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Amerika

"Wir haben unsere Mission erfüllt"

Für viele Soldaten der National Guard bedeutet der Abzug der US-Truppen aus dem Irak die Rückkehr in den Alltag. Denn sie sind hauptberuflich Lehrer, Unternehmer oder Polizisten, wie John VanLaningham.

Captain VanLaningham (Foto: VanLaningham)

Captain John A. VanLaningham

Die größte Herausforderung während des Einsatzes im Irak? Captain John VanLaningham muss kurz nachdenken. "Die Menschen dort sind nicht so gebildet, die Infrastruktur gibt das einfach nicht her", erklärt er und fährt fort: "Wenn ich mit einem Polizisten rede, dann gehe ich eigentlich davon aus, dass er lesen und schreiben kann, dass er nach einem Buch arbeiten kann und Gesetze versteht." Doch im Irak sei das anders.

"Wir mussten uns da anpassen", sagt der Kommandeur der 105. Military Police Company und beeilt sich zu versichern: "Das heißt aber nicht, dass wir sie wie Kinder behandelt haben." Viele der Iraker, die VanLaningshams Team ausgebildet hat, sind schon davor Soldaten oder Polizisten gewesen. Die Mitglieder seiner Kompanie hätten statt mit Büchern eben mehr mit Vorführungen gearbeitet. "Das hat sehr geholfen", sagt der 36-Jährige, der inzwischen wieder in seinem Heimatort Syracuse im US-Bundesstaat New York angekommen ist.

Nicht Krieg führen, sondern helfen

Im Mai ist VanLaningham mit seinen 116 Soldatinnen und Soldaten der 105. Military Police Company der New York Army National Guard im Irak eingetroffen. Für Sechs von ihnen schloss sich dabei der Kreis: Sie waren auch Anfang 2003 dabei, als der Irakkrieg begann. Jetzt war die 105. im Norden des Landes stationiert, in Kirkuk und in Mossul. Ihre Aufgabe: Irakische Polizisten zu trainieren, damit diese dann selbst wiederum Polizisten ausbilden können, und für ihre Sicherheit zu sorgen. Vor allem in Mossul, erzählt VanLaningham, "sind wir jeden Tag unterwegs gewesen". Es habe alles gut geklappt, er sei überrascht gewesen, "und sehr zufrieden, dass unsere Soldaten einen guten Ruf hatten." Er habe seinen Leuten immer wieder klargemacht, dass es hier nicht darum gehe, Krieg zu führen, sondern das Land zu stabilisieren.

VanLaningham mit First Sergeant Sheara Lea Snyder (Foto: VanLaningham)

VanLaningham während seines Einsatzes im Irak

Dass die Mitglieder der 105. Military Police Company ihren Job so gut machen konnten, liege daran, davon ist VanLaningham überzeugt, dass sie keine Berufssoldaten der regulären Armee, sondern Mitglieder der National Guard sind. Sie sind Zivilisten: Lastwagenfahrer, Polizisten, Studenten. "Die vergessen nicht, wie es sich in der Welt anfühlt, wenn man keine Uniform anhat." Das habe sich im Umgang mit der Bevölkerung im Irak bezahlt gemacht. Die National Guard Soldaten seien weniger aggressiv im Auftreten als Berufssoldaten.

Unverzichtbar auch im Irak

Diese "Bürgerwehr" ist das älteste Element der US-Streitkräfte: 375 Jahre alt – sie geht zurück auf die Kolonialzeit. Die Männer und Frauen der National Guard verpflichten sich für mehrere Jahre zu diesem Dienst. In der Regel heißt das: Ein Wochenende im Monat und zwei Wochen im Jahr wird trainiert. Sie sind sowohl ihrem Bundesstaat als auch der Regierung in Washington unterstellt und werden meist bei Notfällen eingesetzt: Überschwemmungen, Schneestürmen, Bränden. Doch seit dem 11. September 2001 hat auch die Zahl der Kriegseinsätze zugenommen. Mehr als 1,1 Millionen Soldaten waren insgesamt von 2003 bis 2011 im Irak im Einsatz. Rund ein Viertel davon kam aus den National Guards der US-Bundesstaaten. "Ohne die Guard und die Reservisten", erklärte Armee Stabschef General George W. Casey Anfang des Jahres, "könnten wir keinen Krieg mehr führen."

