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Nahost

"Wir hingen einer Befreiungstheologie an, ähnlich wie in Lateinamerika"

Als Khatami an die Macht kam, glaubten viele, dass mit ihm auch Reformen im Iran Einzug halten würden. Das Attentat auf seinen Vertrauten Saeed Hajjarian zeigte, dass die Konservativen immer noch die Macht hatten.

Saeed Hajjarian vor dem Attentat im März 200, Foto: AP

Saeed Hajjarian, einer der Architekten der iranischen Reformbewegung

Saeed Hajjarian spricht mit Mühe, er dehnt manche Vokale, verfängt sich zuweilen stotternd in der Mitte eines Satzes. Dieses Stottern und Dehnen ist ein großer Sieg; lange hatte niemand geglaubt, dass dieser 54-jährige Intellektuelle je wieder ein zweistündiges Interview würde geben können. Er deutet auf die Narbe an seiner linken Wange, dort traf ihn die Kugel des Attentäters; sie blieb im Nacken stecken, verletzte einen Cerebralnerv. Hajjarian lächelt ein wenig schief und sagt: "Es muss mich noch mal einer von der anderen Seite anschießen, damit ich wieder gerade lächeln kann."


Saeed Hajjarian (m.) bei einem Konkress im Jahr 2004, Foto: AP

Mittlerweile kann Saeed Hajjarian wieder sprechen und mit Hilfe laufen

Hajjarian war 1978 ein Revolutionär der ersten Stunde, gehörte später zu den Architekten des Geheimdienstes der Islamischen Republik – und wurde dann zum Krüppel geschossen von jenen, die diese Republik als ihr Eigentum betrachten. Es geschah an einem Märztag im Jahr 2000, mitten im Zentrum Teherans. Seit drei Jahren war der Reformpräsident Khatami im Amt, Hajjarian war sein engster Berater. An diesem Tag kam er zu einer Sitzung des Teheraner Stadtrats, lief die zwei Stufen hoch zum Eingang aus schwarzem Glas. Die Paradiesstraße wird gut bewacht an dieser Stelle. Doch die Soldaten rührten sich nicht, als die Täter auf einem schweren Motorrad herandröhnten und Hajjarian ins Gesicht schossen.

Schwache Reformer

Der Mordanschlag zeigte, wie wenig die Reformer an der Macht waren. Sie waren im Amt, aber die Macht war dort geblieben, wo die Kugel herkam, aus der Tiefe des Staatsapparats. Hajjarian, damals Chef einer Tageszeitung, hatte Enthüllungen über die sogenannten "Kettenmorde" veröffentlicht; ihnen waren in den 90er Jahren mehr als 80 säkulare Schriftsteller, Intellektuelle und Aktivisten zum Opfer gefallen. Es brauchte wenig Phantasie, um die Mordschützen im Fall Hajjarian in denselben Kreisen zu vermuten.

Zwei Wochen lag der Angeschossene im Koma; rund um die Uhr harrten junge Reform-Anhänger vor dem Krankenhaus aus. Als Hajjarian aufwachte, war er vollständig gelähmt, konnte nicht sprechen, nur die Augen bewegen. Neun Jahre später mischt er nun wieder in der Politik mit; seine Freunde nennen es ein Wunder.

Saeed Hajjarian (l.) mit Mohammad Khatami, Foto: AP

Vor allem gegen die enormen Klassenunterschiede hätten sie gekämpft, erinnert sich Saeed Hajjarian heute

Kampf für soziale Gerechtigkeit?


Hajjarian sieht keinen Grund, sich von seinen revolutionären Anfängen zu distanzieren. 1978 hatte er gerade sein Maschinenbaustudium beendet und diente als Offizier. Als einer der ersten folgte er Khomeinis Aufruf, aus der Armee des Schah zu desertieren. Er nahm gleich noch militärische Dokumente mit; die Armee jagte ihn. Als 25-Jährigen, erinnert sich Hajjarian, habe ihn vor allem die Empörung über die krassen Klassenunterschiede angestachelt. "Ich bin in einem Teheraner Arbeiterviertel aufgewachsen; ich kannte die Armut." War er religiös? Hajjarian antwortet mit einem Vergleich: "Wir hingen einer Befreiungstheologie an, ähnlich wie damals Christen in Lateinamerika."

Blutspuren vor dem Teheraner Stadtrat nach dem Attentat auf Saeed Hajjarian, Foto: AP

'Die Soldaten rührten sich nicht, als die Attentäter schossen'

In den chaotischen Wochen nach dem Sieg der Revolution gründete er, der Ex-Deserteur, ein "Sicherheitskomitee" in einer Armeebasis, befasste sich mit der Abwehr ausländischer Spionage. Woher nahm er die Autorität? "Jeder konnte damals machen, was er wollte. Die Lage war so durchlässig, die Revolution hatte alle Strukturen aufgeweicht." Beiläufig sagt er: "Wir beschlagnahmten Häuser."

Als Hajjarian das Konzept für einen neuen Geheimdienst schrieb, wollte er die Fehler der Schah-Zeit vermeiden, stellte sich einen Geheimdienst unter demokratischer Kontrolle vor. Hajjarian erwähnt nicht, wie fatal diese Vorstellung gescheitert ist – und es scheint vermessen, darauf zu insistieren, angesichts des Preises, den er bezahlt hat.

Religion greift nach der Macht

Schon als junger Mann, sagt er, als seine Freunde Mao und Lenin lasen, manche auch Heidegger und Hegel, habe er lieber Karl Popper studiert. In seinem Leben nach der Kugel hat ihn dann beschäftigt, warum sich Religion zwangsläufig säkularisiere, wenn sie sich mit der Politik einlässt und nach der Macht greift. "Darüber habe ich zwei Bücher geschrieben. Aber sie dürfen im Iran nicht gedruckt werden."

Die Klage gegen den Motorradfahrer, der ihn töten wollte, hat Hajjarian zurückgezogen. So sehr misstraut er den Sicherheitsbehörden, die er einst selbst mit aufbaute. Wer wisse denn, ob der junge Mann, der für die Tat verurteilt und bald wieder entlassen wurde, überhaupt der Täter gewesen sei?