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Deutschland

"Wir Juden müssen mitten in der Gesellschaft leben"

Seit 1989 sind rund 190.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Dieter Graumann, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden, sprach mit DW-World über die Integration der Neubürger.

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Dieter Graumann

DW-World: " Integration" gehört seit Jahrzehnten zu den schillerndsten Begriffen der Politik - und zu den umstrittensten. Was verstehen Sie darunter?

Dieter Graumann: Aus meiner Sicht ist Integration das Bemühen, sich in einer Gesellschaft einzufügen ohne die eigene Identität aufzugeben. Wir Juden zum Beispiel wollen jüdisch sein können und zwar in einem Land, das uns als jüdisch respektiert und uns gleichzeitig nicht ausgrenzt. Das wäre ein Ziel der Integration, das wir uns wünschen würden.

Wie verläuft der Integrationsprozess der Neumitglieder in der jüdischen Gemeinschaft?

Die Integration von Neumitgliedern weist manchmal Schwierigkeiten auf. Es ist schon eine semantische Kuriosität, dass in unserer Gemeinschaft eine Minderheit, die selbst nicht richtig integriert ist, die Mehrheit integrieren soll, aber es gelingt. Hier darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass die jüdischen Migranten sowohl für die jüdische Gemeinschaft als auch für die deutsche Gesellschaft eine Bereicherung und keine Belastung darstellen. Deswegen kämpfen wir darum, dass die Zuwanderung nach Deutschland weiter geht. Dies ist uns wichtig, weil das jüdische Leben in Deutschland so jene Dynamik, Vitalität und Perspektive erhält, die uns allen weiterhelfen.

Wie deutsch kann ein Migrant sein?

Die Juden haben in diesem Punkt eine schmerzliche historische Erfahrung. Wir hatten hier in Deutschland ja eine jüdische Bevölkerung, die versuchte, sehr deutsch zu sein; sozusagen deutscher als die Deutschen. Und am Ende haben wir gesehen, dass das ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus gar nicht geholfen hat. Wir ziehen daraus den Schluss und die Lehre, dass keiner ein besserer Deutscher wird, indem er aufhört Jude zu sein. Sich zu der eigenen Identität zu bekennen und diese zu pflegen, steht nicht im Widerspruch dazu, dass man ein pflichtbewusster deutscher Staatsbürger ist. Das gilt für andere Migrantengruppen und genauso für die jüdische Gruppe.

Auf welche Probleme stoßen jüdische Migranten, wenn sie sich in die deutsche Gesellschaft integrieren möchten?

Die jüdischen Migranten, die hier aus der ehemaligen Sowjetunion einwandern, haben zunächst einmal ganz existentielle Probleme. Sie bestehen meistens darin, keine Wohnung Ausbildung oder Arbeit zu haben. Diese Probleme sind so groß, dass die jüdischen Migranten zunächst einmal vollkommen beherrscht und eingenommen davon sind, sie zu lösen. Ein Mensch, der sich darum kümmern muss, eine Wohnung oder Arbeit zu finden, konzentriert sich zunächst auf diese Ziele. Aber mit der Zeit ändert sich das. Wir hoffen, dass die Menschen, die länger hier sind, sich doch in die Gesellschaft einfügen können. Wir sehen das schon an der zweiten Generation der jüdischen Migranten.

Welche Rolle spielt die Religion im Integrationsprozess?

Die Religion an sich ist zunächst kein Integrationshindernis und befördert auch nicht die Integration. Religion ist eine persönliche Sache jedes Einzelnen und darf weder eine Barriere sein noch ein Transportmittel, um die Integration zu beflügeln. Natürlich macht es Sorge, wenn wir sehen, dass da und dort Parallelgesellschaften entstehen. Ich weiß von uns Juden, dass wir uns bemühen, nicht im Ghetto zu leben; auch nicht im selbst gebauten Ghetto. Wir müssen mitten in der Gesellschaft leben, unser Judentum bewusst pflegen und uns nicht gegen andere abschotten.

Wie wichtig ist es, dass die Migrantengruppen jeweils von einer Organisation vertreten werden?

Hier will ich niemandem eine Lektion erteilen, aber wir Juden haben die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, unsere Kräfte nicht zu zersplittern und mit einer Stimmte zu reden. Wer nämlich mit einer Stimme spricht und seine Kräfte bündelt, wird ernster genommen und politisch anders wahrgenommen als wenn viele zersplitterte Einzelorganisationen eine Migrantengruppen vertreten. Wir Juden haben es aber auch nicht immer leicht, unsere politische Stimme vereint zu halten. Deswegen müssen wir auch immer wieder sehr hart darum kämpfen, diese Einheit zu erhalten.

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