit einschließt, dass sie für anderes nicht zu gebrauchen seien. Einige Grenzen gibt es zwischen den Gruppen auch noch auf dem Papier. Viele Verbände, selbst Kirchen sind auch 60 Jahre nach der Fusion noch in eine badische und eine württembergische Sektion getrennt.

Das Organisatoren-Team des arabischen Filmfestivals 2011 Quelle: Arabisches Filmfestival, alle Rechte freigeben

60 Jahre Baden-Württemberg

Dennoch ist der Trennungsstrich zwischen den beiden Landesteilen im Namen Baden-Württemberg inzwischen zum echten Bindestrich geworden. Der frühere Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) lobte das Land als "Modell europäischer Möglichkeiten", das wirtschaftlichen Erfolg, soziale Stabilität und kulturelle Eigenarten garantiere. Für Historiker Steinbach liegt der Schlüssel des Erfolgs aber nicht nur an der Vielzahl findiger Tüftler und Ingenieure, die das Land zu einer der Wirtschaftslokomotiven Europas machten: "Das was eine Bevölkerung zusammenschweißt, das ist neben dem wirtschaftlichen Erfolg vor allen Dingen das Gefühl, dass man fundamentale Herausforderungen gut bewältigt hat."

Die Herausforderung der Zukunft: Das ist für Adwan Taleb das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen unter einem baden-württembergischen Dach. Das arabische Filmfestival und das Kinder- und Familienfest Tübingen sollen dafür nicht nur zum Landesjubiläum einer der Treffpunkte sein. Ob allerdings auch das Festival selbst eine Zukunft hat, steht für Organisator Adwan Taleb noch auf der Kippe. Noch stehen Finanzierungszusagen der Stadt und des Landes fürs kommende Jahr aus. Für Adwan Taleb, dennoch kein Grund, an seinem Anliegen zu zweifeln: "Wir bemühen uns in die Zukunft reinzufeiern."

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