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Wirtschaft

Wir können nur billig

In Deutschland herrscht eine Rabatthysterie. "Geiz ist Geil", so lautet im diesjährigen Weihnachtsgeschäft die Parole. Doch während der Kunde frohlockt, laufen die Gewerkschaften Sturm gegen weitere Nachlässe.

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Preiskampf im Einzelhandel

"Der Rabatt-Irrsinn treibt derzeit unglaubliche Blüten", ließ Ulrich Dalibor von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verlauten. Und tatsächlich: der Handel lässt nichts unversucht, um die Kunden in die Geschäfte zu locken. Während C&A kurzfristig die D-Mark wieder als Zahlungsmittel akzeptieren will, dehnte der Praktiker-Baumarkt kurzerhand seinen üblichen Mitarbeiterrabatt auf die Kundschaft aus. Nahezu 20 Prozent Nachlass brachte dieser so genannte Flüster-Rabatt – er wurde nur denjenigen gewährt, die explizit danach fragten. Kein Lockangebot erscheint dieser Tage zu abwegig: für den Kauf eines neuen Handys kann man sich neuerdings mit einem kostenlosen DVD-Player als Dreingabe belohnen lassen.

Gewerkschaft kritisiert Preispolitik

Die Gewerkschaft ver.di protestiert indes vehement gegen die immer neuen Vergünstigungen, die der Einzelhandel auslobt. Der gesteigerte Arbeitsdruck auf die Angestellten sorge für schlechtere Serviceleistungen, während sich der Kostendruck auf die Produktqualität auswirke. Weitere Preissenkungen und Rabattaktionen führten zu einem beschleunigten Konzentrationsprozess in der Branche. Zudem wüssten viele Kunden nicht, dass große Kaufhäuser die Preise auf Kosten ihrer Erträge senkten. Arbeitsplatzabbau müsse daher die logische Folge sein. Ver.di hält gesetzliche Maßnahmen für geboten. Der Markt schaffe es nicht von allein, "mit diesem Unsinn aufzuhören", so ver.di-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold.

Tatsächlich sind die Unternehmen derzeit sogar noch an recht strenge Regeln gebunden. Das "Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb" verbietet etwa den Verkauf von Waren unter dem Einstandspreis und die Durchführung von Verkaufsveranstaltungen außerhalb des regelmäßigen Geschäftsbetriebs. Letzterer Passus wurde erst vor kurzem der Kaufhof AG zum Verhängnis, der eine dreitägige Aktion mit verschiedenen Sonderrabatten verboten wurde. Auch die spektakuläre Rabattaktion, die C&A zur Euro-Einführung veranstaltet hatte, zog rechtliche Konsequenzen nach sich.

Gesetz wird gelockert

Doch die Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Regierung verheißt baldige Abhilfe. In naher Zukunft will die Bundesregierung das Gesetz lockern. Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) erhofft sich von diesem Vorhaben die Möglichkeit, Rabattaktionen auf das gesamte Sortiment jetzt auch außerhalb der bisher im Gesetz vorgeschriebenen Zeiträume anbieten zu dürfen. Zudem sollten Schlussverkäufe künftig nicht nur für Textilien, sondern für den gesamten Einzelhandel gelten.

Rabattaktionen in Deutschland haben noch keine Tradition. Anders sieht es dagegen in den USA aus. Das ganze Jahr lang lockt der Einzelhandel die Kundschaft mit Aktionen wie "buy 2 get one free“. Dass diese Rabattsysteme so gut funktionieren, liegt nach Ansicht von Volkswirt Wolfgang Leininger der Universität Dortmund an der unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur: Anders als in Deutschland gäbe es in den USA eine breite Bevökerungsschicht, die auf Billigangebote angewiesen ist. Außerdem sei die Volkswirtschaft im Unterschied zu Deutschland viel weniger reguliert. Die Folge: ein härterer Preiswettbewerb.

Deutschland übt

"Die deutschen Kunden sind noch immer sehr normgesteuert und reagieren daher nicht so sehr auf Preisnachlässe", sagt Leininger. Wenn sie billig einkaufen wollen, können deutsche Verbraucher immer noch auf Discounter ausweichen, die mit ihren Billigpreisen ständig das so genannte "Nichtmarkensegment" bedienen.

Auch Uwe-Christian Täger vom Institut für Wirtschaftsforschung München bezweifelt, dass sich die deutsche Kundschaft mit ähnlichen Billigpreis-Aktionen wie in den USA anfreunden wird. "Die Rabattaktionen werden sich schnell abnutzen, denn der eher konservative deutsche Konsument schaut auf Qualität".

Die Niedrigpreis-Aktionen im deutschen Vorweihnachtsgeschäft sind eine Reaktion der Händler auf den wirtschaftlichen Abschwung. Es geht heute weniger darum viel Geld zu verdienen als vielmehr um die Sicherung von Marktanteilen. Je mehr Kunden der Handel heute gewinnen kann, umso besser verläuft der Start, wenn der Aufschwung kommt. Doch wann das passiert, weiß keiner.

Bis dahin empfiehlt Wolfgang Leininger der Politik, den ausgebrochenen Preiskampf durch gelockerte Ladenöffnungszeiten abzuschwächen – genau das, was die Gewerkschaften nicht wollen. Den Protesten der Gewerkschaften gegen Maßnahmen wie diese und die aktuellen Rabattaktionen hält der Wissenschaftler entgegen, dass auch neue Arbeitsplätze im Einzelhandel entstehen können – auch wenn es sich dabei nur um "McJobs" handelt, um Arbeitsplätze für gering Qualifizierte mit teilweise fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Ob es allerdings besser ist, wenn ein qualifizierter Fachverkäufer durch zwei McJobs ersetzt wird, will heute noch niemand entscheiden.

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