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Fokus Osteuropa

"Wir müssen eine gemeinsame Außenpolitik gegenüber Russland haben"

Im Interview mit DW-TV spricht die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga über das schwierige Verhältnis zwischen den baltischen Staaten und Russland, und über das neue Selbstbewusstsein ihres Landes.

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Präsidenten Vaira Vike-Freiberga: "Lettland ist frei"

DW-TV: Frau Präsidentin, ganz Europa begeht die Erinnerung an den 8. Mai 1945. Wo waren Sie eigentlich am 8.Mai 1945?

Vaira Vike-Freiberga: Ich war in der damaligen Seestadt Wismar und meine Eltern wussten nicht, ob die Rote Armee oder die englische Armee zuerst ankommen würde. Und sie hatten also wirklich eine große Angst davor, weil wir ja vor der Roten Armee als Flüchtlinge weggefahren sind. Also, das war ziemlich anstrengend, und wir waren ja so froh, als wir die Engländer ankommen sahen.

Das heißt, für Sie und ihre Eltern war schon klar, dass die Sowjets, die Rote Armee, die kam, ihr Land besetzen würde und ihm keine Selbstständigkeit mehr lassen würde am 8. Mai?

Nein, ganz im Gegenteil. Meine Eltern und die meisten Letten, die ins Exil gegangen sind, die haben gehofft, dass mit dem Ende des Krieges die demokratische Wende kommen würde. Dass Stalin aufgefordert würde, dass er sich bis zu seiner Grenze zurückziehen muss. Die Grenze von 1939. Aber nichts davon ist geschehen. Wir wussten nichts von Teheran, von Jalta und vielem anderen. Wir haben nur gehofft, dass Lettland als unabhängiges Land wieder seine Unabhängigkeit international anerkannt bekommt.

War der 8. Mai 1945 für Sie das Ende des Krieges?

Nein, für uns war es das überhaupt nicht. Ende des Krieges als Ende der Bombardierung, das schon. Es war schon das Ende der Kämpfe, natürlich. Und wir haben erst viel später erfahren, dass es auch das Ende des Holocaust war. Dass der bis zur letzten Minute weiter ging in Ungarn, das wussten wir überhaupt nicht, dass da so etwas geschehen ist. Noch eine lange Zeit nach dem Ende des Krieges haben die Letten und die Esten und Litauer, die da als Flüchtlinge waren, und ich glaube, auch die Polen und Tschechen und viele andere, wir haben alle gehofft, dass wir zurück in unsere Heimat gehen können und dass die Rote Armee sich zurückziehen würde.

Der 8. Mai 1945 ist ja im gesamten Baltikum, in Lettland, Litauen und Estland so empfunden worden, dass man in allen Ländern Opfer zweier Diktaturen war, erst der nationalsozialistischen deutschen, dann der sowjetischen russischen - ist das die prägende Erfahrung, auch die emotional prägende Erfahrung für die Balten, für die Letten?

Ja, natürlich, wenn man ein halbes Jahrhundert Okkupation gehabt hat, dann ist natürlich der Anfang dieser Periode kein Tag der Freude, natürlich nicht. Für uns war der Tag der Freude der 4. Mai, als wir das 15. Jubiläum der neuen Unabhängigkeitserklärung Lettlands gefeiert haben. Das war wirklich das Ende des Krieges für uns.

Deswegen ist der 8. Mai ja auch ein zwiespältiges Datum, hier, auch in anderen osteuropäischen Ländern. Sie fahren im Gegensatz zum litauischen und auch zum estnischen Präsidenten nach Moskau, zu den Siegesfeiern der Russen - warum?

Weil es die meisten anderen Präsidenten Europas auch tun. Ich habe sehr schöne Briefe von ihnen allen bekommen, wo ein jeder anerkennt, wie schwierig dieses Datum für Lettland ist. Aber die Hoffnung aller ist, dass in der Zukunft so etwas nie wieder geschieht. Und darum müssen wir uns miteinander treffen. Wir müssen miteinander sprechen, und ich denke, das Ende des Zweiten Weltkriegs war doch für alle etwas, dass wir erhofft hatten. Da gab es ja keinen, der diesen Krieg noch weiterführen wollte. Und ich glaube, auch der Respekt für die, die in diesem Krieg gefallen sind, im Kampf gegen die Nazis und den Faschismus, das kann man schon anerkennen, und das tun wir auch in Lettland. Und darum haben die Leute auch sehr wohl verstanden, was meine Geste bedeutet.

Unterstützt Sie die Europäische Union eigentlich ?

Ganz sicher, ja, genau.

Also Sie sind nicht beunruhigt, wenn Sie sehen, dass der deutsche Bundeskanzler und der französische Präsident eine ganz eigene Beziehung zu Putin pflegen und vielleicht die Perspektive der Polen, der Baltischen Staaten, gar nicht mitberücksichtigen?

Ich glaube, dass der Bundeskanzler ebenso wie Herr Chirac sehr wohl verstehen, welche Bedeutung das Ende des Weltkrieges für uns hat und erkennen es an. Über diese besondere Freundschaft - oder die Achse - Paris-Berlin-Moskau könnte man sagen: Wenn diese Achse nichts für uns Schädliches tut, dann ist das doch ganz gut und schön. Natürlich müssen die Beziehungen dieser größeren Länder Europas immer in den Rahmen der Außenpolitk der ganzen Europäischen Union passen, dort hinein passen auch wir. Es sollte also eine gemeinsame Außenpolitik bleiben, sonst, ja, sonst könnte es schlimm werden.

Haben Sie den Eindruck, es gibt diese Außenpolitik, diese einheitliche europäische Außenpolitik gegenüber Russland?

Ich glaube, dass die jetzige Präsidentschaft der Europäischen Union und die vorherige daran gearbeitet haben. Sie haben einen Dialog mit Russland begonnen, der ja nicht immer leicht ist - aber es geht voran. Und darum haben wir Hoffnung, dass es möglich ist. Und alle sind einer Meinung, wir müssen eine gemeinsame Außenpolitik gegenüber Russland haben, alle zusammen, die großen wie die kleinen wie die mittleren, alle zusammen, eine Außenpolitik.

Wenn man diese erste Woche im Mai betrachtet, das ist ja schon eine aufregende Woche für Sie, 15 Jahre Unabhängigkeit, ein Jahr Mitglied in der EU, Mitglied in der NATO, 60 Jahre Kriegsende... Ist das für Sie, wenn Sie heute sich und Ihr Land betrachten, fast wie ein Wunder, ein freies Lettland, in einer freien Europäischen Union, Mitglied des größten Militärbündnisses der westlichen Welt?

Ja, das ist kaum zu glauben. Und darum habe ich mich auch entschieden, nach Moskau zu fahren. Mit meinem Dabeisein will ich es der ganzen Welt zeigen, ja, jetzt ist da ein Land, dass Lettland heißt und das frei ist, und das keine Furcht mehr zu haben braucht, nicht vor Russland und auch vor keinem anderen Land. Das war vor 60 Jahren nicht so, und gerade weil es jetzt ganz anders ist, 60 Jahre später, darum will ich dabei sein.

Das Interview führte Alexander Kudascheff
DW-TV, 6.5.2005, Fokus Ost-Südost