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Presse

„Wir nehmen diese Welt auf die gleiche Weise wahr“

Fragen an Jan Strękowski, Regisseur auf polnischer Seite.

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Jan Strękowski.

Was ist für Sie das Besondere an einer solchen Kooperation?
Jan Strękowski: Ich mache das zum ersten Mal. Das ist eine ziemlich bedeutende Erfahrung, weil die deutsch-polnische Geschichte besonders schwierig ist. Aber wir haben während der Produktion kaum über die Geschichte gestritten, sondern häufiger über die Form des Films, haben um technische oder künstlerische Lösungen gerungen und beispielsweise über den Einsatz von Archivmaterial diskutiert. Bezüglich der historischen Ereignisse gab es die geringsten Unterschiede. Das hätte man vielleicht nicht erwartet. Es war eine interessante Erfahrung, an zwei Orten gleichzeitig an einem Film zu arbeiten, um ihn dann gemeinsam zusammenzuführen.

Sie haben in Wieluń gedreht. Welche Eindrücke haben Sie dort gewonnen?
Jan Strękowski: Es gibt in Wieluń noch Spuren des Krieges. Viele Gebäude sind nicht wieder aufgebaut worden, vor allem in der Altstadt. Es gibt hier sehr viel freie Fläche, Parks und Plätze – wie übrigens auch in anderen Städten in Polen, die im Zweiten Weltkrieg bombardiert worden sind, auch in Warschau. Da spürt man sofort, dass da etwas passiert sein muss. Es gibt in Wieluń auch ein örtliches Museum, das Informationen zum deutschen Angriff auf den Ort bietet, das Bücher zum Thema herausgibt und eine reiche Auswahl an Fotos hat, die wir auch in dem Film benutzen – sehr gute Fotos, die auch drastische Dinge, die sich nach 1939 dort ereignet haben, zeigen. Und es gibt dort noch Menschen, die das erlebt haben. Wir konnten in Wieluń drei Zeitzeugen für den Film gewinnen, die damals Kinder waren. Sie erinnern sich, weil sie Enormes durchgemacht haben.

Gab es Momente, die Sie besonders bewegt haben
Jan Strękowski: Ich denke, wenn man den Menschen zuhört, die damals Kinder waren, erlebt man diese Erinnerung immer intensiver als bei Menschen, die erwachsen waren, als sich Dramatisches abgespielt hat. Wenn Menschen von Kindheitserinnerungen berichten, erzählen sie häufig von Dingen, die man nicht erwartet hätte. Zum Beispiel erinnert sich einer unserer Protagonisten, der nach der Bombardierung nach Warschau geflüchtet ist, nicht an die Bomben, sondern an ein Tiergeschäft, in dessen Schaufenster er sich Tiere angesehen hat.

Welcher Moment war für Sie der emotionalste?
Jan Strękowski: Polen und Deutsche unterscheiden sich in ihren Emotionen offenbar nicht. Denn mich hat derselbe Moment am meisten berührt, den auch Nadine Klemens schildert: Dieser Junge, der mit einem Stock eine Leiche eines ermordeten Soldaten berührt und zu dem jemand sagt: Fass ihn nicht an, Kind, du weißt nicht, was das ist, das ist ein ermordeter Mensch. Das ist mir am stärksten im Gedächtnis geblieben. Da es meiner deutschen Kollegin auch so erging, denke ich, wir haben die gleichen Gefühle und wir nehmen diese Welt auf die gleiche Weise wahr.

Was ist für Sie das Markante, was ist das Neue an dieser Form der deutsch-polnischen Koproduktion
Jan Strękowski: Der Film gibt uns zum einen als Deutsche und Polen die Möglichkeit, beide Seiten zu zeigen. Das ist wichtig, weil es auch Menschen zusammenbringt, wenn man aus beiden Perspektiven erzählt. Zum anderen können wir im Film Aspekte der Geschichte darstellen, von denen man eher nicht spricht. So macht der Film auch deutlich, dass mancher vergisst, dass es damals zwei Aggressoren gab: Hitler und Stalin. Dass diese zusammengearbeitet haben. Hitler hatte den Plan, Polen anzugreifen. Aber er hätte das sicher nicht ohne den Pakt mit Stalin getan. Auch Stalin hatte ein Interesse daran, Polen anzugreifen.

Hat das Projekt Ihre Einstellung zum deutsch-polnischen Verhältnis geändert?
Jan Strękowski: Ich habe schon längere Zeit in Deutschland gelebt. Ich habe mich immer für die deutsch-polnische Geschichte interessiert. Was die Geschichte angeht, so gab es für mich keine Überraschungen. Aber was die menschliche Seite angeht, war es manchmal eine dramatische Erfahrung. Die Schicksale der polnischen Protagonisten haben mich immer sehr persönlich berührt, auch das Schicksal des deutschen Protagonisten Günter Sieling. Am Ende des Films erzählt er, dass er sich in den Briefen, die er als junger Mensch geschrieben hat, überhaupt nicht mehr erkennt, dass er sich in der Haut dieses Menschen nicht mehr wiederfinden kann. Das ist für mich auch eine sehr ernsthafte Aussage. Sie zeigt, dass die Welt sich doch verändert und die Menschen sich gewandelt haben.