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Amerika

"Wir müssen weiter kämpfen!"

Vor 30 Jahren war sie in der Revolution auf Seite der Sandinisten. Heute kämpft Mayra Sirias immer noch für Gleichberechtigung. Allerdings nicht mehr mit den Sandinisten, sondern gegen sie.

Mayra Sirias aus Nicaragua blickt auf ein Foto von einer anderen Frauenrechtlerin bei der sandinistischen Revolution (Foto: dw)

Frauen der sandinistischen Revolution - heute und früher

DW-WORLD.DE: Was ist der Sandinismus für Sie?

Mayra Sirias: Sandinismus ist eine politische und soziale Bewegung, die die Diktatur der Somosas stürzen wollte. Zu den Werten des Sandinismus gehört der Kampf für die Freiheit, für die Gleichheit und für soziale Gerechtigkeit. Es war ein Klassenkampf mit dem Ziel die Diktatur zu stürzen.

Damals bei der Revolution gab es viele Frauen in der Frente Sandinista.

Ja, eine große Menge Frauen hat sich beteiligt. Es war die Revolution in Lateinamerika, die die meisten Frauen in ihren Reihen hatte. Nach dem Erfolg der Revolution, hatten wir auch viele Posten, auch wichtige Posten wie Ministerin oder Leiterinnen von Institutionen.

Hat die sandinistische Revolution den Frauen etwas gebracht?

Ja, es haben sich auch Gesetze geändert: Uneheliche Kinder mussten anerkannt werden, so dass die Väter auch Verantwortung übernehmen. Wir haben eingeführt, dass Frauen einfacher Land besitzen können. Und vorher konnte man sich als Frau auch nicht scheiden lassen. Mit dem Contra-Krieg, dem Bürgerkrieg, rückten unsere Ziele dann aber weiter nach hinten.

Gibt es in Nicaragua heute Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Porträtfoto von Mayra Sirias (Red de Mujeres contra la Violencia) aus Nicaragua (Foto: dw)

Mayra Sirias ist im Vorstand des Frauen-Netzwerks gegen Gewalt

Dafür kämpfen wir, aber ich habe damals geglaubt, dass wir mit der Revolution weiter kommen könnten. Mittlerweile werden wir Frauenrechtlerinnen aber in unserer Arbeit behindert. Wir werden verfolgt, weil wir uns der Regierung von Daniel Ortega entgegen stellen. Wir wurden willkürlich angezeigt und beschimpft, aber in meinem Fall war es besonders schlimm. Man hat mir den Garten verwüstet, mein Haus ausgeraubt: Elektrogeräte, meine Unterlagen, mein Geld. Ich habe Morddrohungen bekommen, mein Auto wurde zerstört und einmal auch manipuliert. Das macht mir ziemlich viel Angst, manchmal habe ich richtig Panik. Und das ist immer genau dann passiert, wenn ich politisch unterwegs war, aber in meinen Forderungen hat es mich nicht gestoppt.

Und die Angriffe kommen aus der Frente Sandinista, mit der sie in der Revolution gekämpft haben?

Ja, das wollte ich am Anfang auch nicht glauben, aber ich habe keinen Zweifel. Und dabei komme ich aus dem Sandinismus. Das tut weh, weil es ist wie in einer Familie, und man prügelt sich mit dem Bruder - das ist schlimmer als mit einem Fremden. Die Frente Sandinista war für mich wie meine Familie, und mit der sind es jetzt die schlimmsten Kämpfe.

Was sind denn die größten Probleme der Frauen in Nicaragua?

Der religiöse Fundamentalismus. Es gibt viele radikale Glaubensgruppen, die den Leuten erzählen, dass es Sünde sei, was wir machen. Deswegen wurde auch die Abtreibung in Nicaragua verboten, sogar wenn es medizinisch notwendig ist. Eine Frau darf auch dann nicht abtreiben, wenn ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Viele Frauen sterben deswegen. Und dann das Unwissen, in dem die Regierung die Menschen hält, weil sie keine Sexualaufklärung in den Schulen anbietet. Deswegen gibt es auch so viele junge Mädchen zwischen 9 und 14, die schwanger werden.

Welche Lehren ziehen sie denn aus den vergangenen 30 Jahren?

Wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich wieder bei der Revolution mitmachen. Die Träume der Revolution waren schön. Und das schmerzt am meisten: Ich hatte das Gefühl, das die Revolution in Nicaragua anders war. Aber ich sage allen jungen Frauen, dass wir mit unserem Kampf weitermachen müssen. Demokratie fängt mit unserem Körper an. Wenn wir es nicht schaffen, Respekt für unseren Körper einzufordern, dann können wir nicht von Demokratie reden. Die Frauen in Chile haben deshalb den Slogan: Demokratie im Haus und im Bett! Denn da fängt Demokratie an. Deswegen müssen wir auch weiter für unsere Rechte kämpfen – für unsere sexuellen Rechte, für unsere reproduktiven Rechte, für unsere Gleichberechtigung.

Viele der Frauen, die damals in der Revolution gekämpft haben, sind auch heute noch in der Frauenbewegung aktiv.

Und eines der größten Probleme ist die politische Verfolgung dieser Anführerinnen der Frauenbewegung durch die Regierung. Sie können schon erleben, dass wir auf die Straße gehen, aber dann kommen sofort die Krawalltruppen von Ortega. Die kommen mit Knüppeln, mit Dreck, mit Steinen und Flaschen. Diese Truppen sind ein großes Problem in Nicargua, weil sie allen sozialen Bewegungen Angst machen. Es gibt keinen Raum mehr, um sich zu organisieren und frei die Meinung zu sagen. Das ist ein riesiger Rückschritt für die Demokratie.

Das Interview führte Peter Deselaers.
Redaktion: Anna Kuhn-Osius