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Nahost

"Wir lassen die Iraner sagen, was sie wollen"

Menasche Amir versorgt als Radiojournalist schon sein ganzes Leben lang die Bürger im Iran mit unparteiischen Nachrichten. Das ist für die iranische Presse schwierig genug. Aber Amir ist Israeli.

Menashe Amir, Aufnahme: 2009 (Foto: DW/ Vanessa O'Brien)

Menasche Amir persisch-israelischer Radiojournalist

Ein guter Journalist kontrolliert die Fakten in seinen Artikeln lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Und wenn man Jude ist, und der Ayatollah im Iran regelmäßig die eigene Nachrichtensendung einschaltet, ist der Anspruch, alles korrekt zu machen, natürlich besonders groß.

Aber damit hat der im Iran geborene Menasche Amir kein Problem. Schließlich ist er Profi - seit 53 Jahren sendet er Radio-Nachrichten auf Farsi von Israel aus in den Iran.

Er gibt keine Quellen preis, und erzählt nicht, wie er an seine Informationen kommt. Aber so häufig, wie seine Berichte in iranischen und anderen ausländischen Medien zitiert werden, seien sie ja wohl glaubwürdig, sagt Amir: "Ich glaube, dass wir die umfassendsten und ausführlichsten Nachrichten auf Persisch darüber machen, was wirklich im Iran passiert."

"Einmal kam eine weibliche Journalistin aus Amerika, vom San Francisco Chronicle, in den Iran, um an einer internationalen Frauen Konferenz teilzunehmen", erzählt der Journalist. "Sie bekam ein Interview mit der Frau von Ajatollah Ali Chamenei, die ihr erzählte, dass ihr Mann jeden Tag die Nachrichten im israelischen Radio hört."

Amir hat eine besondere Beziehung zum Iran. Er wuchs als jüdisches Kind in einem muslimischen Viertel von Teheran auf, bevor Öl Reichtümern und der Bau-Boom das Land erreichten - und vor der Revolution von 1979. Damals war der Iran ein ganz anderes Land als heute, erinnert er sich.

Sein Vater war Offizier in der iranischen Armee und seine Mutter lebte koscher. Amir erhielt Unterricht auf hebräisch, wurde aber nicht besonders religiös erzogen. Die Prügel, die andere jüdische Kinder in dem antisemitischen Umfeld bekamen, blieben ihm erspart. 

Von der Freiheit angezogen

Eine Reise als junger Journalist nach Israel 1960 eröffnete dem damals 20-jährigen die Augen für die weite Welt. Statt einer unterentwickelten Diktatur mit einem "müden Volk" wie in seiner Heimat, fand er eine Demokratie in der Entstehungsphase vor, die voller Hoffnung auf Freiheit war. Amir war besonders von der Freiheit der Presse beeindruckt, die ohne Angst und Einschränkungen berichten konnte.

"Die Medienlandschaft in Israel fand ich großartig, weil ich über so viele verschiedene Themen lesen konnte, die in den iranischen Medien nie auftauchten", sagt er. "Was die israelischen Journalisten über die Welt schrieben war unparteiisch, sehr professionell und faszinierend für mich."

Ajatollah Ali Chamenei, Führer der Islamischen Republik Iran (Foto: lizenzfrei, momtaznews)

Ajatollah Chamenei hört angeblich täglich Amirs Nachrichtensendung


Israels Nationalsender Kol Israel, oder die Stimme Israels, stellte den jungen Journalisten wegen seiner Farsi- und Französisch-Kentnisse, seiner Erfahrung im Printjournalismus, und wegen seiner samtweichen Radiostimme ein. Und Amir blieb.

Hörer-Anrufe über Deutschland

Amirs Büro ist vollgestopft mit Büchern, Papieren und alten Möbeln, die schon bessere Tage gesehen haben. Hinter seinem Schreibtisch hängt eine gerahmte Collage über seine Karriere beim Sender. Die Bilder, erst in schwarz-weiß, später in Farbe, zeigen seinen Weg vom jungen Einwanderer bis zum Großvater, das Radiomikrofon immer dabei.

