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Kultur

Wir machen Theater!

Theatersterben heißt das Reizwort. Kleinen wie großen deutschen Häusern werden die Budgets gekürzt. In Wuppertal wehrt man sich. Man hat Angst vor den Konsequenzen für die Stadt und animiert Bürger zu Theaterbesuchen.

Protestplakat gegen Budgetkürzungen am Wuppertaler Theater (Foto: DW)

Alle haben schreckliche Angst vor dem Wolf. Aber ihr Süppchen kochen sie trotzdem mit ihm – und verlieren dabei den Schrecken. Mit dem Stück "Steinsuppe" von Anais Vaugelade, einer hintersinnigen Geschichte über Vorurteile, Gastfreundschaft und Geselligkeit, sind Miriam Rösch und Markus Höller derzeit in den Wuppertaler Schulen unterwegs. Jeden Tag besuchen die beiden Theaterpädagogen mindestens zwei Klassen. "Wir sind ausgebucht", erzählt Miriam Rösch. "Vor Weihnachten gehen viele Wuppertaler Schulen ins Theater und darauf möchten sie die Kinder gerne vorbereiten."

Die Theaterpädagogen Miriam Rösch und Markus Höller (Foto: Pillbox)

Miriam Rösch und Markus Höller

Dabei wird nicht nur über Theater geredet, sondern auch selbst gespielt. Wie kann man ein Pferd darstellen? Wie soll der Wolf sprechen? Und wie aufgeregt darf die Henne sein? Nach einer kurzen Diskussion probieren sich die Schüler als Schauspieler und lernen so die Welt des Theaters kennen. In einer Arbeiterstadt wie Wuppertal ist ihnen diese Welt oft fremd. "Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht, was sie in Oper und Schauspiel erwartet", sagt Miriam Rösch. "Sie glauben, dass Theater nur etwas für alte Leute ist, haben Angst, die Stücke nicht zu verstehen und nicht schick genug angezogen zu sein."

Werben um das junge Publikum

Diese Schwellenangst versuchen die beiden Theaterpädagogen den Schülern zu nehmen. Mit Erfolg. "In Wuppertal haben fast alle Schulen, von den Grund- und Hauptschulen bis zum Gymnasium, Interesse am Theater", beobachtet Miriam Rösch. Es gibt zwei Jugendclubs, die ihre Stücke auf der Kleinen Bühne im Theater spielen dürfen und "Theaterscouts". Diese Jugendlichen machen in ihren Schulen Werbung für die aktuellen Stücke der Wuppertaler Bühnen und erklären den Mitschülern, was sie im Theater erwartet.

Protestplakate am Wuppertaler Theater im April 2010 (Foto: DW)

Protestplakate am Wuppertaler Theater

"Wir haben den Ehrgeiz, ein junges Publikum zu gewinnen", betont der Intendant der Wuppertaler Bühnen, Christian von Treskow. Doch auch für die Bürger mit Migrationshintergrund will er Theater machen und "die Themen der Zukunft" ansprechen: Migration und Religion, Identitätsfragen und Sprachprobleme. "Wir machen hier ein Programm, das nur auf diese Stadt zugeschnitten ist", sagt von Treskow. "Wuppertal sucht sehr stark nach seiner Zukunft und auf dieser Suche begleitet das Theater die Bürger."

Erfolgreicher Protest gegen Kürzungen

1,8 Milliarden Euro Schulen hat die Stadt, die rund 350.000 Einwohner zählt. Mit einem gewaltigen Sparprogramm muss sie ihre Finanzen ordnen und will zwei Millionen Euro jährlich bei den Bühnen einsparen. Das wäre nicht nur das Aus für eine der beiden Spielstätten - Schauspiel- oder Opernhaus -, sondern auch für eine gesamte Sparte. "Ein solches Rumpftheater kann auf Dauer nicht überleben", warnt Christian von Treskow. Gemeinsam mit seinem Ensemble, Theaterschaffenden aus ganz Deutschland und vielen Bürgern hat er deshalb lautstark gegen die Kürzungspläne protestiert – unter dem Motto: "Theater macht reich."

Ein leerer Stuhl auf einer Theaterbühne (Foto: dpa)

Die Bühne soll lebendig bleiben

Die Stadt hat ihre Entscheidung daraufhin vertagt. Sie hofft nun auf finanzielle Unterstützung der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Außerdem werden private Sponsoren für die notwendige Sanierung des Schauspielhauses gesucht. "Unser vorrangiges Ziel ist der Erhalt von Schauspiel und Oper", sagt Günter Völker, Vorsitzender der "Freunde der Wuppertaler Bühnen". Der Verein besteht schon seit 30 Jahren und hat rund 1.000 Mitglieder, in der deutschen Theaterlandschaft ist das durchaus eine Besonderheit.

Bildung für alle

"Wuppertal ist eine sterbende Stadt, die stetig Einwohner verliert", sagt Völker. "Gerade deshalb braucht sie dringend ein Theater." Kultur sei schließlich ein Standortvorteil, meint der 75-jährige Vorsitzende, der lange Jahre selbst ein großes Unternehmen leitete. Ein gutes Theater locke neue Einwohner und Sponsoren in die Stadt. "Außerdem hat es auch einen Bildungsauftrag und der ist in einer Arbeiterstadt mit vielen Migranten besonders wichtig." Gerade sie würden benachteiligt, wenn es kein Theater in der eigenen Stadt mehr gebe. "Diese Menschen haben meistens nicht das Geld, um Vorstellungen in den nahegelegenen Großstädten zu besuchen."

Genauso wenig wie die Jugendlichen, die Miriam Rösch erreichen möchte. "Theater ist nicht nur Unterhaltung, es ist auch Selbsterfahrung", betont sie und wird dabei von vielen Wuppertaler Theaterbesuchern unterstützt. "Im Theater werden alte und neue Geschichten erzählt, in denen es um grundsätzliche Fragen geht", betont Besucher Markus Scheuer. "Fragen danach, wer wir sind und wer wir als Gemeinschaft sein wollen und wenn eine Stadt darauf verzichtet, kann das nicht gut ausgehen."

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Marlis Schaum