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Bildung

"Wir können auch anders!"

Bezahlstudium und Elitehochschulen. So sieht die schöne neue Hochschulwelt aus. Die Bildungsgewerkschaft GEW will da nicht mitziehen. Sie entwickelt ihr eigenes wissenschaftspolitisches Programm.

Brille mit Geldscheinen, Symbolbild für Studiengebühren (Foto: chromorange)

Fürs Studium bezahlen? Die GEW sagt Nein!

Von wegen politikverdrossen: Mitte Juni gingen 100.000 Schüler und Studenten in mehr als 80 Städten bundesweit auf die Straße, um ihrer Wut Luft zu machen. Ihr Ziel: Mehr Bildungsgerechtigkeit in Schulen und Universitäten.

Unterstützt werden die Streikenden von der großen deutschen Bildungsgewerkschaft GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Um ihre Forderungen zu untermauern, hat die Gewerkschaft im Rahmen der Tagung "Wir können auch anders!" in Berlin ihr gleichnamiges wissenschaftspolitisches Programm vorgestellt. Die GEW, die rund 250.000 Mitglieder bundesweit hat, tritt auch für die Rechte von Studierenden ein. "Es ist höchste Zeit für eine Kehrtwende in der Bildungspolitik", fordert der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. "Schulen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen sind chronisch unterfinanziert." Während über Nacht hunderte Milliarden Euro für die Rettung der Banken und der Automobilindustrie bereit gestellt worden seien, täten sich Bund und Länder schwer, wenn es um die dringend erforderlichen Zukunftsinvestitionen in die Bildung gehe.

GEW sagt Nein zur "unternehmerischen Hochschule"

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ulrich Thöne (Foto: dpa)

GEW-Chef Ulrich Thöne

Ihr neues wissenschaftspolitisches Programm versteht die GEW als Gegenentwurf zur "unternehmerischen Hochschule", einem Modell, das vom wirtschaftsnahen Centrum für Hochschulentwicklung CHE in Gütersloh vorangetrieben wird. Die Idee des CHE: Die Hochschulen in Deutschland sollen stärker wettbewerbsorientiert arbeiten. Studierende sind demnach Kunden, die für das Studium zahlen müssen. Die Hochschulen wiederum sollen sich ihre Studierenden nach deren Profil und Leistung auswählen dürfen und untereinander um Studierende, hoch qualifizierte Professoren und Drittmittel konkurrieren.

Die GEW lehnt dieses Modell entschieden ab. "Wir können auch anders!" lautet deshalb der Titel des jetzt vorgestellten wissenschaftlichen Programms – und klingt damit beinahe trotzig, in jedem Falle aber fest entschlossen, die bildungspolitischen Weichen neu zu stellen. Wie aber sieht der Gegenentwurf der GEW aus?

Studienhonorare für alle Studentinnen und Studenten

Da ist zuallererst die Forderung, die Hochschulen zu öffnen, indem Studiengebühren komplett abgeschafft und mehr Studienplätze geschaffen werden und indem die Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz – kurz BAföG – ausgeweitet werden. Nur etwa 20 Prozent aller Studierenden in Deutschland erhält BAföG, kritisiert die GEW. Um Jugendlichen aus allen Gesellschaftsschichten ein Studium zu ermöglichen, sollten alle Studierenden stattdessen ein elternunabhängiges Studienhonorar bekommen.

Ein Umdenken fordert die GEW auch bei der Bologna-Reform, die einen großen europäischen Hochschulraum schaffen will, mit europaweit vergleichbaren Studiengängen, mehr Transparenz und Mobilität, mit kürzeren Studienzeiten und mit dem Ziel, die Studierenden auf das Berufsleben vorzubereiten. Die GEW zieht eine negative Bilanz der Bologna-Reform. Die meisten Ziele seien nicht annähernd erreicht worden. Aktuelle Umfragen geben der GEW Recht: Studierende in vielen der neuen Bachelorstudiengänge gehen seltener zum Studium ins Ausland und klagen über eine größere Arbeitsbelastung. Rückgängig machen will die Gewerkschaft den Bologna-Prozess nicht, aber sie fordert, nachzubessern und die Studierenden ins Zentrum der Reform zu rücken.

Spezielle Förderung für Frauen und Nachwuchswissenschaftler

Ein Studenten demonstriert gegen Studiengebühren (Foto: dpa)

Studenten und Gewerkschaft sind sich einig: "Weg mit der Uni-Maut!"

Außerdem auf der wissenschaftspolitischen Agenda der GEW: familienfreundliche und geschlechtergerechte Hochschulen mit mehr Teilzeitjobs und einer besseren Kinderbetreuung, demokratische Strukturen mit stärkeren Rechten insbesondere für Studierende, mehr unbefristete Stellen vor allem auch für Nachwuchswissenschaftler und eine finanzielle Förderung der Hochschulen in der Breite statt der derzeitigen Unterteilung der Hochschulen in Elite- und Massenunis.

Von den Studierenden scheint die GEW mit diesen Forderungen Rückendeckung zu bekommen. Bei Anja Gadow beispielsweise, Vorstandsmitglied im fzs, dem freien zusammenschluss von studentInnenschaften, der nach eigenen Aussagen rund eine Million Studierende vertritt, rennt die Gewerkschaft offene Türen ein. "Ich kann keine Kritikpunkte an dem Programm finden", sagt Anja Gadow. GEW und fzs haben ein "Bündnis der Lernenden und Lehrenden" angekündigt, um einen Kurswechsel insbesondere im Bologna-Prozess zu erreichen. Jetzt müssen sie nur noch die Politiker überzeugen.


Autorin: Svenja Üing
Redaktion: Gaby Reucher