Seine Motivation ist die Überzeugung, dass Iran und Israel mehr Gründe für eine Freundschaft als für eine Feindschaft haben. Und er ist nicht allein - viele Iraner teilen seine Meinung, sagt Amir. Mit ihnen redet er live auf Sendung. Das geht, weil die Anrufe über Deutschland umgeleitet werden.

"Man bringt uns mittlerweile viel Respekt entgegen im Iran, weil wir gezeigt haben, dass wir für Koexistenz und Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern sind," sagt der Journalist.

Zwar ruft immer mal wieder ein Anrufer "Tod Israel!" während einer Live-Sendung, aber Amir glaubt, dass diese Leute von der iranischen Regierung angeheuert wurden.

"Wir lassen sie sagen, was sie wollen, und dann sage ich, 'Und jetzt? Was hat es dir gebracht, einem anderen Land den Tod zu wünschen? Was hast du gewonnen? Löst das deine Probleme? Verbessert das die iranische Wirtschaft?'"

Alles Gute von Bush

Für Amir bedeutet seine Arbeit mehr als nur die Nachrichten vorzulesen. Er erinnert sich, wie er während einer Sendung die Tränen nicht zurückhalten konnte, als er den Brief einer jungen Iranerin vorlas, deren Verlobter im Iran-Irak Krieg von 1980-88 gestorben war. Er brach die Sendung ab. "Da habe ich die Kontrolle verloren", sagt Amir.

Im gleichen Krieg hörte Kol Israels persische Redaktion die Radiostation in Bagdad. Die Mitarbeiter übersetzten die Meldungen von arabisch auf persisch und gaben dann geplante Raketenangriffsorte an ihre Hörer weiter, in der Hoffnung, so Leben zu retten.

"Jede Nacht hörten die Leute im Iran unsere Nachrichten, um zu wissen, in welchen Städten vielleicht Raketen einschlagen könnten, und ob sie in ihren eigenen Betten schlafen konnten, oder vielleicht lieber woanders Unterschlupf suchen sollten," erzählt Amir.

Jahre später gab er eine Nachricht seiner iranischen Hörer an den damaligen US-Präsidenten George W. Bush auf einem privaten Empfang in Los Angeles weiter, nachdem die USA in den Irak einmarschiert waren.

"Wir warten darauf, dass die Amerikaner uns von unserem Unterdrücker-Regime befreien," ließen Amirs Hörer ausrichten. "Bush lachte und sagte, 'Naja, schaut doch mal, wir sind ja noch im Irak. Lasst uns erst Mal dieses Problem erledigen,'" erzählt Amir.

Der damalige US Präsident Bush hält 2004 eine Rede auf seiner Ranch in Texas. (Foto: ddp images/ AP Photo/ Susan Walsh)

Amir richtete Bush aus, dass seine iranischen Hörer eine Absetzung des Regimes durch die USA wollten


Ein riesiges Bild von Amir und Bush, dass an das Treffen erinnert, hängt im Büro des Journalisten. "Für Menasche, alles Gute, George Bush" hat der Präsident unterschrieben.

Ein Leben fürs Radio

Amirs Sendung kennt keine Tabus. Zur Zeit reden die iranischen Anrufer über die Folgen der Sanktionen in ihrem Land, Irans wachsendes Atomprogramm und die Möglichkeit einer israelischen Intervention. Der Journalist gibt ohne Umschweife zu, dass die Anrufer ein Risiko eingehen, wenn sie sich bei seinem Sender melden, der von der iranischen Regierung "der Radiosender des zionistischen Gebildes" genannt wird. Trotzdem schalten die Leute weiter ein. Und solange sie es tun, hat Amir nicht die Absicht, in Rente zu gehen.

"Mein Leben ist erfüllter, wenn ich zur Arbeit komme. Hier zu sein, und mit unseren Hörern zu reden, und über die aktuellen Ereignisse zu berichten, dass gibt mir Energie," sagt er.

"Ich bin so glücklich, an diesem Punkt angekommen zu sein. Was ich sage, was ich sende, und meine Analysen über den Iran oder regionale Angelegenheiten werden ernst genommen und geschätzt. Das ist ein sehr gutes Gefühl."

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