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Wirtschaft

"Wir investieren zu wenig."

Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, äußert sich im Gespräch mit der DW zu den Problemen der deutschen Wirtschaft und zu Chancen und Risiken der EZB-Politik.

DW: Herr Fratzscher, inwieweit überschätzen wir unsere Wirtschaft?

Marcel Fratzscher: Wir haben sicherlich in vielerlei Hinsicht immer noch eine große Euphorie in Deutschland über unsere wirtschaftliche Leistung. Aber langsam fangen wir an zu realisieren, dass doch vielleicht nicht alles Gold ist, was glänzt. Wir sehen vor allem in den letzten Wochen und Monaten eine Menge schlechter Nachrichten über die deutsche Wirtschaft. Im zweiten Quartal hatten wir ein negatives Wachstum. Auch im dritten Quartal sieht es nicht viel besser aus. Wir brauchen ein fundamentales Umdenken, um zu realisieren: Wir sind wirtschaftlich nicht so stark, wie es vielleicht aussehen mag.

Was sind die Hauptprobleme?

Wir haben Probleme in vielen Bereichen. Ein Wachstumsproblem: Die Wachstumsentwicklung in Deutschland ist deutlich schlechter geworden - vor allem, weil es Europa schlecht geht. Wir können nicht langfristig deutlich wachsen, wenn Europa stagniert oder sogar in einer Rezession ist. Wir haben nach wie vor ein riesiges Investitionsproblem in Deutschland. Wir investieren zu wenig. Wir sehen es beim öffentlichen Bereich, bei Straßen, bei Brücken, aber auch bei Schulen. Und wir sehen es im privaten Bereich, wo immer weniger in Deutschland und immer mehr im Ausland investiert wird. Letztlich schaden wir damit der deutschen Volkswirtschaft.

Wie kann Deutschland, vor allen Dingen die Politik, da gegensteuern?

Die Politik kann eine ganze Menge machen. Denn in gewisser Weise stehen wir hervorragend da, um die richtige Weichenstellung zu setzen. Der Staat, die öffentliche Hand, hat leichte Überschüsse, hat also eine Menge Möglichkeiten, öffentliche Investitionen anzuschieben: die Verkehrsinfrastruktur zu verbessern, die digitale Infrastruktur auf einen richtigen Weg zu bringen, mehr in Bildung zu investieren. Für die Privaten brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen. Die Unternehmen müssen wieder wissen, dass es sich lohnt, in Deutschland zu investieren. Wir haben eine leistungsfähige Infrastruktur. Wir haben die richtigen Anreize zu investieren. Und auf beiden Ebenen kann der Staat die richtigen Weichen setzen. In gewisser Weise sind wir heute sehr privilegiert.

Aber das Image von Deutschland ist ja deutlich besser als das, was Sie als Realität beschreiben.

Wir vergleichen uns immer gerne mit unseren Nachbarn. Das ist ja etwas ganz Natürliches. Und im Vergleich zu unseren Nachbarn geht es uns ganz hervorragend in Deutschland. Aber unser Anspruch sollte doch ein anderer sein. Wir sollten uns fragen: Nutzen wir wirklich unsere Fähigkeiten? Entwickeln wir das, was wir tun können, in optimaler Art und Weise? Und hier ist die Antwort: nein. Wir setzen im Augenblick die falschen Prioritäten. Wir setzen wieder mehr auf öffentlichen Konsum, auf Umverteilung. Und wir vergessen, dass wir auch heute in unsere Zukunft investieren müssen. Damit auch künftige Generationen gute Jobs, gute Einkommen und ein hohes Maß an Sicherheit haben.

Brauchen wir Europa, brauchen wir auch den Euro?

Wir brauchen Europa und den Euro. Der Euro ist ein Teil Europas, der nicht wegzudenken ist. Ja, wir haben Fehler begangen bei der Einführung des Euros. Der Euro hatte Geburtsfehler. Aber das sollte nicht bedeuten, dass wir setzt versuchen, die Uhr zurückzudrehen. Sondern wir müssen nach vorne schauen und uns fragen, was wir tun müssen, um die fehlenden Reformen nachzuholen. Was müssen wir tun, damit Europa langfristig erfolgreich sein kann? Wir sollten in die Zukunft denken und nicht in die Vergangenheit.

Teilen Sie die Ansicht, dass die Aussichten für Deutschland nicht so positiv sind?

Ja, ich teile die Ansicht. Die Aussicht für die deutsche Wortschaft ist bei weitem nicht mehr so gut wie noch vor einigen Jahren. Wir haben eine starke wirtschaftliche Abschwächung im Augenblick. Auch für die kommenden Jahre bin ich nicht optimistisch. Meine größte Sorge für Deutschland und Europa in den nächsten Jahren ist, dass wir in eine Stagnation geraten: zu wenig Wachstum, um wirklich neue Jobs zu schaffen. Zu wenig Wachstum, um gute Einkommen zu ermöglichen. Also nicht unbedingt einen Rückschritt, aber auch keinen Fortschritt. Wir könnten in eine Phase kommen, in der notwendige Reformen immer schwieriger werden. Das sehe ich nicht nur als Risiko, sondern mittlerweile als das wahrscheinlichste Szenario für Deutschland in der Zukunft.

Wir haben bereits über den Euro gesprochen. Die EZB ist ja ziemlich unter Beschuss, gerade von deutscher Seite. Wie schätzen Sie die Politik der EZB ein. Ist es richtig, Anleihen zu kaufen?

Ich halte die expansive Geldpolitik der EZB für richtig. Nicht nur für Europa, sondern auch für Deutschland. Wir sind in einer schwachen Phase, auch in der deutschen Wirtschaft. Niedrige Zinsen, mehr Liquidität für Banken, damit Unternehmen wieder an Kredite kommen zu günstigen Konditionen - das ist eine wichtige Aufgabe der EZB. Sie kann im Augenblick ihrem Mandat der Preisstabilität nicht nachkommen. Sie muss also handeln. Sie muss die Instrumente nutzen, die sie zur Verfügung hat. Deshalb halte ich diese Politik bei allen Risiken doch für richtig.

Welche Risiken sehen Sie?

Zu den Risiken, die ich bei der EZB-Geldpolitik sehe, gehört, dass auf der einen Seite Banken am Leben gehalten werden in Europa, die eigentlich abgewickelt werden müssen. Ich sehe das Risiko von Finanzmarktblasen. Ich befürchte, dass die Finanzwerte nicht mehr wirklich den Fundamentaldaten entsprechen und es in der Zukunft zu Verwerfungen kommen könnte. Ich sehe das Risiko, dass auch Kapital aus dem Euro abfließen könnte. Alle diese Risiken muss man aufwiegen gegenüber den Vorteilen der EZB-Politik. Also mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben, damit es wieder mehr Wachstum und Beschäftigung gibt. Und diese Risiken und Chancen müssen gegeneinander aufgewogen werden. Für mich überwiegen ganz klar die Vorteile und Chancen.

Marcel Fratzscher ist Makroökonom und Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Von 2008 bis 2013 abeitete er bei der EZB in Frankfurt und ist heute Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Fragen stellte Manuela Kasper-Claridge