Captain John VanLaningham selbst hat beides erfahren: Direkt nach der Schule hat er sich zur Marine gemeldet, ist vier Jahre zur See gefahren. Danach hat er angefangen zu studieren, doch das zivile Leben "wurde schnell langweilig" und er hat sich bei der National Guard verpflichtet. 1999/2000 war er das erste Mal im Kriegseinsatz: in Bosnien. Seine jetzige Frau Cynthia hatte er gerade fünf Monate davor kennen gelernt. Sie hatte keine Erfahrung damit, sagt sie, wie es ist, mit einem Soldaten zusammenzusein. "Der Wechsel in der Kommunikation ist das Schwierigste", erzählt die 31-Jährige. Denn tagelange Funkstille heißt meistens nicht das Ende der Beziehung – sondern einfach nur einen Einsatz, der keinen Kontakt nach außen erlaubt.

Alle heil nach Hause gebracht

VanLaningham mit seiner Frau Cynthia (Foto: VanLaningham)

VanLaningham mit seiner Frau Cynthia

Seit Anfang Dezember ist John VanLaningham wieder in den USA. Er konnte nicht gleich nach Syracuse zurückkehren, sondern musste erst noch dafür sorgen, dass einige seiner Soldaten medizinisch betreut werden. "Nur Kleinigkeiten, nichts Ernstes", sagt er. Durch schwere Humvee-Türen eingeklemmte Finger und geprellte Schultern und: Sportverletzungen. "Ich bin sehr froh, dass wie keine kampfbedingten Verletzungen hatten", sagt VanLaningham. Auch das führt er auf die guten Beziehungen seiner Soldaten zu den Zivilisten zurück: "Die Einheit, die vor uns in der Gegend war, ist mehrmals angegriffen worden und es gab mehrere Verletzungen, aber wir sind nicht angegriffen worden." Das zeige gleichzeitig, dass sich die Sicherheitslage in der Gegend verbessert habe.

Durch den Truppenabzug aus dem Irak ist VanLaninghams Kompanie zwei Monate früher als geplant wieder nach Hause gekommen. Einige seiner Soldaten seien deswegen sogar enttäuscht gewesen. "Sie wollen ihren Teil beitragen", erklärt VanLaningham, und ihre Mission gerne komplett beenden. Auch er hatte sich darauf eingestellt, ein ganzes Jahr in der Kampfzone zu verbringen. Andererseits, sagt er nachdenklich, bestehe natürlich die Gefahr, dass doch noch etwas passiert, je länger man bleibt. Seine Leute, davon ist er überzeugt, hätten jedenfalls einen guten Job gemacht. "Ich hoffe, dass die Lage in der Gegend stabil bleibt." Ob die Mission im Irak insgesamt ein Erfolg sei, könne er nicht beurteilen, sagt Captain VanLaningham, aber er sei sich sicher, dass seine Leute ihren Job gut gemacht haben: "Wir haben unsere Mission erfüllt, niemand wurde verletzt, niemand wurde angegriffen, alle kamen gesund nach Hause."

VanLaningham und seine Frau (Foto: VanLaningham)

Die beiden wollen jetzt ins normale Leben zurückfinden

Cynthia Roberson-VanLaningham ist froh, dass ihr Mann zu Weihnachten wieder zu Hause ist. Allerdings muss man genau hinhören, um das zu merken, denn sie gibt sich gelassen: "Es wäre nicht der erste Feiertag, an dem wir getrennt sind, ich kann damit leben." Aber als sie erfuhr, dass er nicht gleich direkt nach Hause kommen konnte, sondern sich erst noch um seine Leute kümmern musste, ist sie ihm doch entgegengefahren. Und während der Zeit im Irak, erklärt sie, habe sie sich keine Nachrichten im Fernsehen angeschaut – zu groß sei die Gefahr gewesen, eine Meldung über einen Anschlag in einer Gegend aufzuschnappen, in der der Mann stationiert ist, und sich dann doch – allen guten Vorsätzen zum Trotz – Sorgen zu machen.

Und wie geht es weiter? Jetzt "versuchen wir wieder, zum normalen Leben zurückzukehren", sagt sie. Für John VanLaningham heißt das, seinen normalen Job als State Trooper, als Bundespolizist, wieder aufzunehmen. Verkehrskontrollen durchzuführen, Meldungen über verlorene Brieftaschen aufzunehmen und häusliche Streits zu schlichten. Aber erst einmal hat er einen Monat frei. Und fliegt mit seiner Frau in den Urlaub nach Antigua. Denn das, finden sie beide, haben sie sich reichlich verdient.

Autor: Christina Bergmann, Syracuse, New York
Redaktion: Rob Mudge

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